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Interview

Bauen in Afrika – Chancen für die deutsche Bauwirtschaft?

Abgebildet sind: Dr. Holger Ziegeler, Auswärtiges Amt Prof. Dr. Lamia Messari-Becker, Universität Siegen Frank Kehlenbach, Geschäftsführer HDB Gernot Reker, Präsident der AK Rheinland-Pfalz Dr. Thomas Welter, Bundesgeschäftsführer BDA Katrin Kandaouroff, ZDB Staatssekretär Stephan Steinlein, Auswärtiges Amt Constantin von Mirbach, Bundesgeschäftsführer BDIA Dr. Thomas Krause, Vorsitzender LK Internationales Bauen, HDB Christian Berger, Auswärtiges Amt Dr. Volker Cornelius, Präsident VBI

Abgebildet sind: Dr. Holger Ziegeler, Auswärtiges Amt Prof. Dr. Lamia Messari-Becker, Universität Siegen Frank Kehlenbach, Geschäftsführer HDB Gernot Reker, Präsident der AK Rheinland-Pfalz Dr. Thomas Welter, Bundesgeschäftsführer BDA Katrin Kandaouroff, ZDB Staatssekretär Stephan Steinlein, Auswärtiges Amt Constantin von Mirbach, Bundesgeschäftsführer BDIA Dr. Thomas Krause, Vorsitzender LK Internationales Bauen, HDB Christian Berger, Auswärtiges Amt Dr. Volker Cornelius, Präsident VBI (Foto: Till Budde)

Anlässlich des Workshops „Aufbau von Chancenregionen in Afrika“ im Rahmen des 4. Außenwirtschaftstages sprach momentum mit Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, Leiterin des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und Bauphysik im Department Architektur an der Universität Siegen.

momentum: Im Rahmen des Außenwirtschaftstages 2015 Architektur, Planen und Bauen haben Sie den Workshop „Aufbau von Chancenregionen in Afrika“ geleitet. Warum das Interesse?

Messari-Becker: Afrika ist eine Region voller Potentiale und Chancen. Vor allem für uns Europäer. Dieses Jahr standen u. a. die Themen Aufbau von Chancenregionen und Nachhaltigkeit im Fokus.

An dieser Stelle mein herzlicher Dank an alle Akteure. KollegInnen, die mit ihren Erfahrungen zum Erfolg des Workshops beigetragen haben: Marie-Theres Deutsch (Marie-TheresDeutsch Architekten), Achim Becker (Julius Berger International GmbH), Olaf Hoffmann (Dorsch Gruppe), Andres Lepik (Architekturmuseum TU München), Heinz Rittmann (Baugewerbliche Verbände). Die Einführung wurde von Holger Ziegeler (Auswärtiges Amt), der Impulsvortrag von Samih Sawiris (Orascom Development Holding AG) gehalten; auch dafür mein herzlicher Dank.

Impulsgeber war Samih Sawiris, Investor und Unternehmer aus Ägypten/Schweiz. Wie kam es dazu?

Wenn wir über den Aufbau von Chancenregionen in Afrika sprechen, müssen wir meines Erachtens zwei Dinge beachten: Zum einen gehören Akteure aus dem Kontinent mit dazu. Zum anderen sind Investoren in diesen Prozess sowohl sozial- als auch baupolitisch einzubeziehen. Ich habe mich sehr gefreut, dass S. Sawiris meiner Einladung gefolgt ist. Er baut erfolgreich u.a. in Afrika und inzwischen auch in Europa, derzeit in der Schweiz und blickt auf fundierte Erfahrungen, u.a. im großflächigen Wohnungsbau zurück.

Welche Chancen sehen Sie für die deutsche Bauwirtschaft, gerade in Afrika?

