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Vermischtes

Bauwirtschaft in China – Eine Option, ja oder nein?

Eine der vielen Baustellen in Hong Kong

Baustelle in Hong Kong, VR China (Foto: Laoshi)

Für deutsche Bauunternehmen war es in der Vergangenheit schon immer interessant, den Blick über die deutschen Grenzen hinaus zu richten. Ein Blick schweift dabei auch in die Volksrepublik China (VR China), die inzwischen drittgrößte Volkswirtschaft und Handelsnation der Welt – mit gewaltigen Infrastrukturmaßnahmen und anderen gigantischen Bauprojekten ein verlockendes Ziel. Der Schritt in die VR China ist nicht ohne Risiko. Denn abweichend zu bekannten und typischen Risiken des deutschen Baugeschäftes treten hier die besonderen Risiken eines anderen politischen wie auch soziokulturellen Wirtschaftsraumes auf. Gegenstand des vorliegenden Beitrags ist neben dem Einblick in die chinesische Bauwirtschaft die Erfassung und Bewertung von Risiken, die bei Projekten in der VR China auftreten können wie auch Empfehlungen zur Risikominimierung. Das Institut für Baubetrieb und Baumanagement an der Universität Duisburg-Essen hat hierzu eine Studie durchgeführt.


Chinesische Bauwirtschaft wächst seit Jahren stetig

Wenngleich der Wirtschaftsmotor in der VR China mittlerweile langsamer läuft als beispielsweise nach den Olympischen Sommerspielen 2008, ist die öffentliche wie auch private Nachfrage in der Bauwirtschaft ungebrochen. Hier sei insbesondere auf die landesweit initiierten Urbanisierungsprozesse hingewiesen, welche vor allem wegen der damit einhergehenden Infrastrukturinvestitionen als entscheidender Wachstumstreiber anzusehen sind. Als Beispiele für die großen Infrastrukturprojekte Chinas seien hier die New Airport City in Bejing (ca. 3,6 Mrd. Euro) genannt wie auch die weltgrößte Seebrücke in der chinesischen Stadt Zhuhai (ca 7,3 Mrd. Euro). Vor allem wegen des immensen Energiebedarfs und der stark zunehmenden Umweltprobleme investiert China besonders in alternative Energien, was dazu führt, dass z.B. im Jahre 2013 die Hälfte aller weltweit aufgestellten Windenergieanlagen in China installiert wurden. Zudem entstanden im gleichen Jahr Solarkraftwerke mit einer Kapazität von mehr als elf GW. Gemäß World Wind Energy Association (WWEA) hat China im vergangenen Jahr erstmalig mehr Geld in erneuerbare Energien investiert als in fossile Kraftwerke.


Risiken in der chinesischen Bauwirtschaft

Wenngleich die aktuelle Entwicklung verlockend erscheint, existieren in chinesischen Projekten auf Grund des lokalen Umfeldes nicht zu verachtende Risiken. Die wesentlichen drei sind:

  1. Mangelhafte / unvollständige Lieferungen
  2. Nachunternehmerleistungen
  3. Vergabeverfahren und Bürokratie.

Besonders der Aspekt von mangelhaften/ unvollständigen Lieferungen durch Unterlieferanten wird von Branchenexperten als enormes Risiko genannt. Ein erhebliches Risiko besteht zudem im Bereich der Konsortialpartner, die ebenfalls als Grund für mangelhafte/unvollständige Lieferungen identifiziert wurden. Demgegenüber wurde dem Bereich des Auftraggebers ein vergleichsweise geringeres Risiko zugesprochen, wenngleich dieses noch immer als erhöhtes Risiko zu betrachten ist.


Schwierige Partnersuche ohne ausreichendes Netzwerk

Ohne ein ausreichend großes bzw. gutes Netzwerk an Kontakten in China fällt es vielen deutschen Unternehmern schwer, vor allem fähige und verlässliche Partner als Nachunternehmer zu finden. Mitunter aufgrund von lokalen Vorgaben sind Unternehmen ohnehin gezwungen, lokale Nachunternehmer zu beauftragen. Von Zulieferern, Subunternehmern, Dienstleistern, Beratern, Lizenzgebern, aber auch von Partnern, mit denen der Unternehmer einen Konsortialvertrag geschlossen hat, gehen somit enorme Risiken aus, die sich auf die Profitabilität des Bauprojektes negativ auswirken können. Sowohl bei der regulierten als auch bei der freihändigen Vergabe muss der Mehraufwand als erheblich bis enorm eingestuft werden. Die Regeln und Vorschriften im öffentlichen Beschaffungswesen werden von Provinz zu Provinz und von Gemeinde zu Gemeinde unterschiedlich interpretiert und angewandt. Selbst wenn öffentliche Ausschreibungen zunächst transparent erscheinen, stellt die tatsächliche Durchführung ein besonderes Problemfeld dar.
Mitunter aus diesem Grund stellt die umständliche, in jeglicher Hinsicht zeit- und kostenintensive Bürokratie in China einen erheblichen Mehraufwand dar und rundet das negative Gesamtbild bei der Vergabe von Bauaufträgen ab. Insofern haben lokale Unternehmen hier einen klaren Vorteil.


