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Kolumne Falk Jaeger

Die Enkel sollen´s schöner haben

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Eigentlich geht es nur um zwei zusätzliche Gleise, auf einer Strecke von 180 Kilometern. Wenn die verlegt sind, wird man 31 Minuten schneller von Karlsruhe nach Basel fahren können. Ich komme da öfters lang und finde das natürlich prima und freue mich darauf. Ich freue mich schon seit 1975, da wurde das Projekt verkündet. 1985 sollte die Strecke fertig sein. Nun ja, 1987 rückten die ersten Bagger an, und dass sich Großprojekte in Deutschland manchmal etwas verzögern können, davon hat man schon gehört.

In China übrigens würde man jetzt gerade die Neubaustrecke von 1975/76 wieder abreißen und eine neue durchs Land pflügen.

Hierzulande, lese ich gerade, rechnet man mit der Fertigstellung im Jahr 2042! Es ist schon beeindruckend, wie weit unsere Planer und Politiker in die Zukunft schauen! Das nennt man weitblickende, verantwortungsvolle Politik.

Ich persönlich habe mich möglicherweise zu früh gefreut. Aber ich bin dankbar für den Anstoß durch die DB und nehme mir vor, weit über 90 zu werden. Wenn´s nicht klappt, bin ich Familienmensch genug und gönne die Flitzestrecke den Enkeln und Urenkeln. A propos flitzen: 250 Kilometer pro Stunde war 1985 Stand der Technik, und dabei blieb es. Wo kämen wir da hin, wenn wir immer alle Pläne aktualisieren sollten. In den noch nicht planfestgestellten Streckenteilen wie bei den „neueren Neubaustrecken“ auf 300 km/h zu gehen, wäre „planerisch aufwändig“, sagte der vor-vorige Verkehrsminister. Doch teuer werden Großprojekte vor allem dann, wenn die Pläne nach Baubeginn geändert werden, sagt der aktuelle Verkehrsminister. „Wir müssen jetzt Gas geben“, motiviert Projektleiter Philipp Langefeld sich und seine Mitarbeiter. Das ist natürlich geboten, bei dem sportlich knappen Zeitrahmen bis 2042. Er ist bereits der fünfte Projektleiter, der hier in die Hände spuckt. Und nicht der letzte, denn er wird vor Fertigstellung pensioniert werden.

Die Kostenannahme von 7,1 Milliarden Euro (Stand 2015) übrigens darf man getrost als Basiswert für eine hurtig ansteigende Kurve verstehen.

Die Rheinstrecke ist Teil der europäischen Magistrale Rotterdam – Genua und die wichtigste Zuführung zum Gotthard-Basistunnel. Die Schweizer haben 17 Jahre am längsten Eisenbahntunnel der Welt gebaut und ihn 2016 fertig gestellt. Davon weiß man schon lange bei der DB und im Bundesverkehrsministerium. Trotzdem braucht man im schön breiten Oberheintal fast siebzig Jahre für den Anschluss. Aber wie auch, will es der Bahn doch nicht einmal gelingen, die paar Kilometer direkten S-Bahnanschluss zum Flughafen Berlin Brandenburg rechtzeitig zur Eröffnung fertigzustellen – obwohl diese sich (Stand 5/2017) um mindestens sieben Jahre verzögert.

Es sind die Bürgerinitiativen, Umweltverbände und Bedenkenträger der Öffentlichen Belange, die bei uns die Großbauvorhaben in die Länge ziehen, sagen die Politiker. Aber andersrum wird auch ein Schuh draus. Weil die Politik nicht in die Puschen kommt, können sich die Gegner in aller Ruhe formieren. Und ganz sorgfältig nach Großtrappen, seltenen Eidechsen, Kleinen Hufeisennäschen oder Juchtenkäfern suchen, die durch die Baumaßnahmen vertrieben werden. Dann werden beinharte und langwierige Umwelt- und Naturschutzverfahren in die Wege geleitet, die jeden Kämmerer öffentlicher Kassen zum Weinen bringen. Wie schon zu sehen bei Stuttgart 21, wo sich Proteste nach Ablauf von allerlei Einspruchsfristen eigentlich viel zu spät artikulierten, dann aber mit Macht und noch kräftig Sand ins Getriebe schütteten.

In China übrigens, wo Bedenkenträger nicht vorgesehen sind, würde 2042 die Strecke von 2017/18 längst wieder abgerissen und durch eine komplette Tunnelstrecke für Tempo 500 km/h ersetzt sein.

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Datum 1. Juni 2017
Autor Falk Jaeger
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