momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Interviews

Bundesstiftung Baukultur: Reiner Nagel zieht nach einem Jahr Vorsitz Bilanz

Die Bundesstiftung Baukultur hat  2008 ihre Arbeit in Potsdam aufgenommen, und zwar unter dem Vorstandsvorsitzenden Prof. Michael Braum, Anfang 2013 wechselte Braum als Direktor zur internationalen bauaustellung (iba) Heidelberg. als sein Nachfolger in Potsdam wurde der Architekt und Stadtplaner Reiner Nagel berufen, bis dato in Berlin als Abteilungsleiter in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung für die Bereiche Stadtentwicklung, Stadt- und Freiraumplanung zuständig. Reiner Nagel war zuvor in verschiedenen Funktionen für die Stadt Hamburg tätig, zuletzt ab 1998 in der Geschäftsleitung der HafenCity Hamburg GmbH. Am 1. Mai 2013 übernahm er den Vorstandsvorsitz der Bundesstiftung Baukultur – Anlass für Reinhard Hübsch, mit ihm eine erste Jahres-Bilanz zu ziehen.

 

Reiner Nagel zieht nach einem Jahr Vorstandsvorsitz Bilanz

Reiner Nagel zieht nach einem Jahr Vorstandsvorsitz Bilanz (Foto: Francisco Velasco)

Herr Nagel, wo haben Sie in diesem ersten Jahr eigene Akzente gesetzt?

Im aufsichtführenden Stiftungsrat gab es einen gewissen Leidensdruck, weil manches nicht so lief wie gewünscht. Das Profil der Stiftung war nicht hinreichend geschärft, also es war nicht klar, wofür sie zuständig ist, was sie macht, was sie leisten kann. Zum zweiten musste der Adressatenkreis definiert werden, und schließlich wurde gefragt, wie sie ihren Auftrag eigentlich erfüllt. Der besteht, allgemein formuliert, aus zwei Aufgaben: Sie soll einer allgemeinen Öffentlichkeit noch stärker gutes Planen und Bauen vermitteln und die deutsche Kompetenz Baukultur auch international darstellen.

Es ging also zunächst darum, das, was mein Vorgänger erfolgreich etabliert hatte, zu konsolidieren, dann das Profil zu schärfen und einen größeren Adressatenkreis zu erreichen. Das heißt vor allem, neben den Architekten auch die Ingenieure, die Fachplaner, die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft und schließlich die Bau-Wirtschaft zu erreichen, also nicht nur einen Kreis von potentiell 140.000 Ansprechpartnern, sondern von rund drei Millionen, die mit Baukultur beruflich befasst sind. Und natürlich wollten und wollen wir auch einer breiteren Öffentlichkeit dieses Thema nahebringen, was heißt, es auch allgemein verständlich zu vermitteln.

 

In der Gründungsphase sind sicherlich vor allem Architekten angesprochen worden, dagegen Bauingenieure, Landschafts- und Innenarchitekten eher weniger – werden die vermehrt erreicht?

Wir haben da Erfolge erzielen können, und das war auch vergleichsweise einfach, weil ich ja durch meine bisherige berufliche Laufbahn immer wieder interdisziplinäre Anknüpfungspunkte hatte. Wir haben unsere ersten drei Schwerpunkte auf die Fachdisziplinen abgestimmt, also: Zum Thema „Das gemischte Quartier“ haben wir Architekten, aber auch die Wohnungs- und Immobilienwirtschaft angesprochen, zum Thema „Infrastruktur und öffentlicher Raum“ waren Ingenieure und auch Landschaftsplaner gefragt, und beim Thema „Prozessqualität“ sind demnächst zusätzlich die Stadt- und Raumplaner, Geographen und auch Politiker angesprochen. Bei all diesen Veranstaltungen waren natürlich auch die entsprechenden Verbände und Kammern bis hin zum Städtetag mit einbezogen.

Daneben sind wir bemüht, die Mitgliederzahl im Förderverein zu erhöhen, auch über die Fachdisziplinen, und da zeichnen sich bereits erste Erfolge ab. Wir hatten 2013 712 Mitglieder und sind jetzt bei 770. Wenn jedes Mitglied nur ein neues gewinnt, verdoppeln wir die Unterstützer der Bundesstiftung. Aber wenn wir politisch stärker wahrgenommen werden wollen als bislang, benötigen wir mehr, und da ist eine vier- oder fünfstellige Mitgliederzahl hilfreich. Bei 770 sagt die Kanzlerin‚ das sei interessant, um aber umgehend darauf hinzuweisen, dass sie gleich ein Gespräch mit dem Verband deutscher Straßenbauingenieure führe – die haben 18.000 Mitglieder. Ich will gar nicht vom ADAC mit seinen 19 Millionen Mitgliedern sprechen, aber vom Mieterbund – der hat drei Millionen hinter sich.

