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Kolumne Falk Jaeger

Das Wohnhochhaus – ein Privileg aber keine Lösung

Hochhäuser sind auf dem Vormarsch, ob wir es wollen oder nicht. In Asien sind sie unvermeidlich. Wie sollte man Multimillionenstädte auch anders organisieren. In China gibt es dafür das normierte 100-Meter-Haus mit 32 Geschossen, das zu Hunderttausenden gebaut wird. Die gewünschte städtebauliche Dichte erreicht man durch geringe Abstände, wie sie hierzulande undenkbar und ungesetzlich wären. Der Preis für diese pragmatische „Lösung“: Das Leben in der 2-1/2-Zimmer-Stapelwohnung steht in krassem Widerspruch zu jahrtausendealten Lebensgewohnheiten, zum gemeinschaftlichen Leben im Verbund der Großfamilie und der Nachbarschaft. Was Maos Kulturrevolution trotz tiefgreifender Umwälzungen nicht geschafft hatte, schafft der Turbokapitalismus nun ratzfatz innerhalb von ein, zwei Generationen, die totale Umwälzung der Sozialstrukturen.

Geplante Wohnhochhäuser an der Spree

Wohnen an der Spree, Pysall Architekten (gmsvision)

Was berührt uns das in unserem beschaulichen Mitteleuropa? Zurzeit nicht viel, sollte man meinen. Weder wächst unsere Bevölkerung, sie geht sogar zurück, und die Zuwanderung hält sich derzeit noch in Grenzen. Aber wir haben eine gewisse Landflucht sowie Wanderungsbewegungen innerhalb der EU, die mancherorts (nicht überall) zu wachsenden Städten führen.

Noch überwiegt das Gefühl, die Entwicklung im Griff zu haben, die sich auch irgendwie über steigende Boden-, Immobilien- und Mietpreise regelt. Aber ohne Zweifel, Handlungsbedarf besteht, vor allem, wenn es um den Bau „bezahlbaren Wohnraums“, wie es mittlerweile heißt, in den Ballungszentren geht.

Ist es verwunderlich, dass das Wohnhochhaus wieder diskutiert wird? Es erscheint allzu logisch, bei steigenden Bodenpreisen in die Höhe zu bauen. Aber ist das auch erstrebenswert?

Das Schreckbild des Wohnhochhauses der 60er Jahre scheint verblasst zu sein. Es galt als Symbol sozialen Abstiegs und der Anonymisierung des Wohnens und war alles andere als kindgerecht. Was hat sich geändert, dass wir wieder in Hochhäusern leben wollen? Früher galt die Regel, dass ein Haus nur so hoch sein sollte, dass die Mutter die spielenden Kinder zum Essen heraufrufen konnte. Hilfsweise für Architekturstudenten: nicht höher als Bäume. Heute sind die Kinder an der elektronischen Leine und werden per WhatsApp gerufen. Und sie toben auch nicht mehr zwischen den Müllcontainern, sondern daddeln auf dem Smartphone. Die Älteren lungern nicht mehr am Spielplatz herum, sondern chillen bei Starbucks oder bei McDonald´s.

Kinder sind auch nicht mehr so viel sich selbst überlassen, sondern werden zur Schule und zum Ballettunterricht chauffiert. Familie im Hochhaus, das geht also inzwischen.

Wohnhochhäuser sind zum aktuellen Thema geworden, in der Fachpresse sowieso, aber auch in überregionalen Tageszeitungen. Doch das Credo lautet: Engpässe in der Wohnungsversorgung lassen sich damit nicht beheben, denn es ist schlicht zu teuer. Was man an Grundstückskosten spart, fressen die Bau- und Betriebskosten mehrfach wieder auf. Konstruktion, technischer Ausbau, Brandschutz und andere Auflagen steigen überproportional und treiben die Kosten in die Höhe.

Ergo: Wohnen im Hochhaus ist nur für eine betuchtere Klientel erschwinglich.

Nun könnte man annehmen, wenn diese Klientel in Hochhäuser zieht, werden nach dem Prinzip der kommunizierenden Röhren anderenorts Wohnungen frei, billigere zumal. Die Erfahrungen in Frankfurt sind ernüchternd. Eine signifikante Nachfrage nach selbst genutzten Hochhauswohnungen hat sich nicht entwickelt. Die Apartments werden zwar für Höchstpreise abverkauft – bleiben aber meist leer. „Wir bauen unsere Städte für Kapitalanleger aus China und Russland“, wird der Architekt Stefan Forster zitiert. Die Folgen sind fatal. Das Preisniveau wird in die Höhe getrieben, aber der Entlastungseffekt für den Wohnungsmarkt ist gleich null.

Was tun? Geförderte Wohnungen im Hochhaus verbieten sich, denn die öffentliche Hand kann mit dem selben Budget im normalen Wohnbau mehr erreichen. Quersubventionierte Wohnungen in Projekten mit Mischkalkulation treiben ebenfalls die Quadratmeterpreise.

Solang es nicht gelingt, die Baukosten von Hochhäusern auf ein Normalniveau zu senken, ist dieser Bautypus kein Beitrag zur Linderung der Wohnungsknappheit. Die Aussichten auf eine solche technisch-ökonomische Entwicklung sind denkbar gering.

Informationen zum Bild:

Bauherr: Agromex GmbH & Co. KG

Tragwerksplanung: EiSat GmbH

Haustechnik: GTB GmbH

Bilder: gmsvision

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Datum 5. Oktober 2017
Autor Falk Jaeger
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