Afrika ist mehr als Hunger, Krieg und Epidemien. Afrika ist ein Kontinent der Chancen und Afrika ist Zukunft. Halten wir aber mit Zahlen fest, dass große Potentiale existieren (African Economic Outlook der OECD): Schätzungen sagen bis 2050 eine Verdoppelung der Bevölkerung voraus. Mehr als 10 Länder südlich der Sahara werden bis 2016 jährlich um voraus. mehr als 7% wachsen. 7 der 10 weltweit am schnellsten wachsenden Volkswirtschaften sind in Afrika. Bis 2040 fließen 1 Billion € an Investitionen in den Ausbau von Kraftwerken und Leitungen. Die Inflationsrate sinkt seit 20 Jahren kontinuierlich. Die Ersparnisbildung steigt. Die Kapitalzuflüsse nach Afrika nehmen zu. Ein Großteil der Bevölkerung ist jung und technologiefreundlich. Eine Steigerung der Gesundheits- und Bildungsstandards ist zu verzeichnen. 300 Millionen Menschen in Subsahara-Afrika gehören einer wachsenden Mittelschicht an. Und dennoch: Ca. 600 Millionen Afrikaner (70% der Bevölkerung) sind ohne Stromanschluss. Nicht nur daraus lässt sich ein großer Bedarf an Versorgungs- und Dienstleistungen ableiten (erneuerbare und dezentrale Energietechnik, Infrastruktur). Architektur-, Ingenieur- und Bauleistungen sind also gefragt. Wir können diese Chancen nur nutzen, wenn wir uns aktiv dem Kontinent zuwenden.

Workshop „Aufbau von Chancenregionen in Afrika“ im Rahmen des 4. Außenwirtschaftstages im Auswärtigen Amt in Berlin

Workshop „Aufbau von Chancenregionen in Afrika“ im Rahmen des 4. Außenwirtschaftstages im Auswärtigen Amt in Berlin (Foto: Till Budde)

Wie kann die deutsche Bauwirtschaft partizipieren?

Gerade im Bereich Energie, Nachhaltigkeit und Umwelttechnik sind wir federführende handelnde Köpfe und Technologen. Die afrikanischen Länder brauchen nicht zuletzt aufgrund des teils schwindelerregenden Wachstums ein schnelles, nachhaltiges und (ganz wichtig) erweiterbares Wohnungsbauprogramm inklusive der dazugehörigen Bautechnik. Auch in Städtebau, Industrie- und Verkehrsplanung, Umwelt- und Energietechnik eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Wer aber glaubt, in Afrika einfach die uns hier liebgewonnenen HOAI-Leistungen verkaufen zu können, irrt gewaltig. Allein durch den Wissenstransfer und die regionalen Wertschöpfungsketten können afrikanische Akteure einiges selber übernehmen (und das ist gut so). Also müssen wir uns fragen: Bei welchen Fragen können wir ergänzen, unterstützen? Wo haben wir die bessere Kompetenz? Wo versetzen uns Innovation und Forschung in die Lage, z.B. Prozesse besser zu gestalten und einen ökonomischen Mehrwert für die Auftraggeber zu schaffen? Der Punkt ist auch: Wie können wir im Wettbewerb mit andern Ländern bestehen, die schlicht den Kontinent besser kennen und ihm historisch wie kulturell näher sind? Wir haben vielleicht einen technischen Wissensvorsprung, aber wir wissen bestimmt nicht am besten, wie wir dieses Wissen in Afrika einsetzen. Wir müssen genau hingucken, zuhören, verstehen, den Dialog suchen.

Dass es Investitionsbedarf in Afrika gibt, ist die eine Seite – aber wie wahrscheinlich ist es, dass die erforderlichen Bauvorhaben auch umgesetzt werden?

Das verlangt mir jetzt eine Vorhersage ab, die die Zukunft betrifft und daher schwierig ist. Ich persönlich denke, dass die afrikanischen Regierungen über kurz oder lang die Massen der aufstrebenden Menschen nicht mehr hinhalten werden können. Der Wandel ist in vollem Gange. Infrastrukturprojekte werden inzwischen sehr viel konsequenter verfolgt. Es sind zwar oft Projekte, die subventioniert werden; einige Länder entwickeln sich jedoch aus innerer Kraft heraus weiter: Nehmen Sie in Nord-Afrika z.B. Marokko oder Tunesien. Auch die private einheimische Wirtschaftskraft wächst, was wiederum mittel- bis langfristig neue Auftraggeber generieren wird. Aber grundsätzlich gilt: Wer den afrikanischen Markt erschließen will, braucht einen längeren Atem.

