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Historie, Vermischtes

Edgar Cardoso – Meister der portugiesischen Ingenieurkunst

António Salazar beäugt Cardosos Entwurf für die Santa Clara-Brücke in Coimbra (Foto: Tiagosilveriomarques/Wikipedia (PD))

Vor einhundert Jahren, am 11. Mai 1913, wurde in der portugiesischen Kleinstadt Resende Edgar Cardoso geboren. Seine Mutter Amélia Teixeira de Mesquita Cardoso stammte aus einer wohlhabenden brasilianischen Familie und sein portugiesischer Vater Francisco Vítor Cardoso war Bergbauingenieur und Offizier. Seine frühe Kindheit verbrachte er in seiner Geburtsstadt. Sein Vater wurde jedoch 1924 in die Reserve versetzt und zum Direktor in der staatlichen Straßenverwaltung Junta Autónoma de Estradas (JAE) in Bragança ernannt. Die Familie mit insgesamt sieben Kindern zog daraufhin nach Porto. 1931 schloss Cardoso erfolgreich seine Schulausbildung am Liceu Alexandre Herculano ab und trat sogleich in die Fußstapfen seines Vaters: Er schrieb sich an der Universität Porto ein und begann Bauingenieurwesen zu studieren. Nach Abschluss seines Studiums im Juli 1937 begann er mit einem Praktikum bei der JAE und damit auch seine weit über 50 Jahre spannende Karriere, die einen unübertroffenen Einfluss auf das portugiesische Bauingenieurwesen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts haben sollte.

Sein Praktikum, bei dem er Betonbauwerke für eine Autobahn in Cruz das Oliveiras berechnete, schloss er erfolgreich ab und für den Abschlussbericht bekam er an der Ingenieurfakultät in Porto die Note 19 (von 20). Im Januar 1938 trat er schließlich eine Stelle bei der JAE als Ingenieur 3. Grades an und war von Anfang an im Fachbereich Brückenbau tätig. Am 7. Juni 1941 heiratete er Margarida Congeol, jedoch blieb die Ehe kinderlos. 1944 wurde er bei der JAE zum Ingenieur 2. Grades und 1951 schließlich zum Ingenieur 1. Grades befördert. Während dieser Zeit entwarf, berechnete und baute er in erster Linie Brücken. Parallel interessierte er sich auch für die Forschung und führte als erster experimentelle, modellbasierte Versuche für Tragwerke in Portugal ein. Neben seiner Tätigkeit bei der JAE eröffnete Cardoso 1944 auch ein eigenes Planungsbüro in Lissabon, das er zwei Stockwerke unter seiner eigenen Wohnung im gleichen Gebäude ansiedelte. Die Firma existiert auch heute noch und trägt weiterhin seinen Namen.

Arrábida-Brücke, Porto (Foto: Joseolgon/Wikipedia (PD))

Der Bau einer seiner ersten bekannten Brücken begann 1949. Für die Querung der Mündung des Sousa in den Douro bei Foz do Sousa entwarf er die damals mit 115 Metern am weitesten gespannte Betonbogenbrücke Portugals. Der Entwurf ist recht eigenwillig, da die oberen und unteren Platten der beiden parallelen Bögen recht weit auskragen und die Stützen der Fahrbahnaufständerung die obere Platte zu durchstechen scheinen. Die Brücke wurde 1952 fertiggestellt. Mit der Arrábida-Brücke in Porto, die nur wenige Kilometer weiter den Douro überspannt, übertraf er 1963 diese Spannweite mit 270 Metern um weit mehr als das Doppelte und stellte damit nicht nur einen neuen portugiesischen, sondern gleich einen Weltrekord für Betonbogenbrücken auf. Dabei war in der portugiesischen Fachwelt auch strittig gewesen, ob die Spannweite überhaupt technisch machbar sei. Bei diesem Entwurf sind die Platten der beiden parallelen Brückenhohlkästen in Querrichtung mit Andreaskreuzen ausgesteift, die der Unter- und Draufsicht des Bogens ein sehr ungewöhnliches, aber  ansprechendes Aussehen verleihen.

Cardoso war in allen seinen Entwürfen bestrebt, eine Leichtigkeit und Eleganz zu erreichen, die manchen seiner Brücken einen skulpturalen Charakter verleihen. Dabei war er sehr virtuos und flexibel in der Wahl der Tragsysteme und Baustoffe. Er entwarf sowohl die erste Schrägseilbrücke Portugals in Figueira da Foz (1982), die heute auch seinen Namen trägt, als auch eine mehrfeldrige Hängebrücke über den Sambesi in Tete, Mosambik, (1973) und eine gevoutete, massive Fachwerkbrücke in Mosteirô (1972), die als eines seiner Meisterwerke gilt. Teil seiner Entwurfsarbeit war auch immer die Arbeit mit Modellen. An ihnen testete er das Tragverhalten und maß die Kräfte mit von ihm selbst erfundenen Geräten.

São João-Brücke, Porto (Foto: Joseolgon/Wikipedia (PD))

Am 22. Dezember 1951 war Cardoso zum Professor an dem Instituto Superior Técnico (IST) in Lissabon berufen worden, musste jedoch als Folge der Nelkenrevolution von 1974 seinen Lehrstuhl vorübergehend räumen, da ihm eine zu starke Nähe zum Regime von António Salazar (1889-1970) vorgeworfen wurde. 1979 wurde er rehabilitiert und war bis zu seiner Pensionierung 1983 wieder als Professor tätig. Für die Zeit dazwischen wurden ihm eine Million Escudos als Entschädigung gezahlt, die er jedoch nicht annahm. Mit dem Geld gründete das IST eine nach ihm benannte Stiftung, die seitdem Stipendien und Forschungspreise vergibt. Seine Pensionierung bedeutete jedoch nicht das Ende seiner Schaffenskraft. Er konzentrierte sich nunmehr auf die Planung von Bauwerken. Sein letzter eigener Entwurf war die São João-Brücke in Porto (1991). Diese Spannbeton-Rahmenbrücke mit 250 Metern Spannweite, die den Eisenbahnverkehr von Eiffels alternder Maria-Pia-Brücke übernehmen sollte, wäre in den Händen eines anderen womöglich klobig und schwerfällig geworden; Cardoso machte daraus eine formschöne und elegante Brücke, die ihresgleichen sucht.

Ponte Samora Machel, Tete, Mosambik (Foto: Erik Cleves Kristensen (CC-BY-SA 2.0))

Aus dem aktiven Entwerfen zog sich Cardoso danach zurück, war jedoch noch einige Jahre als Berater tätig, darunter auch beim Bau der Landebahnbrücke am Flughafen von Madeira. Er verstarb am 5. Juli 2000 in Lissabon und hinterließ ein außergewöhnliches Erbe der Ingenieurkunst, das nicht nur Bauwerke in ganz Portugal beinhaltet, sondern auch in den ehemaligen portugiesischen Kolonien. Seine Werke prägen Porto genauso wie Macau, Mosambik oder Angola. Bei einer Umfrage eines portugiesischen Fernsehsenders zu den wichtigsten Portugiesen aller Zeiten war er an 87. Stelle der einzige Ingenieur, der unter die ersten 100 gewählt wurde.

Interview mit Edgar Cardoso (auf Portugiesisch)

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Interview anlässlich des Baus der São João-Brücke in Porto (RTP / LUISFER)

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Datum 11. Mai 2013
Autor Nicolas Janberg
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