 

Der Eindruck bleibt, dass die Bundesstiftung Baukultur nach wie vor ein akademisches, ein Fachpublikum erreicht. Baukultur wird in Deutschland – anders als etwa in den USA – kaum öffentlich verhandelt. Können sie mit Ihrer personellen und finanziellen Ausstattung da überhaupt nennenswert etwas bewegen?

Was die Ressourcen betrifft, habe ich keine Bedenken, denn im Koalitionsvertrag heißt es, die Bundesregierung will den gesellschaftlichen Dialog zu baukulturellen Fragen fördern und die Bundesstiftung Baukultur auch bei wichtigen Bauvorhaben des Bundes als wichtigen Partner stärken. Also müssen wir nachweisen, wofür wir mehr Geld und mehr Personal benötigen. Ein Beispiel: Wir bearbeiten gerade das Thema „Baukultur und ländlicher Raum“ und wollen dazu niedrigschwellige Angebote machen, das braucht mehr Kommunikation, und dafür haben wir bislang nur eine Stelle. Zum Vergleich: In der Hafencity in Hamburg arbeiten etwa ein Dutzend Mitarbeiter im Bereich Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsmarketing.

Wir brauchen niedrigschwellige Angebote, weil sich die Bundesstiftung mit ihrem gelegentlich elitären Anspruch immer wieder auch selbst im Weg steht. Wir benutzen etwa ein Vokabular, das schwierig vermittelbar ist. Das muss sich ändern. Wenn wir es aber schaffen, in den großen Immobilienbeilagen der Tageszeitungen Fragen der Baukultur anzusprechen, sind wir einen großen Schritt weiter.

 

Ihr Haus ist seit der neuen Ressortaufteilung im Bundeskabinett nun Umweltministerin Hendricks (SPD) unterstellt.

Und da fühlen wir uns auch gut aufgehoben. In der letzten Legislaturperiode war Peter Ramsauer der für das Bauen zuständige Minister, der seinen Schwerpunkt allerdings in der Verkehrspolitik sah. Staatssekretär Rainer Bomba vom Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur  wird demnächst den Vorsitz im Stiftungsrat an den neuen Staatssekretär im Bundesministerium für  Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit abgeben, der dann dort vermutlich unser Ansprechpartner sein wird.

 

Die veröffentliche Wahrnehmung der Baukultur ist ein wichtiges Thema. Literaturkritik, Musik- und Film-Rezensionen gehören zum selbstverständlichen Angebot in den Medien, Architekturkritik dagegen findet eher rudimentär statt, schlimmer noch: In den Tages- und Wochenzeitungen, in den Hörfunk- und Fernsehprogrammen befindet sie sich sogar auf dem Rückzug.

Ja, es braucht sicher für die Spitzenleistungen der Baukunst eine kompetente Architekturkritik, und sie kann die Wahrnehmung von Baukultur insgesamt fördern. Andererseits: Film, Theater und Bildende Kunst sind, anders als Architektur, keine Dienstleister. Baukunst muss nicht nur schön sein, sondern auch funktionieren, muss Räume schaffen und gliedern, und dazu benötigt es eines auch journalistischen Zugriffs, und der fehlt auf weiter Strecke. Bedenken Sie: In Deutschland bezifferte sich das Bauvolumen 2012 auf 310 Milliarden Euro – so groß wie der Bundeshaushalt. Für Neuwagen wurde im gleichen Jahr nur rund ein Viertel davon ausgegeben – aber in der Öffentlichkeit wird mehr über Auto- als über Bau-Kultur diskutiert.

Übrigens: Der größte Teil der Bau-Investitionen hierzulande fließt in den Wohnungsbau, viel weniger in öffentliche Bauten – die aber werden, wenn überhaupt Architekturkritik stattfindet, zum Thema gemacht. Da besteht ein Missverhältnis durch Nichtkommunikation von Alltagsarchitektur. Und schließlich: Acht Neuntel unseres Volksvermögens besteht aus Immobilien – darum geht es und nicht um ein Nischen-Thema, und bei diesen kulturellen Werten müssen wir ansetzen.

 

Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur

Reiner Nagel, Vorstandsvorsitzender der Bundesstiftung Baukultur (Foto: Francisco Velasco)

Welche Ziele haben Sie, hat die Bundesstiftung Baukultur für die nächste Etappe?