Aber Bauen in Afrika birgt doch auch Risiken! Aufgrund der politischen Lage ist ein Engagement deutscher Firmen oft gar nicht möglich! Welche Länder sind für ein Engagement geeignet?

Ja, es gibt Risiken. Aber die gibt es auch in Russland und der Ukraine. Wir dürfen Afrika nicht per se als Risiko-Kontinent stigmatisieren. Wenn wir Afrika ausschließen, überlassen wir diesen Markt anderen. Fern von unerfreulichen Einzelereignissen: Die Länderzahl mit freien und fairen Wahlen steigt. Die afrikanische Union übernimmt bei der Konfliktbewältigung eine positive Rolle. Vor einigen Jahren nahm man diese Organisation in der europäischen Öffentlichkeit kaum wahr.

Bei 54 Ländern gibt es logischerweise große Unterschiede. Also muss man auch hier, wie übrigens bei jeder Unternehmung, klug abwägen und wählen. Eine Herausforderung ist die Risiko-Absicherung. Seit Dezember 2014 gibt es Hermes-Deckungsmöglichkeiten für Kreditgeschäfte mit dem öffentlichen Sektor in Äthiopien, Ghana, Mosambik, Nigeria und Tansania sowie seit Januar 2015 in Kenia, so Vertreter des Auswärtigen Amtes. Ein Erfolg, der den Marktzugang für deutsche Akteure erheblich erleichtert. Wir müssen aber auch die eigene Bürokratie weiter abbauen. Innerhalb einer Bewerbung müssen wir schnell sein, während hiesige Abläufe der Versicherung oft langsamer sind. So lange wartet kein Auftraggeber (und schon gar nicht die Konkurrenz). Und es gibt handfeste Hindernisse. Dazu zählen Compliance, Mangel an qualifizierten Facharbeitern, sprachliche Barrieren. Wissenstransfer kommt eine besondere Rolle zu. Einerseits braucht das Baugewerbe qualifizierte Mitarbeiter vor Ort, um eine gewisse Qualität zu liefern. Beteiligte berichten, dass sie diese „Ausbilder-Rolle“ selbst in die Hand nehmen (müssen). Andererseits ist das Wissen um Verwaltungsstruktur, Ausschreibungs- und Vergabekultur erfolgsentscheidend. Hier sehe ich afrikanische Auftraggeber und Kammern in der Pflicht. Wissenstransfer ist eben keine Einbahnstraße.

Inwieweit kann auf die Politik in den einzelnen Ländern Einfluss genommen werden?

Wir brauchen Dialog. Das ist die Grundlage. Ich persönlich nehme wahr, dass im Rahmen des Möglichen hier einiges passiert. Die Hermes-Deckung ist ein gutes Beispiel dafür. Samih Sawiris plädierte für die Priorisierung von Wohnungs- und Schulbau sowie Bildungskooperationen in Förderprogrammen (KfW, EU-Kommission etc.) im Sinne eines nachhaltigen Aufbau Afrikas. Wohnen und Lernen sind die Basis für gesunde Entwicklung und Innovation und wirken stabilisierend. Auch Bildungskooperationen müssen nicht auf konventionelle Formen beschränkt werden. Start-Up-Unternehmen aus afrikanischen Universtäten heraus sind der Anfang einer vielversprechenden Entwicklung. Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft können hier zusammenwirken. Ein Beispiel: Am 20.02.15 weihte der Präsident des Euro-Mediterran-Arabischer Ländervereins (EMA) und Bundespräsident a.D. Christian Wulff in der Acht-Millionen-Stadt Casablanca, das erste EMA-Büro in einem arabischen Land ein, das erste Vertretungsbüro im German Business Center. Kleine und mittlere deutsche und marokkanische Unternehmen sollen hier zusammenfinden. Ich wünsche mir mehr davon.

