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Bauwerksgeburtstag

Vier Männer und der 300 Meter hohe Turm

Am 31. März 2014 wird der Eiffelturm in Paris 125 Jahre alt, denn an diesem Tag im Jahr 1889 wurde der Turm von Gustave Eiffel (1832-1923), dessen Name der Turm trägt, offiziell eröffnet.  Die eigentliche Geschichte des Turmes beginnt aber schon einige Jahre früher. Sie ist auch nicht alleine die Geschichte von Gustave Eiffel und seinem Turm, sondern auch der drei anderen Männer, die wesentlich an Entwurf und Bau dieses Bauwerks beteiligt waren.

Gustave Eiffel (1888)

Gustave Eiffel (1888) (Foto: Félix Nadar (1820-1910))

Eiffel selbst wurde am 15. Dezember 1832 als Gustave Bönickhausen in Dijon geboren. Sein Vater Alexandre war Offizier und seine Mutter Catherine Moneuse hatte sich im Holzhandel ein eigenes Vermögen erwirtschaftet. Er studierte an der Ecole Centrale des Arts et Manufactures und schloss als Chemie-Ingenieur 1855 sein Studium ab. 1856 lernte er den Metallbau-Unternehmer Charles Nepveu kennen, der ihn zum Projektleiter im Eisenbahnbrückenbau machte. Er leitete von 1857 bis 1860 den Bau der 500 Meter langen Eisenbahnbrücke in Bordeaux, die heute seinen Namen trägt. Nach weiteren erfolgreichen Projekten entschied er 1866, eine Metallbaufirma in einem Pariser Vorort zu kaufen, um selbständig arbeiten zu können. Eiffel zeigte vor allem auch Talent darin, weitere talentierte Ingenieure anzuheuern. Sein erster Partner wurde 1868 Théophile Seyrig (1843-1923), mit dem er viele Projekte verwirklichte. Der Höhepunkt der Zusammenarbeit war die Maria-Pia-Brücke in Porto (1876-1879), die ihm auch internationale Aufmerksamkeit einbrachte, auch weil er das mit Abstand günstigste Angebot abgab. Es folgten weitere Brückenbauwerke in aller Welt, die seinen guten Ruf noch weiter zementierten. Seinen Namen änderte Eiffel offiziell erst 1880, wobei seine Familie schon lange vorher den Beinamen “Eiffel” trug, um nicht als deutsche Einwandererfamilie zu gelten.

Maurice Koechlin etwa 1886

Maurice Koechlin etwa 1886

Als der erste Entwurf für einen 300 Meter hohen “Pylon” entstand war Eiffels Firma somit bereits international bekannt. Auch waren die Auftragsbücher gut gefüllt, als man im Mai 1884 in Paris begann über die Organisation einer vierten Weltausstellung in der Stadt zu diskutieren, die 1889 das hundertjährige Jubiläum der Französischen Revolution markieren sollte. Währenddessen drehte sich im Entwurfsbüro des Hauses Eiffel, das von seinem Angestellten Maurice Koechlin (1856-1946) geleitet wurde, die Aufmerksamkeit um die aktuellen Projekte: Das Tragwerk der Freiheitsstatue  war im Bau, der Bogen des Viaduktes von Garabit am Anfang des Monats geschlossen worden und im November sollte die Brücke in Cubzac eröffnet werden, um nur einige Projekte zu nennen. An einem dieser Mai-Tage betrat Eiffel das Entwurfsbüro mit einem ungewöhnlicheren Anliegen als sonst: Er eröffnete den anwesenden Ingenieuren, dass man von ihm ein Werk für ebendiese Weltausstellung verlangte, “Haben Sie eine Idee? Ich erwarte ihre Vorschläge.” Er verließ dann aber gleich wieder das Büro, um sich um die anstehende Hochzeit seiner Tochter Laure zu kümmern.

Der im Elsass geborene Maurice Koechlin war nur fünf Jahre vorher zu Eiffels Firma gestoßen. Er hatte 1877 sein Studium als Jahrgangsbester am Züricher Polytechnikum (heute ETH) abgeschlossen und dort auch unter Karl Culmann (1821-1881) gelernt. Er arbeitete daraufhin als Ingenieur bei der Compagnie des chemins de fer de l’Est, wurde 1879 dann aber in aller Eile von Eiffel rekrutiert, um Théophile Seyrig zu ersetzen, mit dem er sich gerade im Projektstadium des Garabit-Viadukts verworfen hatte. Zum Zeitpunkt, an dem Eiffel um Vorschläge für die Weltausstellung bat, war er als Leiter der Entwurfsabteilung (bureau de dessin) fest etabliert.