Handlungsempfehlungen: Strategien für China

In jedem Fall können oben angeführte Risiken zu zeitlichem Mehraufwand, unerwarteten Kosten und im schlechtesten Fall einer reduzierten Gewinnmarge führen. So können z.B. defekt gelieferte Komponenten oder eine nicht ordnungsgemäß ausgeführte Leistung zu einer verspäteten Inbetriebnahme bzw. Abnahme führen, was je nach Projekt zu weiteren schwerwiegenden Konsequenzen führen wird.


“Back-to-back-contracting“

Die erste Empfehlung an dieser Stelle ist das sogenannte Back-to-Back Contracting. Hier können Risiken aus dem Hauptvertrag in die Unterverträge überführt werden und somit an die Subunternehmer bzw. an die Lieferanten weitergegeben werden – oder, wenn dies nicht möglich ist, an einen Versicherer weiter durchgereicht werden. An dieser Stelle können viele Risiken bereits im Voraus, allerdings nur maximal, anteilig eliminiert werden. Das jedoch nur unter der Voraussetzung, dass alle relevanten Risiken im Vorfeld identifiziert werden konnten.


Qualitätssicherungsmaßnahmen vertraglich festlegen

Zwingende Qualitätssicherungsmaßnahmen sollten ebenfalls vertraglich fixiert und während der Ausführungsphase regelmäßig geprüft werden. Eine Qualitätssicherung im Sinne systematischer Kontrollen während der Projektausführung kann die Risiken zwar minimieren. Jedoch wird gerade dieser Aspekt von chinesischen Partnern und Subunternehmern aus eigenem Antrieb nur mäßig umgesetzt. Das bedeutet, dass Unternehmen den Fall von mangelhaften Lieferungen unbedingt mit zusätzlichen Maßnahmen und erhöhten Kosten einplanen sollten, um hinterher keine unangenehmen Überraschungen zu erleben. Und das gleichermaßen sowohl bei Unterlieferanten als auch bei Konsortialpartnern.


Einschalten eines Expeditors

Des Weiteren ist die Platzierung eines Expeditors (Disponent) oder eines ganzen Teams in das Produktionswerk des Zulieferers eine zusätzliche Option, um eine termingerechte und vollständige Leistungserbringung zu gewährleisten.


Subkontraktor und Joint Ventures erhöhen Wettbewerbschancen

Aufgrund der intransparenten Vergabe von Bauaufträgen in der öffentlichen Vergabe ist es für ausländische Baufirmen in China vergleichsweise schwierig, bei Ausschreibungen erfolgreich zu sein. Vielfach ist es erfolgversprechender, sich als (hochspezialisierter) Subkontraktor mit größeren Unternehmen zu verbünden. Eine solche Strategie ist nicht ungewöhnlich für China, da in der chinesischen Baubranche häufig Konsortien oder Joint Ventures anzutreffen sind. Joint Ventures sind insbesondere empfehlenswert, um in den neuen Märkten in China Fuß zu fassen und wertvolle Erfahrungen zu machen sowie auch lokale Kontakte zu etablieren. Zudem scheint der Bericht der Handelskammer der Europäischen Union in China (EUCCC) im Jahre 2011 (European Business Experiences Competing for Public Contracts in China), der vor allem die Vergabepraxis kritisierte, Auswirkungen zu haben, da seitdem vermehrt ausländische Unternehmen bei öffentlichen Vergaben berücksichtigt wurden.


Fazit: Projekte in China zu empfehlen?

Abschließend bleibt noch die Frage, ob bei den zu berücksichtigenden Aspekten Projekte in China trotzdem zu empfehlen sind. Die Expertenmeinungen hierzu sind zwar nicht einstimmig, doch sieht ein Großteil der Experten aufgrund ihrer bisher gemachten Erfahrungen im China-Geschäft an, weiterhin Projekte in der Volksrepublik China zu empfehlen.
Voraussetzung sollte aber sein, die teilweise erheblichen Risiken genauestens nachzuvollziehen und im besten Fall mit einem lokalen Partner zu agieren.


Praxistipps

 

Dr.-Ing. Christian K. Karl

Dr.-Ing. Christian K. Karl, Universität Duisburg-Essen (Foto: Universität Duisburg-Essen)

Zum Autor:

Christian K. Karl, Dr.-Ing. (Baumanagement), Dipl.-Ing. (Konstruktiver Ingenieurbau), Dipl.-Ing. (Baubetrieb und Bauwirtschaft), ursprünglich tätig in nationalen wie auch in internationalen Bauvorhaben, akademischer Rat am Institut für Baubetrieb und Baumanagement (IBB) der Universität Duisburg-Essen, Lehrbeauftragter für Informationsmanagement in Bauprojekten an der Nationalen Technischen Universität Athen, Forschungsschwerpunkt u. a. Internationales Bauen (insb. Analyse von Märkten und Geschäftsfeldern), freiberuflicher Berater und Dozent.

 

 

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Datum 11. Juni 2015
Autor Dr.-Ing. Christian K. Karl
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