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Projekte

Die Elbphilharmonie aus der Nähe gesehen

Die Elbphilharmonie in Hamburg im Bau (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Egal wie man zu dem Projekt stehen mag oder wie kontrovers dieses Großprojekt ist, wenn man vor der Elbphilharmonie steht, hinterlässt sie einen bleibenden Eindruck. Der alte an drei Seiten von Wasser umgebene Kakaospeicher von Werner Kallmorgen (1902-1979), auf und in dem hier gebaut wird, ist in seiner Masse und Geradlinigkeit selbst schon ein Aufmerksamkeit erregendes Bauwerk. Mit dem Aufbau von Herzog & de Meuron, der an eine glasige Berglandschaft erinnert, muss man einfach hinschauen.

Im Rahmen des diesjährigen Bautechniktages, der alle zwei Jahre vom Deutschen Beton- und Bautechnik-Verein e.V. veranstaltet wird,  und am 11. und 12. April in Hamburgs ICC tagte, wurden verschiedene Bauwerke und Baustellen besucht, darunter auch die Elbphilharmonie. Die sehr enthusiastischen Führung gab einen kleinen Einblick sowohl in die Komplexität der Konstruktion als auch der derzeitigen Situation des Projektes, an dem trotz allem fleißig weiter gebaut wird.

Ansicht direkt vor der Elbphilharmonie (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Die erste Komplexität ist der Bau im Bestand. Der alte Bau musste vollständig entkernt und verstärkt werden, um die neuen Lasten tragen zu können. Außerdem ist das Straßenniveau heute vier Meter höher als beim ursprünglichen Bau des Kaispeichers. Daher wurde die Mauerwerksfassade ebenfalls um vier Meter erhöht. Die nächste Schwierigkeit ist die vielfältige Nutzung des Baus. Er heißt zwar Elbphilharmonie, aber neben den drei verschieden großen Konzertsälen wird das Gebäude auch ein Hotel, ein Parkhaus mit 510 Stellplätzen, einen öffentlichen Platz in 37 Metern Höhe, sowie 47 Luxus-Eigentumswohnungen beherbergen. Die verschiedenen Ansprüche durch die zukünftigen Nutzer sind dabei nicht immer vollständig zueinander kompatibel.

Die Betonkonstruktion für das Parkhaus (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Diese komplizierten Verhältnisse sind sicherlich ein Faktor, der Kostensteigerungen hervorgerufen hat, die anspruchsvolle und eigenwillige Konstruktion sicherlich auch, aber Schwierigkeiten bei der Ausführung und Baumängel sind ebenfalls ein Grund wie auch die Extravaganz des Projektes. Die Besucher des Konzertsales werden z. B. über die längste gekrümmte Rolltreppe nach oben befördert. Diese führt durch einen Tunnel, der zum einen voller Risse ist, über die 32 Monate lang zwischen Planer, Bauherren und Ausführenden gestritten wurde, aber bei dem die verwendeten Glasbausteine auch mit einem falschen, nicht durchsichtigen Klebstoff befestigt wurden. Die Beseitigung dieser Mängel ist heikel, da die Rolltreppe sehr staubempfindlich ist aber auch nicht ausreichend gut verpackt, geschweige denn ausgebaut werden kann.

Das markanteste Element der Elbphilharmonie ist zweifelsohne die Fassade, die gekrümmt und mit Folien beklebt ist. Die Herstellung der Glasflächen stellte sich anfänglich als äußerst schwierig heraus, da die dreifachen Scheiben sich zwar warm verformen ließen, dabei aber die eingeklebte Folie durch die Hitze zerstört wurde. Im Bereich der Eigentumswohnungen sollen die Fester auch nochmals komplett ausgetauscht werden, da die Folien die Aussicht erschweren und das Wohngefühl beeinträchtigen. Die Kosten hierfür werden jedoch nicht vom Bauherren getragen. Aber bei Quadratmeterkosten von zwölf- bis dreizehntausend Euro (ohne Innenausbau!) sollten die zukünftigen Eigentümer der Luxuswohnungen auch eine optimalen Blick auf Hamburg bekommen. Und dieser ist bei bis zu 110 Metern einfach atemberaubend.

Im zukünftigen großen Saal (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Da die Kosten in Richtung der Euro-Milliarde gehen, ist der Anspruch bei der Klangqualität im großen Saal sehr hoch. Ziel ist es, am Schluss einen der zehn besten Konzertsäle der Welt präsentieren zu können. Die Akustik wurde daher von Yasuhisa Toyota geplant, der schon die Walt Disney Concert Hall in Los Angeles akustisch optimiert hat und auf diesem Gebiet führend ist. Zu den wichtigsten Elementen zählen Tausende von individuell gefertigten Gipsplatten und ein großer Reflektor über der Bühne. 2150 Zuhörer sollen Platz finden auf akustisch optimierten Sitzen, die eine immer gleichen Klang erzeugen, egal ob jemand darin sitzt oder nicht. Zu einem weltweit führenden Konzertsaal gehört natürlich auch eine Orgel der Weltklasse, die der Bonner Orgelbauer Johannes Klais liefern wird. Somit kann quasi jedes klassische Repertoire aufgeführt werden. Ob jedoch der Platz auf der Bühne für Mahlers Sinfonie der Tausend ausreichen wird, muss noch getestet werden.

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Datum 13. April 2013
Autor Nicolas Janberg
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