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Baukulturwerkstatt 2015: Infrastruktur und Design sind keine Gegensätze

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur Reiner Nagel auf dem Podium

Der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Baukultur Reiner Nagel auf dem Podium (Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur)

„Gestaltung erzeugt Kreativität und Innovation und ist der Schlüssel für eine verbesserte Akzeptanz großer Infrastrukturprojekte“, so Reiner Nagel, Stiftungsvorstand der Bundesstiftung Baukultur, anlässlich der Baukulturwerkstatt „Infrastruktur und Landschaft“, die am 9. und 10. Juli in Regensburg stattfand.

Kilometerlange Stromtrassen, Windparks auf weiter Flur oder hohe Mauern für den Hochwasserschutz: greifen Infrastrukturmaßnahmen immer negativ in Landschaften ein oder können sie durch eine gute Gestaltung das Landschaftsbild verbessern? Diesen Fragen gingen Landschaftsarchitekten, Ingenieure, Stadtplaner und Architekten auf der Baukulturwerkstatt „Infrastruktur und Landschaft“ in Regensburg nach. Rund 120 Teilnehmer diskutierten mit der Bundesstiftung Baukultur und Experten an fünf Werkstatttischen Möglichkeiten für eine verträgliche Umsetzung von Infrastrukturmaßnahmen.

Dabei zeigte u.a. das Projekt des Stadthafens Senftenberg, dass aus einer ehemaligen Tagebaustätte ein Impulsgeber für eine ganze Stadt werden kann. Senftenberg blühe durch den neuen Stadthafen auf und schaffe, u.a. durch Gastronomie am Hafen, moderne Lichtkonzepte und Barrierefreiheit, Folgeinvestitionen: Aus dem Tagebau ist eine 1A-Lage geworden. Die Projektsteuerung lag bei den Landschaftsarchitekten, doch die Zusammenarbeit mit den „harten“ Ingenieursdisziplinen wie Wasserbau und Statik sei hervorragend gewesen, so V-Prof. Dr. Carlo Becker (bgmr Landschaftsarchitekten) und Prof. Oliver Hall (ASTOC Architects and Planners).

Bereits ein Drittel der Kulturlandschaften in Deutschland sei durch Technik oder Bebauung visuell geprägt, führte Andrea Hartz (agl) in ihrer Keynote zu Transformationsprozessen aus. Daher gebe es mittlerweile nicht mehr nur Wald- sondern auch urbanisierte Landschaften. Bisher beschreibe aber lediglich die Fachwelt diese Transformation, eine Bewertung müsse jedoch im gesellschaftlichen und politischen Rahmen erfolgen, so Hartz. Wie das Projekt der BUGA Koblenz 2011 zeige, fördere eine Bundesgartenschau die Zusammenarbeit und den Zusammenhalt in einer Stadt, wenn es um Transformationsprozesse gehe, erklärte Stephan Lenzen (RMP Stephen Lenzen Landschaftsarchitekten). So könnten die Bürger bei Veränderungsprozessen mit einbezogen werden.

Das Plenum der Baukulturwerkstatt

Das Plenum der Baukulturwerkstatt (Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur)

Der lokale Bezug der Baukulturwerkstatt zu Regensburg zeigte sich am Projekt des Hochwasserschutzes in Schwabelweis, bei dem in vorbildlicher Weise, beginnend mit einem europaweit ausgeschriebenen Wettbewerb, die Zusammenarbeit von Landschaftsarchitekten, Architekten und Bauingenieuren erfolgte. Geschaffen wurde daher nicht nur eine Schutzanlage, sondern auch eine Aufwertung des gesamten Uferbereiches mit Naherholungsmöglichkeiten für die Regensburger, sagte Wolfgang Weinzierl (Weinzierl Landschaftsarchitekten GmbH). Ergänzend ging Christine Schimpfermann (Leiterin Bauamt Stadt Regensburg) auf den Hochwasserschutz in Reinhausen ein: hier war die behutsame Integration der Anlagen sowie die Zugänglichkeit des Ufers zentrales Anliegen. Anschließend gab Dieter Grau (Atelier Dreiseitl GmbH) Einblicke in die Rekultivierung von Flächen eines Zementwerkes in Dormettingen. Der neu geschaffene Schiefererlebnispark schaffe nicht nur neue landwirtschaftliche Fläche, sondern v.a. einen Mehrwert für die Bürger, da der Abbau der Rohstoffe in einem Naturerlebnispark gezeigt würde, so Grau. Dazu kam ein See mit Gastronomie (Seeplaza) und einem Fossilien-Platz, sodass ein nachhaltiges Parkerlebnis geschaffen wurde.