Die Ergebnisse der Baukulturwerkstätten gehen ein in den Baukulturbericht, den wir als Statusbericht zur Baukultur in Deutschland 2014 dem Bundeskabinett und dem Parlament vorlegen werden. Übrigens werden wir dem Bericht auch umfangreiches Datenmaterial aus Umfragen beifügen, die wir bundesweit in Auftrag gegeben haben, und die Ergebnisse sind hochinteressant. Damit ist dann ein Pflock eingeschlagen für die Zukunft, denn der Baukulturbericht wird auch Empfehlungen an die Politik und an die Öffentlichkeit vorlegen, also formulieren, was besser werden muss. Und wenn wir nur die Hälfte dieser Empfehlungen bearbeiten wollen, haben wir in den nächsten fünf Jahren genug zu tun.

2016 soll überdies der 2. Baukulturbericht vorgelegt werden, der den Fokus auf Mittel- und Kleinstädte sowie den ländlichen Raum legt, sodass dann für Deutschland flächendeckend gute Erkenntnisse vorliegen.

Und schließlich sind wir parallel bemüht, ein internationales Netzwerk von baukulturell Engagierten aufzubauen, indem wir dieses Jahr in Venedig zur Architektur-Biennale ein Symposium durchführen, also ein Netzwerktreffen europäischer Baukultur.

 

Wie wirksam kann denn die Bundestiftung etwa mit öffentlichen Stellungnahmen sein? Ist sie unabhängig? Immerhin ist der aufsichtführende Stiftungsrat mehrheitlich von Bundespolitikern besetzt. Ist das der Grund, warum wir in der Vergangenheit keinen Kommentar von der Bundesstiftung zu Themen wie „Stuttgart21“, zur Elbphilharmonie in Hamburg, zum Bau des neuen Großflughafens Berlin-Brandenburg gehört haben?

Wir werden genau diese drei Themen in der nächsten öffentlichen Baukultur-Werkstatt am 24. Mai ansprechen und sagen, was da schlecht gelaufen ist. Wir werden fragen, was muss da im Planungs- und Bauprozess besser werden, damit auch die Ergebnisse von Baukultur besser werden. Die drei genannten Groß-Baustellen führten ja auch zu einem großen Reputationsverlust von deutschen Architekten und Bauingenieuren weltweit. Große Büros haben bereits Aufträge verloren, weil es im Ausland heißt, die Deutschen könnten ja noch nicht einmal einen Flughafen fertigstellen. Da müssen wir also noch genauer hingucken. Einen „Maulkorb“ oder politische Vorgaben aus dem Stiftungsrat sehe ich überhaupt nicht, im Gegenteil: Der Stiftungsrat ist über alle Parteien und Fachdisziplinen hinweg so besetzt, dass er eher unterstützend wirkt.

 

Leserkommentare

  1. Constantin Sarnow | 3. Mai 2014

    Schon komisch,
    die Werkstätten, dezentralen Symposien und Publikationen zum Thema Freiraum (Landschaftsarchitektur) und Verkehr (Ingenieursbauten) scheint Herr Nagel nicht zu kennen, wenn er die Themen jetzt als neu verkauft. Mehr dazu hier:http://www.bundesstiftung-baukultur.de/informationen/publikationen.html
    Auch bei heiklen Themen war die Stiftung früher oft zu hören. Bereits 2008 mit einer Pressemitteilung zu Stuttgart 21 (http://www.bundesstiftung-baukultur.de/service/presse/pressemeldungen/pressemitteilung-detail/article/stuttgarter-hauptbahnhof.html) und 2010 gab es auf deren Initiative einen Termin bei Bahnchef Grube (http://www.bundesstiftung-baukultur.de/de/service/presse/pressemeldungen/pressemitteilung-detail/article/pressemitteilung-hauptbahnhof-stuttgart-bahnchef-grube-fuehrt-mit-stiftungen-ein-krisengesprae.html).
    Trotzdem wünsche ich der Stiftung viel Erfolg, aber mit weniger Geschichtsvergessenheit…
    Einfach mal hier nachlesen und mit dem Interview vergleichen: http://de.wikipedia.org/wiki/Bundesstiftung_Baukultur

  2. Dr. Monika Arlt | 8. Mai 2014

    Baukultur kann m.E.nicht funktionieren, wenn die Sinnbildlichkeit von Architektur und damit ihr emotionales Potenzial als Gefühlspartner und als Identitätsanker nicht berücksichtigt wird.

Schreibe einen Kommentar…

Datum 29. April 2014
Autor Reinhard Hübsch
Schlagwörter ,
Teilen facebook | twitter | Google+