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BIM - Building Information Modeling, Interview

Denken in Prozessen

momentum sprach im Kurzinterview mit Prof. Christoph Motzko (TU Darmstadt) über Großprojekte, Sub-sub-Unternehmer-Politik und die Potenziale des Bauprozessmanagements.

momentum: Wir erleben derzeit in Deutschland eine intensive Diskussion über Großprojekte. Welches Potenzial hat der prozessorientierte Ansatz insbesondere für solche Bauvorhaben?

Christoph Motzko

Prof. Dr.-Ing. Christoph Motzko (TU Darmstsdt)

Prof. Christoph Motzko: Großprojekte haben in Deutschland an einigen Stellen negative Entwicklungen erfahren, deren Ursachen vielfältig sind. Zu beachten ist, dass Planungs- und Genehmigungsprozesse deutlich komplexer geworden sind. Früher war die Objektplanung vorwiegend ein linearer Prozess. Durch die in den letzten 20 Jahren stark gestiegene Interdisziplinarität haben wir es heute mit dynamisch-iterativen Strukturen zu tun. Das permanent im Wandel befindliche Vergaberecht ist eine weitere Einflussgröße. Außerdem ist die Kommunikation wichtiger geworden, so z. B. im Kontext der Bürgerbeteiligung in den Genehmigungsprozessen.

Eine systematische Vorgehensweise in strukturierten Prozesslandschaften würde die bestehenden Defizite bei Qualität und Transparenz mindern. Die komplexen Zusammenhänge des jeweiligen Bauprojektes können sowohl für die Projektbeteiligten als auch für die Öffentlichkeit wesentlich deutlicher dargestellt werden. Das Denken in Prozessen ist allerdings kein Attribut der Gegenwart; es ist bereits bei den Philosophen der Antike vorzufinden, insofern über Generationen erprobt.

In der Debatte um Effizienzsteigerungen im Bauprozess wird immer wieder auf die Anwendung von Lean-Production-Prinzipien aus der stationären Industrie verwiesen. Wie werden diese die Bauindustrie verändern?

Die Prinzipien der Lean Production sind der Bauwirtschaft vertraut. Bei der Analyse der baubetrieblichen Fachliteratur aus den 50er und 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts können wir beispielsweise die Ansätze der Taktfertigung oder der kontinuierlichen Verbesserung, wie sie in der Lean Production gefordert sind, vorfinden. Die Bauwirtschaft hat sich jedoch durch ihre Sub-Sub-Unternehmer-Politik in den vergangenen Jahrzehnten teilweise stark vom Leistungserstellungsprozess entfernt. Ein Umdenken ist gegenwärtig zu beobachten. Die Bauwirtschaft und die Immobilienwirtschaft entdecken die Lean-Prinzipien neu. Dies betrifft die Organisation aber auch die Instrumente des Bauprozessmanagements.

Ist es notwendig, sich von der Sub-Sub-Unternehmer-Politik zu verabschieden?

Der Einsatz von Nachunternehmen ist ein integraler und legitimer Bestandteil der Bautätigkeit. Nachunternehmer waren schon immer auf Baustellen im Einsatz, daran wird sich in Zukunft nichts ändern. Im Grunde muss beachtet werden, dass die Qualifikation und die Qualität der eingesetzten Unternehmen adäquat der zu erbringen Bauleistung ist und diese Werte als grundlegende Vergabekriterien gewürdigt werden. Unsere Studien belegen, dass der niedrigste Preis immer noch das maßgebliche Vergabekriterium ist. Hier sind Reformen erforderlich. Ferner sind die partnerschaftlichen Relationen zwischen Generalunternehmen und Nachunternehmen zu fördern.

Welche Rolle werden BIM und Sensortechnik in Zukunft spielen?

Bauwerksinformationsmodellierung (BIM) wird die gegenwärtigen Informationsverluste zwischen den einzelnen Projektphasen sowie zwischen den einzelnen Projektmitgliedern erheblich reduzieren. Mittels Sensorik werden die Leistungserstellungsprozesse auf Baustellen künftig in Echtzeit erfasst und ausgewertet, analog zur Prozesssteuerung in der stationären Industrie. Dadurch wird es möglich, bei ungünstiger Leistungsentwicklung unverzüglich und gezielt in die Prozesse einzugreifen. Daher gibt es heute die Notwendigkeit, den Prozess in der Bauwirtschaft neu zu durchdenken, um die modernen zur Verfügung stehenden Technologien, Methoden und Verfahren, entsprechend zu nutzen.

 

momentum-Buchtipp:

Christoph Motzko (Hrsg.): Praxis des Bauprozessmanagements. Termine, Kosten undQualität zuverlässig steuern. Ernst & Sohn 2013.

Aus dem Klappentext: “Das Buch zeigt, wie durch Prozessoptimierung, Industrialisierung und Anwendung neuer Technologien (Sensortechnik, digitale Kommunikation, Echtzeitsteuerung etc.) die Wirtschaftlichkeit von Bauprojekten erheblich gesteigert werden kann.”

Praxis des Bauprozessmanagements

Buchcover: Praxis des Bauprozessmanagements (Ernst & Sohn)

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Datum 31. Juli 2013
Autor Jens Völker
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