momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Projekte

Bauen für Onkel Ho: deutsche Architekten- und Ingenieurskunst in Vietnam

Hanoi Museum

Hanoi Museum (Foto: Falk Jaeger)

Wenn der vietnamesische Architekturpreis vergeben wird, haben meist Deutsche etwas zu feiern. Die Leuchtturmprojekte, die in den letzten Jahren in Hanoi Aufmerksamkeit erregten, entstanden fast alle im Hamburger im Büro von Gerkan Marg und Partner, die inzwischen in Hanoi eine Dependance betreiben. Jeweils mit von der Partie: das Ingenieurbüro Inros Lackner AG. Die Ingenieurfirma hat ihren Hauptsitz in Rostock, dies der Grund, weshalb das Hanoi Museum für Stadtgeschichte auch hierzulande für lobenswert befunden wurde. 2011 gab es den ersten Preis des Ingenieurpreises Mecklenburg-Vorpommern für die Ingenieurarbeit an dem von gmp entworfenen Bauwerk.

Begonnen hatte das Engagement Meinhard von Gerkans in dem südostasiatischen Land 2003 mit dem 1. Preis eines Gutachtens für das Nationalparlament mit Kongresszentrum am Ba Dinh Platz, direkt gegenüber dem Mausoleum, in dem der einbalsamierte Ho Chi Minh (Onkel Ho, wie man gerne sagt) aufgebahrt ist. Das Projekt kam jedoch zum Erliegen, weil auf dem Gelände im historischen Regierungsviertel der „versunkenen Stadt“ die archäologischen Reste einer 1000 Jahre alten Zitadelle entdeckt wurden, die seitdem frei gelegt und erkundet werden. Das Quartier gehört inzwischen zum Weltkulturerbe.

Das Kongresszentrum wurde jedoch dringend für die APEC Konferenz 2006 gebraucht, mit der Vietnam international wieder auf die politische Bühne treten wollte. Ein neuer Bauplatz westlich des Zentrums wurde gefunden und gmp erhielt einen Direktauftrag zum Bau des Nationalen Kongresszentrums NCC. Der mit seinem wellenförmigen Dach sich poetisch im See spiegelnde Bau war für die örtlichen Verhältnisse überdimensioniert und wird seitdem nur selten ausgenutzt. Aber er hat Wahrzeichencharakter und hat in der vietnamesischen Hauptstadt neue Maßstäbe gesetzt, Maßstäbe was Gestalt- und Bauqualität sowie funktionale Perfektion betrifft.

Gleich nebenan entstand nach einem 2005 gewonnenen Wettbewerb das Museum der Stadt Hanoi. Der im Grundriss quadratische, nach oben in vier Geschossen kräftig auskragende Bau könnte für Chinas Pavillon auf der EXPO 2010 in Shanghai Pate gestanden haben, der sich desselben Motivs bediente. Im Inneren überrascht ein weiter, runder Lichthof mit einer spiralförmigen Rampe nach Frank Lloyd Wrights Guggenheim-Prinzip, mit der die Ebenen verbunden und erschlossen sind. Das Haus ist schon ein Publikumsmagnet, obwohl derzeit nur interimsweise 2b-Ausstellungen zu sehen sind. Die endgültige Ausstellung wird im nächsten Jahr eröffnen.

Innenministerium Hanoi

Innenministerium Hanoi (Foto: Falk Jaeger)

Qualitätsstandards im Verwaltungsbau haben gmp mit dem MOPS gesetzt. Das Ministry of Public Security ist eine Art Superministerium für innere Sicherheit und Logistik und von entsprechender Größe. gmp entwarfen den Verwaltungskomplex als eindrucksvolles, axial ausgerichtetes Ensemble von Bürotrakten, die einen begrünten Innenhof bilden. Am Ende der Achse steht das Gästehaus, flankiert von Casino, Schwimmbad und Sportfeld.

Für die Nationalversammlung wurde 2007 ein neuer Wettbewerb auf dem stark verkleinerten Grundstück neben der alten Zitadelle ausgeschrieben, den wiederum gmp gewannen. Nach längerer Planungsgeschichte befindet sich das Parlament nun also im Rohbau. Im Augenblick werden die Stahlträger der Glaskuppel über dem zentralen Plenarsaal montiert.

Was ist originär vietnamesisch? Diese Frage wurde mit den Auftraggebern heftig diskutiert. Der Vize-Bauminister wollte historisierende Fassade mit Anklängen an die französische Kolonialzeit (!), deren Repräsentationsbauten noch immer hoch im Kurs stehen. Das war mit gmp nicht zu machen. Abstrahierte Ornamentik für Wandgestaltungen, Gitter und Tore immerhin boten sie dem Bauherrn als Reminiszenzen an.

Bauen in Vietnam ist jedoch mit weiteren Eigenheiten behaftet. Es gilt für Architekten und Ingenieure, sich auf die verfügbaren (niedrigen) Standards einzustellen. Komplexe Strukturen und komplizierte Baugefüge, perfekte Oberflächen und vollendete Handwerkskunst sind kaum zu haben. Die Entwerfer aus Deutschland müssen mit den Basics auskommen. Doch auch unter diesen Bedingungen ist respektable Architektur möglich, das stellen die Architekten und Ingenieure aus Deutschlang unter Beweis – und bringen auf diese Weise durch viel besuchte Anschauungsobjekte die Baukultur im Lande voran.

Im Netz teilen

Datum 4. Dezember 2012
Autor Falk Jaeger
Schlagwörter , , , ,
Teilen facebook | twitter | Google+


...