Émile Nouguier im Jahre 1865

Émile Nouguier im Jahre 1865

Ein anderer wichtiger Angestellter war Émile Nouguier (1840-1898), der an der Ecole polytechnique 1861 seinen Abschluss gemacht hatte und dann bis 1865 an der Ecole nationale supérieure des mines de Paris zum Bergbauingenieur ausgebildet wurde. Daraufhin arbeitete er bei Ernest Goüin et Cie. unter anderem auch am Ausstellungspavillon der Weltausstellung von 1867, der zweiten in Paris. In diesem Jahr wechselte er dann zu Eiffel et Cie. und war 1884 bereits Leiter des bureau des méthodes, also desjenigen Büros im Hause, das sich um die Ausführung der Projekte kümmerte.

Koechlin und Nouguier befassten sich nach Eiffels Aufruf sehr intensiv mit dem möglichen Projekt, das für die Weltausstellung besondere Aufmerksamkeit erregen sollte. Beide scheinen sofort an einen sehr hohen Turm gedacht zu haben. Zu dieser Zeit waren schon verschiedene Vorschläge zum Bau eines 1000-Fuß hohen Turms gemacht worden – auch stand in Washington, D.C., in den USA das Washington Monument kurz vor der Fertigstellung. Es sollte mit 169 Metern Höhe den Kölner Dom als höchstes Bauwerk der Welt übertreffen.  Die 1000-Fuß-Marke (etwa 304 Meter) war am Ende des 19. Jahrhunderts eine Obsession unter Ingenieuren und Architekten geworden, so wie es heute vielleicht die 1000-Meter-Marke ist. Daher ist es wenig verwunderlich, dass Koechlin und Nouguier ebenfalls in diese Richtung dachten. Das Projekt für die Weltausstellung spornte aber besonders Koechlin an, der schließlich am 6. Juni 1884 in seiner Wohnung in der 11, rue Châtelier in Paris trotz fehlender Zeichenutensilien einen groben Vorentwurf für einen 300 Meter hohen Turm skizzierte. Die Skizze zeigt zwar eindeutig einen Vorläufer des schließlich ausgeführten Projektes, ähnelt aber mehr einem eisernen, wenn auch sehr hohen Brückenpfeiler, eben die Art von Bauwerk, die Koechlin bis dahin wohl am häufigsten bearbeitet hatte. Man sieht ihm aber auch das technische Fachwissen an, das Koechlin an den Tag legte: Die größte Last, der der Turm zu widerstehen hatte, war der Wind. Die Form glich daher sehr stark dem Momentenverlauf eines vertikalen Kragarmes unter gleichmäßiger Last. Koechlin nannte auf der Skizze Nouguier als Mitautor für das Projekt.

Stephen Sauvestre

Stephen Sauvestre (Wikipedia (PD))

Kurz darauf präsentierten Koechlin und Nouguier die Skizze ihrem Chef. Eiffel war nicht ganz so enthusiastisch eingestellt: “Es ist sehr interessant, aber ich sehe bei der Ausführung erhebliche Probleme”. Das Projekt erhielt nach diesem Gespräch erst einmal wenig Aufmerksamkeit. Als Eiffel jedoch von der Stadt Paris vorgeladen wurde, um seinen Vorschlag den Ratsmitgliedern zu präsentieren, stellte er ihnen das Projekt des 300-Meter-Turmes trotz eigener Vorbehalte vor, da es ihm an einer Alternative mangelte. Hinter dem Rat der Stadt Paris stand Charles de Freycinet (1828-1923), selbst ausgebildeter Ingenieur, ehemaliger Minister für öffentliche Bauten und Regierungschef eines frühere Kabinetts, dem die Idee eines außergewöhnlichen Bauwerks sehr gefiel und wie manch andere vielleicht auch an das bis dahin unmöglich erscheinenden Projektes eines 1000 Fuß hohen Turmes dachte. Eiffel selbst war aber noch nicht vollständig überzeugt. Es blieb daher bei einem “Ja, vielleicht…”, weshalb sich Nouguier und Koechlin an den Architekten Stephen Sauvestre (1847-1919), Chefarchitekt der Compagnie des établissements Eiffel (Name der Firma seit dem 30.6.1879), wendeten. Sauvestre machte aus Koechlins spartanischem “Pylon” ein wahres Eingangstor für die Weltausstellung, welches auch ein Zweck des Turmes sein sollte. Die vier allein stehenden Füße verband er mit wohlgeformten Bögen und reduzierte die Anzahl der Plattformen von fünf auf drei ohne dabei die dekorativen Elemente zu vergessen.