Welche Möglichkeiten bieten sich dem Mittelstand bei Großprojekten bzw. wie muss sich der Mittelstand aufstellen, um hier tatsächlich Chancen zu haben?

Das ist genau der Knoten, den es zu lösen gilt. Im internationalen Vergleich ist die deutsche Baubranche vom Klein- und Mittelstand geprägt, mit immensen Vorteilen für die Arbeitsplätze im Inland. Gleichzeitig werden internationale Projekte größer ausgeschrieben und kompakt vergeben. Für uns Deutsche ist es schwer, überhaupt mitzumischen. Diese Situation haben wir auch in Afrika. Wir müssen uns also zusammentun, proaktiv und flankiert auftreten. Geförderte Marktanalysen, Konsortien-Bildung, gemeinsame Bewerbungen, lokale Partnerschaften, Eigeninitiative sind hier Stichwörter. Einige Probleme sind aber hausgemacht: Verpassen wir die Entwicklung um Building Information Modeling, verkennen wir die Chancen, ist der internationale Zug bei Großprojekten endgültig abgefahren.

Sie sind Bauingenieurin mit internationaler Erfahrung. Was ist aus Ihrer Sicht Afrika-konform?

Keine Wertschöpfung ohne Wertschätzung. Ich persönlich glaube, dass deutsche Akteure in Afrika eine andere Haltung finden müssen. In Afrika ist es sehr spannend, Entwürfe und Ingenieurlösungen, Bau- und Ausführungstechniken so zu entwickeln, dass sie zu akzeptablen Preisen funktionieren und dabei Soziologie, Baukultur, Wachstum etc. dort gerecht werden. Wer in Afrika bauen will, muss ohne den „Gold-Standard“ auskommen und zu akzeptablen Preisen auch bauen wollen. Wenn eine Schule gebaut werden soll, geht es oft nicht primär um das Gebäude im architektonischen oder ingenieurtechnischen Sinne, sondern um Bildung; wenn es um ein Krankenhaus geht, dann um die medizinische Versorgung; wenn es um Wohnungsbau geht, dann um ein würdiges Zuhause. Die Rolle von Architekten und Ingenieuren ist daher weniger die der Entwerfer von Formen bzw. Umsetzungen, sondern eher/stärker die der Katalysatoren der Bedürfnisse und Möglichkeiten. Sie müssen (moderne) Antworten finden, die die Afrikaner abholen. Das heißt nicht, dass Architektur und Bautechnik unwichtig sind, sondern dass man sich im Planungsprozess primär auf die Bedürfnisse einlässt und sich anders auf die Lösungssuche begibt. Diese Lösungssuche ist trotzdem (oder gerade deshalb) sehr spannend. Der hiesige Wohnungsbau z.B. ist energieeffizient, hochwertig und langlebig. In Afrika stünden Erweiterbarkeit und Recyclingfähigkeit wegen Ressourcen-, Abfall- und Wachstumsfragen im Vordergrund. Auf die Gefahr hin, mir zu widersprechen, erlauben Sie mir noch einen Hinweis: In einigen afrikanischen Ländern etabliert sich, langsam und sicher begrenzt, hochwertiger Wohnungsbau. Deutsche Preise könnten perspektivisch akzeptiert bzw. verstanden werden.

Welche Empfehlungen an die Politik hat der Workshop erarbeitet?

Die Erfolge zur Hermes-Deckung wurden gewürdigt. Alle Beteiligte wünschen den weiteren Auf- bzw. Ausbau der Wirtschaftsbeziehungen mit Afrika. Für den WS Aufbau von Chancenregionen in Afrika kann ich nur beispielhafte Empfehlungen nennen: Politische Flankierung im Vorfeld von Großprojekten. Fonds für Studien und Marktanalysen, um den Einstieg zu erleichtern, Klein- und Mittelstand-Initiativen, um die Kleinteiligkeit der Baubranche gemeinsam zu überwinden. Förderung von Wissenstransfer im bautechnologischen und strukturellen Sinne.

