momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Historie

Beten in Beton – Der Luftschutzbunkerbau in Deutschland 1940-1945

Als am Abend des 25. August 1940 die Besatzungen der 58. Squadron der Royal Air Force in North Yorkshire ihre zweimotorigen Bomber bestiegen, um den ersten wirksamen Luftangriff auf Berlin zu fliegen, war ihnen nicht bewusst, dass sie das größte Bauprojekt der Geschichte auslösen sollten: das so genannte „Führer-Sofortprogramm“. In der Erkenntnis, dass Luftangriffe innerhalb des Reichsgebietes auch in Zukunft nicht vermeidbar sein würden, ordnete Hitler im Oktober 1940 den Bau einer gigantischen Anzahl von Luftschutzbunkern an.

Insbesondere die Gebiete, die in unmittelbarer Reichweite der Royal Air Force lagen, sollten geschützt werden: die norddeutsche Tiefebene, das Ruhrgebiet sowie Berlin. Die Städte, die von dem Bunkerbauprogramm bedacht werden sollten, wurden nach festgelegten Kriterien ausgewählt. Beispielsweise mussten Städte der I. Ordnung des Luftschutzes mehr als 100.000 Einwohner haben und wichtige Verkehrsknotenpunkte oder rüstungswichtige Schlüsselindustrien aufweisen. Ziel war es, etwa 9 Prozent der Großstadtbevölkerung zu schützen.

Flakturm Wilhelmsburg

Flakturm in Hamburg-Wilhelmsburg (Foto: Seebeer)

Für die Bunker wurden im Januar 1941 rund 200 Millionen Kubikmeter Eisenbeton und ein Finanzvolumen von 120 Milliarden Reichsmark veranschlagt. Die Zuständigkeit für die Durchführung des Programms war zweigeteilt: Im Reichsgebiet war Fritz Todt, Leiter der gleichnamigen Organisation, zuständig, innerhalb des Berliner Rings war es der Generalbauinspektor (GBI) Albert Speer. Nachdem Fritz Todt im Februar 1942 bei einem Flugzeugabsturz um Leben gekommen war, übernahm Speer die reichsweite Leitung.

Sowohl die großen Baukonzerne als auch das lokale Bauhandwerk waren an den Projekten beteiligt. Sehr eng war dabei die Zusammenarbeit mit den Arbeitsämtern, der Deutschen Reichsbahn, dem Generalbeauftragten für den Arbeitseinsatz und der Wehrmacht, später auch der SS, die Ansprechpartner war für die Gestellung von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen.

Die technischen Erfordernisse für die Bunker wurden an der Technischen Hochschule in Braunschweig ermittelt. Dabei musste ein Bunker zwei Kriterien erfüllten: Er musste gasdicht sein und einer abgeworfenen 1.000kg-Bombe widerstehen können. Die Wandstärken der Bunker der I. Welle betrugen daher 1,80 m (Tiefbunker) und 1,10 m (Hochbunker) mit einer Abschlussdeckenstärke von 1,40 m. Die Hochbunker der II. Welle hatten 2 m dicke Außenwände und 2,50 m dicke Abschlussdecken. Die meisten Bunker wiesen eine Zerschellerplatte auf, die wie eine fünf Meter breite und zwei Meter starke Hutkrempe um den Bunker angeordnet war und diesen vor einem „Unterschießen“ schützen sollte.

Baustelle des LS-Bunkers Rothermundstraße in Hannover

Baustelle des LS-Bunkers Rothermundstraße in Hannover (Archiv Michael Foedrowitz)

Die I. Welle umfasste 839 Luftschutzbunker für 400.000 Menschen in 61 Städten – mit insgesamt 24 Millionen Einwohnern (ohne Berlin). Baubeginn dieser Bunker war zumeist im November 1940. Der erste Luftschutzbunker, der im Rahmen dieses „Führer-Sofortprogramms“ fertig gestellt wurde, war am 20. Februar 1941 der LS-Bunker Brühlstraße in Frankfurt am Main.

Zuerst wurden hauptsächlich Tiefbunker gebaut, da die bebauten Innenstadtflächen keinen Bauraum boten. Doch durch die Luftangriffe der Briten gab es immer mehr Ruinengrundstücke, auf denen dann meist Hochbunker gebaut wurden, da die Baukosten im Vergleich zu den Tiefbunkern bei gleichem Schutzgrad erheblich niedriger waren.

Die von Hitler allein für Berlin geforderte Zahl von 2.000 Bunkern wurde schnell auf 1.000 gekürzt. Lediglich 423 der über 600 ausgesuchten Bauplätze wurden tatsächlich mit Bunkern bebaut. Am 19. November 1941 wurde für Berlin folgende Bilanz gezogen: 237 LS-Bunker mit fast 60.000 Plätzen waren fertiggestellt, 53 mit 21.000 Plätzen waren im Bau und weitere 100 mit ca. 94.000 Plätzen in Planung.

Bis zum 12. September 1941 sind 3,7 Millionen m3 Beton verbaut worden, für die II. Welle wurden 4 Millionen m3 veranschlagt. Im März 1942 wurden für das Reichsgebiet insgesamt gemeldet: 1.927 Luftschutzbunker nutzungsbereit, weitere 1.289 im Bau. Insgesamt verfügte man nun über 504.815 bombensichere Schutzplätze.