Dieses Projekt überzeugte schließlich auch Eiffel, selbst wenn es noch nicht um den ausgeführte Entwurf handelte. Da aber die Zeit drängte, weil sich die Presse inzwischen schon rege mit der geplanten Weltausstellung auseinandersetzte und auch andere auf die Idee hätten kommen können, einen solchen Turm zu bauen, wurde Eiffel aktiv. Am 18. September 1884 ließ er den Entwurf als Patent mit der Nummer 164364 anmelden. Koechlin und Nouguier wurden in der Anmeldung ebenfalls als Erfinder genannt. Bereits am 27. September wurden die Pläne bei der Exposition des arts décoratifs auch öffentlich ausgestellt.

Offiziell wurde erst am 8. November per Dekret entschlossen, dass vom 5. Mai bis 31. Oktober 1889 in Paris erneut eine Weltausstellung stattfinden würde, die auch einen wahrhaft internationalen Charakter haben sollte. Dass der Turm für diese Ausstellung auch gebaut werden würde, war zu diesem Zeitpunkt aber noch keineswegs sicher. Die Idee nahm zwar zwischen den vier Beteiligten immer konkretere Formen an, jedoch musste die Weltausstellung selbst noch verschiedene politische Hürden nehmen: Die Finanzierung war zu sichern, die Austellungsbauten zu planen und es musste entschieden werden, was mit ihnen nach dem Ende der Ausstellung geschehen sollte. Auch der Standort – innerhalb oder außerhalb der Stadt? – war noch nicht festgelegt. Viele Fragen waren also zu klären, die den Entwurf des Turmes selbst nur indirekt betrafen.

Vorentwürfe zum Eiffelturm (von links: Koechlin/Nouguier; Sauvestre; Eiffel)Vorentwürfe zum Eiffelturm (von links: Koechlin/Nouguier; Sauvestre; Eiffel)

Dies war aber die Phase in der Entstehung des Turmes, in der er tatsächlich Eiffels Turm wurde, wo er doch bis dahin nichts mit dem Entwurf zu tun hatte. Mit Eile ging Eiffel die nächsten Schritte an, denn es galt potentiellen Konkurrenten zuvorzukommen. Ein Turmprojekt wurde in der Planungskommission für die Ausstellung bereits am 25. November erwähnt. Um die rechtliche Situation klar zu stellen, kaufte Eiffel die Anteile Koechlins und Nouguiers am Turmpatent am 12. Dezember des Jahres ab. Seine Mitarbeiter sollten nachher 2% der Baukosten erhalten, was sich schließlich auf 102 836 Francs summierte. Damit hielt Eiffel alle Rechte am Entwurf des Turmes, übernahm aber auch weitestgehend die Federführung bei der weiteren Bearbeitung des Projektes. Bereits am Folgetag veröffentlichte die Zeitschrift Le Génie Civil einen Vergleich zweier Turmprojekte: Neben Eiffels Turm wurde eine riesige Säule vorgestellt, die aus Mauerwerk erbaut werden sollte und vom Architekten Jules Bourdais (1835-1915) entworfen worden war, der auch die Gebäude für die Weltausstellung von 1878 gezeichnet hatte. Die Säule sollte an ihrer Spitze mit elektrischen Feuern ausgestattet werden und die ganze Stadt Paris erhellen. Der Artikel favorisierte aber eher den eisernen Turm, da er z.B. auch militärisch und strategisch nutzbar schien.