Frau Messari-Becker, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch.

Ich habe für Ihr Interesse zu danken.

 

Prof. Dr. Lamia Messari-Becker, Inhaberin des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen

Prof. Dr. Lamia Messari-Becker, Leiterin des Lehrstuhls für Gebäudetechnologie und Bauphysik an der Universität Siegen (Foto: Till Budde)

Zur Person

Prof. Dr.-Ing. Lamia Messari-Becker, geboren in Marokko, kam 1992 nach Deutschland und studierte Bauingenieurwesen an der TU Darmstadt (Diplom 2001). Nach Tätigkeiten in Ingenieurbüros (u.a. Professor Pfeifer und Partner in Darmstadt), war sie Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Massivbau der TU Darmstadt. Im Jahr 2005 absolvierte sie ein Aufbaustudium für Management an der TU Karlsruhe (heute KIT). 2006 legte sie ihre Dissertation an der TU Darmstadt (am FB Bauingenieurwesen und Geodäsie in Zusammenarbeit mit dem FB Rechts- und Wirtschaftswissenschaften) ab. Von 2009 bis 2014 baute sie in leitender Funktion den Fachbereich Nachhaltigkeit & Bauphysik bei Bollinger + Grohmann Ingenieure in Frankfurt mit Niederlassungen in Paris, Wien, Oslo, Melbourne und Berlin auf. Bis 2014 war sie dort Partnerin. Sie blickt auf internationale Erfahrung und zahlreiche realisierte Bauprojekte zurück und ist Autorin zahlreicher Publikationen.

Messari-Becker hatte von 2009 bis 2014 Lehraufträge für Tragwerkslehre (HS Darmstadt), Bauphysik (HS Darmstadt) sowie Nachhaltigkeit (THM Gießen) inne. Seit 2014 leitet Sie den Lehrstuhl Gebäudetechnologie und Bauphysik im Department Architektur der Universität Siegen. Ihre Arbeits- und Forschungsgebiete umfassen Themen der Energieeffizienz und Nachhaltigkeit im Hoch- und Städtebau.

Sie ist Mitglied zahlreicher internationaler Gremien und ist Energie- und Nachhaltigkeitsberaterin, u.a. Stadtplanerin IngKH, NW Wärme-/Schallschutz IngKH, Passivhaus-Planerin, DGNB-/BNB-Auditorin.

Leserkommentare

  1. Volker Seitz | 26. März 2015

    Mein Kommentar wwird Ihnen nicht gefallen. Wenn “wir” in Afrika Straßen bauen, Brunnen, Brücken, Wohnungen, Schulen, Spitäler etc., ist das gut für unsere Statistik, aber nicht unbedingt für die Entwicklung dieser Länder .Sie könnten auch ohne unsere Hilfe errichtet werden. Afrikanische Ingenieure sind dazu in der Lage.Bei den Baumaterialien greifen sie auf lokale Ressourcen und Traditionen zurück. Materialien teuer und schwer zu beschaffen, Arbeitskräfte hingegen günstig.Der Einsatz von arbeitsintensiven Konstruktionsmethoden wie von Hand gebranntem und geschichtetem Mauerwerk schafft dringend benötigte Arbeitsplätze. Die „Entwicklungshilfeindustrie” sollte afrikanischen Ländern keine ausländische Expertise auferlegen, da wo afrikanische Kenntnisse verfügbar sind. Auf dem Kontinent gibt es viele kluge, talentierte und ihr Land liebende Bürger, die sich mit der Rolle des Zuschauers abfinden müssen. Im November 2014 präsentierte die Mailänder Triennale 70 Bauten von moderner zeitgenössischer afrikanischer Baukunst in Afrika. Wer sich den Katalog der Ausstellung anschaut kann Vorurteile abbauen und sich fragen warum die Entwicklungshilfe in Afrika nach westlichem Vorbild bauen muss. Afrikanische Architekten bevorzugen meist traditionelle Bauweisen, lokale Materialien und lokales Handwerk. Derartige eigene Initiativen geben den Leuten Ihre Würde zurück, denn die meisten Afrikaner, die ich kenne, wollen etwas leisten und den Unterhalt für sich und ihre Familie selbst verdienen.
    Volker Seitz, Botschafter a.D./Buchautor