Der LS-Bunker Augustinerhof mit Steipedach in Trier

Der LS-Bunker Augustinerhof mit Steipedach in Trier (Foto: Michael Foedrowitz)

Es wurden bis 1945 insgesamt über 10.000 Luftschutzanlagen errichtet: Tiefbunker, Hochbunker, Luftschutztürme und Luftschutz-Stollen (aber auch Naturhöhlen, Steinbrüche und Schächte des Bergbaues wurden ausgebaut). Die größte, heute noch existierende Anlage befindet sich unter der Innenstadt von Dortmund: eine riesige Tunnelanlage mit einer Aufnahmekapazität von bis zu 150.000 Menschen.

Wegen Schwierigkeiten in der Betriebsstoffbeschaffung, Stellung von Arbeitskräften und Kraftfahrzeugen verzögerte sich das Ende der ersten Welle des Programms auf den Herbst 1941. Nachdem der Bau der II. Welle in etwa 30 Städten angeordnet worden war, versandeten die Aktivitäten, zumal wichtige Gegner des Bunkerbauprogramms ihre Wirksamkeit entfalteten, wie Speer, der seit Februar ‘42 auch Rüstungsminister war, oder auch der Staatssekretär und Generalfeldmarschall Erhard Milch, der einen Wettlauf zwischen deutschem Beton und alliierten Bomben für aussichtslos hielt und den Schwerpunkt auf eine aktive Gegnerbekämpfung legte. Erst nach der Brandkatastrophe in Hamburg im Rahmen der Gomorrha-Angriffe im Juli / August 1943 kehrte die Einsicht ein, dass Hitler mit seinem „Bunkerprojekt“ vielleicht doch Recht gehabt habe, denn die Auswertung der Angriffe auf Hamburg zeigte den unzureichenden Schutzwert von LS-Kellern und Deckungsgräben.

In der Zeit von 1942 bis Herbst 1943 scheint das „Führer-Sofortprogramm“ ausgesetzt gewesen zu sein und erst im Mai 1943 wurde eine III. Welle ausgerufen, die ihren Schwerpunkt auf den Bau von Luftschutzstollen legte. Doch die Baumöglichkeiten waren durch die Kriegslage derart eingeschränkt, dass man dazu überging, die Bevölkerung aufzurufen, sich eigene Tunnel zu graben. Insbesondere in den Bergbaugebieten wurden „Wettbewerbe“ ausgeschrieben im Vertrauen auf die bergmännischen Fachkenntnisse der Bevölkerung.

Modell des Geschützturmes des Flakturmpaares Berlin-Friedrichshain

Modell des Geschützturmes des Flakturmpaares Berlin-Friedrichshain (Michael Foedrowitz)

Wegen der permanenten Engpässe in allen Bereichen wurden im Sommer 1943 einschränkende Maßnahmen getroffen: die Listen der aufgeführten Bunkerbauten und „Bunkerstädte“ wurde ausgedünnt und „Richtlinien für den vorläufigen Notausbau von LS-Bunkern“ herausgegeben. Außerdem wurden zahlreiche Bunkerbaustellen stillgelegt. Obwohl einzelne Bunkerbauten auch noch 1944 für die Bevölkerung entstanden, wurde die Masse der Baustoffe für den baulichen Werkluftschutz der großen Rüstungsbetriebe umgelenkt.

Bis Kriegsende wurden in insgesamt 84 Städten Bunkerbaumaßnahmen ausgeführt. Nur eine Stadt konnte ihrer gesamten Bevölkerung „Bombenschutz“ geben: Emden vermochte seine 37.000 Einwohnern theoretisch komplett in den 32 Bunkern der Stadt unterzubringen. Und nur eine Großstadt hatte für die Bevölkerung gar keine Bunker: Dresden.

Abschließend kann man sagen, dass die Luftschutzbunker keinen hundertprozentigen Schutz gewährleisten konnten. Im Laufe des Krieges wurden in Deutschland etwa 60 Luftschutzbunker von alliierter Abwurfmunition durchschlagen. Die größte Bunkertragödie ereignete sich am 15. März 1945 im westfälischen Hagen, als im Körnerbunker 400 Menschen bei einem Angriff ihr Leben verloren.

Gleichwohl haben die Luftschutzbunker vielen Menschen in den Großstädten das Leben gerettet. Experten haben geschätzt, dass ohne die Bunker die deutsche Zivilbevölkerung etwa zwei bis drei Millionen Tote und Verletzte mehr durch den Luftkrieg zu verzeichnen gehabt hätte.

Weitere Informationen:

Dieser Beitrag ist die Zusammenfassung eines Vortrages, den der Autor am 13. Februar 2014 im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Praktiken und Potenziale von Bautechnikgeschichte“ gehalten hat. Die Reihe wird gemeinsam mit den VDI-Arbeitskreisen „Technikgeschichte“ und „Bautechnik“  sowie dem Lehrstuhl für Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung der BTU Cottbus organisiert. In diesem Jahr steht sie unter der Überschrift “Bautechnik und Krieg”.

Der nächste Vortrag in dieser Reihe findet am 27.03.2014 zum Thema “Genie-Offiziere als berufliche Vorläufer des modernen Bauingenieurs” im Deutschen Technikmuseum Berlin statt.

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 18. März 2014
Autor Michael Foedrowitz
Schlagwörter ,
Teilen facebook | twitter | Google+


...