Im zweiten Teil der Werkstatt ging es um Landschaftsästhetik, die Prof. Dr. Sören Schöbel-Rutschmann (TU München) in seiner Keynote mit dem „Paradigma der Trennung von Landschaft und Infrastruktur“ beschrieb: Windenergie- und Solaranlagen würden per se die Landschaft entwerten. Natürlich bekämem die Bürger „einen Berührungsschock zwischen globaler Infrastruktur und privaten Räumen“, so Schöbel, wenn eine „Monstertrasse“ hinterm Haus verliefe. Stattdessen sollten baukulturelle Konzepte für Integration und Gestaltung entworfen und erneuerbare Energien in Stadt und Landschaft bewusst eingefügt werden.

Einer der Thementische der offenen Diskussionsrunden

Einer der Thementische der offenen Diskussionsrunden (Foto: Till Budde für die Bundesstiftung Baukultur)

Dieser Ansatz wurde auch mit der Parkautobahn A42 im Emscher Landschaftspark im Ruhrgebiet verfolgt (Dr. Hans-Peter Rohler, foundation 5+): Auf 58 Kilometern Autobahn verbindet die A42 bedeutende Wahrzeichen der Industriekultur und führt an Zechensiedlungen, Wohnprojekten, an Halden, auf denen Kunstwerke stehen und über Bahntrassen, die zu Radwegen wurden, vorbei. Für die Integration sollten einerseits Kriterien wie Aufenthalt, Bewirtschaftung, Ökologie und Verknüpfung zusammengedacht werden, andererseits ein gemeinsames Vorgehen zwischen regionaler und kommunaler Planung sowie den Infrastrukturträgern erfolgen. Auch das Projekt Rastanlage Lange Berge bei Coburg zeigte (Andrea Gebhard, mahl.gebhard.konzepte und Gert Weißmantel, Autobahndirektion Nordbayern), dass interdisziplinäres Arbeiten der Schlüssel zum Erfolg ist, hier durch die Auslobung eines Wettbewerbs initiiert: Landschaftsarchitekten und Verkehrsplaner sollten zusammen eine optimale Lösung finden. „Neben der Verkehrsplanung ist die Landschaftsplanung von Beginn an ein gleichwertiger Anspruch gewesen“, sagte Andrea Gebhard.

Einblick in den soziologischen Ansatz gab Dr. Babette Scurell (Stiftung Bauhaus Dessau) mit der Energieavantgarde Anhalt. Das Projekt soll den Forschungsrahmen an Veränderungen des Raums hinsichtlich der Energiewende hin zu post-fossilen Systemen abstecken. Anschließend zeigte Lars-Christian Uhlig mit dem Konversionsprojekt Neues Bauen am Horn in Weimar, wie die Stadt ein ehemaliges Kasernengelände als Wohnquartier neu etablieren konnte. Die Architekten mussten dabei die Bauherrenwünsche mit den Vorgaben des Bebauungsplans vereinbaren, was mit einem durchweg offenen Verfahren und einem Baubeirat auch gelang. Damit wurde eine echte Alternative zum Bauen auf der grünen Wiese geschaffen und die städtische Infrastruktur gestärkt. Abschließend ging Dr. Wilhelm Klauser (InD Initialdesign) in seinem Impulsvortrag auf die Wechselbeziehung zwischen Stadt und Land ein: wenn die Stadt wachse, verliere zwangsläufig das Land Bewohner und Produktionsstätten. Oft ende die Planung an Verwaltungsgrenzen, doch vielmehr müssten Gewohnheiten, Flussläufe und die Bewegungsströme der Bürger beachtet werden. Der ländliche Raum biete unendliche Gestaltungsmöglichkeiten, das Wie allerdings ist noch Prozess.

Die nächste Baukulturwerkstatt findet am 10. und 11. September in Frankfurt a. M. statt und hat das Thema “Planungskultur und Prozessqualität”.

 

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Datum 25. August 2015
Autor Bundesstiftung Baukultur
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