  2. Lamia Messari-Becker, Prof. Dr.-Ing. | 29. März 2015

    Lieber Herr Seitz,

    ich freue mich den Kommentar von Ihnen als Afrika-Kenner zu lesen.

    Ich muss Ihnen in einem Punkt widersprechen: Ihr Kommentar gefällt mir gut, sehr gut sogar! Denn er betont Aspekte, die ich meine, im Interview klar angesprochen zu haben:
    _ Dass „Afrikaner selber vieles übernehmen können…“ ist genau meine Meinung. Und sie können es nicht nur, sie müssen es, damit es ihre Häuser, ihre Schulen, ihre Straßen etc. sind! Identitätsstiftendes Bauen stärkt das Selbstverständnis der afrikanischen Länder.
    _ Ja, eine nachhaltige Partnerschaft, lebt davon, dass man sich miteinander „auf Augenhöhe“ auseinandersetzt.
    _ Ich betonte, dass „wir“ für Afrika eine „andere Haltung (!) finden müssen“. „Keine Wertschöpfung ohne Wertschätzung“.
    _ Ich gab von maßgeblich Beteiligten wider, dass Wohnen und Bildung die Säulen einer nachhaltigen Entwicklung sind.
    _Was die „Entwicklungshilfe-Industrie“ angeht, stimme ich Ihnen zu, dass wir die bisherigen Irrwege verlassen müssen.

    Sie sprechen in Ihrem Kommentar an, dass die Afrikaner die Arbeiten selber erledigen können und keine ausländische Expertise auferlegt bekommen müssen. Damit kommen wir an einem Punkt, worin wir möglicherweise nicht übereinstimmen:
    Von „Auferlegen“ soll keine Rede sein. Die Lernkurve, die durchschritten werden muss, um in Afrika zu den dortigen Gegebenheiten für die Massen zu bauen, kann von den Afrikanern (freilich) allein durchschritten werden. Ich bin aber der Meinung, dass dieses Durchschreiten mit Planungswissen, dass es in Deutschland gibt und das mit den Afrikanern im Zuge des Prozesses geteilt (!) wird, schneller und schonender für alle Beteiligte (inkl. der Umwelt) vonstatten gehen kann.

    Nicht nur als Bauingenieurin, sondern auch als Deutsche mit afrikanischen Wurzeln, tue ich mich einfach schwer damit, mich mit einer lediglich beobachtenden Rolle zufrieden zu geben.

    Lamia Messari-Becker

  3. Volker Seitz | 20. August 2015

    Liebe Frau Professor Messari-Becker,
    wenn Sie schreiben ” dass dieses Durchschreiten mit Planungswissen, dass es in Deutschland gibt und das mit den Afrikanern im Zuge des Prozesses geteilt (!) wird, schneller und schonender für alle Beteiligte (inkl. der Umwelt) vonstatten gehen kann.” stimme ich Ihnen voll zu. Offensichtlich vertreten Sie nicht die Allgegenwart und -in der Wahrnehmung der Bevölkerung- Allkompetenz der Entwicklungshilfe. Ich kritisiere die Fremdbestimmung in Afrika durch Heerscharen von Beratern,Helfern und dienstbaren Geistern, die dauerhaft auf gut bezahlten Posten sitzen. Ich danke Ihnen jedenfalls, dass Sie sich die Mühe gemacht haben auf meinen Kommentar zu reagieren.
    Beste Grüße Ihr Volker Seitz

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Datum 25. März 2015
Autor jv
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