Am 6. Februar 1886 wurde Bourdais Projekt in einer besonderen Sitzung der Société des ingénieurs civils diskutiert. Eiffel hatte sich bisher mit Kritik zurück gehalten, nutzte aber die Gelegenheit, um Bourdais Ausführungen bloßzustellen, da er anhand dessen Angaben keine nachvollziehbare Berechnung erkennen konnte. Er bat auch darum, sein eigenes Projekt vorstellen zu dürfen, wozu er am 30. März dann Gelegenheit bekam. Trotz exakter und detaillierter Vorbereitung der Präsentation, ließ er es sich natürlich nicht nehmen, in dieser Zeit nun auch seine Tochter Claire zum Altar zu führen. Er stellte das Projekt schließlich bis ins letzte technische Detail vor, inklusive der Kosten, die sich aber trotzdem noch im Laufe des Projektes verdoppeln sollten. Die Bauzeit wurde auf 26 Monate geschätzt und wurde tatsächlich später eingehalten. Zu seinen Argumenten zählten auch die vielfachen Nutzungsmöglichkeiten des Turms: Eiffel selbst führte z.B. nach Eröffnung des Turmes eigene aerodynamische Versuche an der Turmspitze durch.

Bis zum Bau des Turmes waren allerdings noch viele politische Hindernisse zu überwinden, deren sich Eiffel jedoch gewachsen zeigte. Ein Regierungswechsel im Januar 1886 war zwar ein Zeichen der politischen Instabilität des Landes zu der Zeit, war aber für Eiffel eigentlich ein Segen. Regierungschef wurde erneut der bereits erwähnte Charles de Freycinet, der wiederum Edouard Lockroy (1838-1913) zum Handels- und Industrieminister ernannte. Lockroy trieb die Weltausstellung im Parlament entschieden voran und schrieb einen Architekten- und Ingenieur-Wettbewerb für die Gestaltung des Ausstellungsgeländes aus, in der ein eiserner Turm von 300 Metern Höhe und 125 Metern Seitenlänge im quadratischen Grundriss vorgeschrieben wurde. Auch wenn Lockroy sich damit als Verfechter Eiffels offiziell darbot und der Wettbewerb effektiv in Richtung von Eiffels Projekt manipuliert wurde, blieb der Rest des Jahres für Eiffel und seinen Turm eine Zitterpartie. Eiffels Turm wurde sowohl von der Wettbewerbs-Jury für die Ausstellung mitprämiert als auch von einer zweiten, ebenfalls von Lockroy eingesetzten, technischen Kommission als realisierbar eingestuft. Zudem bat Eiffel an, die Finanzierung des Projektes selbst zu übernehmen, musste aber nach steigenden Kostenschätzungen doch eine Subvention von 1,5 Millionen Francs von der Stadt erbitten. Dies stieß in der Gesellschaft wiederum bitter auf.

Im Laufe des Jahres prozessierte auch eine Anrainerin des inzwischen als Austragungsort ausgewählten Champs de Mars gegen den Bau der Ausstellung und des Turmes, da sie um den vertraglich zugesicherten freien Zugang zum Parkgelände fürchtete, bekam aber letztendlich nicht Recht. Eiffel schloss dann endlich am 8. Januar 1887 den Konzessionsvertrag mit der Stadt, Inhaberin des Grundstücks, und der Republik, Veranstalterin der Weltausstellung, in dem die Subvention zugesagt wurde, er aber auch alle rechtlichen Risiken übernahm. Mit Unterzeichnung des Konzessionsvertrages durfte Eiffel den Bau beginnen und während der Ausstellung sowie für 20 Jahre danach die Einnahmen des Turmes behalten. Er verpflichtete sich aber gleichzeitig auch, den Turm für die wissenschaftliche Nutzung zugänglich zu machen und sogar Räume dafür bereit zu stellen.

Im Jahr 1886 formierte sich auch der erste Widerstand aus der künstlerischen Gemeinde von Paris gegen das als hässlich eingestufte Bauwerk. Die Künstler ließen sich in vielfältiger Form über den stets abfällig genannten “Tour Eiffel” aus. Auch wenn die Pariser Künstler mit der Bezeichnung, Spott und Häme ausdrücken wollten, ist es inzwischen nicht nur der offizielle Name des Turmes geworden, sondern er trägt ihn heute auch zu Eiffels Ehren. Eiffel selbst nannte ihn immer nur den 300 Meter hohen Turm.

Fortsetzung: 125 Jahre Eiffelturm in Paris

Quellen und weiterführende Literatur

 

Leserkommentare

  1. Ulrich Castrischer | 20. Februar 2014

    Ein sehr schöner Artikel, freue mich auf die Fortsetzung!

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Datum 18. Februar 2014
Autor Nicolas Janberg
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