momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Kolumne Reinhard Hübsch

die geschichtslose zunft? über lücken in der geschichtsschreibung der bauingenieure

„im freundschaftlichen verkehr mit vertretern anderer berufe, mit architekten und kunsthistorikern, sind mir das fehlen historischen interesses bei vielen meiner engeren berufskollegen und der mangel an diesbezüglicher literatur besonders deutlich, ja schmerzlich zum bewußtsein gekommen“, konstatierte der schweizer bauingenieur hans straub bereits in den 40er jahren des 20. jahrhunderts. und also suchte er nach einer geschichte seiner zunft, die es bis dato nicht gab: „wer sich über die entstehung und entwicklung der bauingenieurkunst und -wissenschaft orientieren will, muß sich das material mühsam aus spezialwerken, aus schwer aufzutreibenden alten büchern und aus zerstreuten zeitungsartikeln zusammensuchen“, und nach dieser erkenntnis machte sich straub selbst ans werk, verfasste jene chronik, die 1949 bei birkhäuser erschien und die seither in vier auflagen überarbeitet wurde. mittlerweile ist straubs „geschichte der bauingenieurkunst“ nicht nur zum standardwerk avanciert, sondern selbst in die rentenjahre gekommen: 65 jahre nach der erstveröffentlichung erfolgte die letzte überarbeitung 1992, mithin vor mehr als 22 jahren, und wer sich nur ein wenig mit der disziplin befasst hat, der weiß, was allein in diesen beiden jahrzehnten alles neu entwickelt wurde.

Reinhard Hübsch

Reinhard Hübsch (Foto: privat)

augenscheinlich fehlt es nach wie vor an historischem bewusstsein, am interesse der zunft an der eigenen geschichte, denn die verlage bieten da kein entsprechendes angebot vor. bei der jüngsten, erst vor wenigen monaten herausgegebenen neuerscheinung „der turm und die brücke – die neue kunst des ingenieurbaus“ handelt es sich um die übersetzung jener ingenieursgeschichte, die der sintemalen in princeton lehrende prof. david p. billington bereits 1983 vorgelegt hatte. mehr als 30 jahre später ist der in amerika als klassiker ettikettierte band nun in deutscher übersetzung erschienen – leider ohne eine einzige aktualisierung. mag man billingtons kernthese, wonach sich mit dem konstruktiven ingenieurbau eine neue kunst entwickelt habe, die structural art, auch kontrovers diskutieren – dass in einer geschichte der bauingenieurskunst namen wie schlaich und bergermann, wie frei otto und werner sobek, wie jun sato, kunio watanabe (und sein „tokyo international forum“) und marmoru kawaguchi  fehlen, dass fritz leonhardt allenfalls en passent erwähnung findet, der nach ihm benannte und seit 1999 vergebene, international angesehene preis in einer hierzulande editierten ingenieurgeschichte keine erwähnung findet, dass die weltweites renommée genießenden preisträger wie william f. baker (und das büro, für das er tätig ist, nämlich skidmore, owings & merrill, sowie sein „burj khalifa“ in dubai) ebenso wie alfred f. pauser schlichtweg nicht genannt werden können, weil die komplett überaltete us-ausgabe nicht um einen deut ergänzt wurde, ist außerordentlich bedauerlich.

sollten sich an den deutschen universitäten und hochschulen keine professorinnen oder professoren finden, die sich mit der geschichte ihrer zunft auf der höhe der zeit befassen wollen? gibt es im akademischen nachwuchs niemanden, der (oder die) sich eingehend mit den kolleginnen und kollegen befassen möchte? und sollte es kein verlag im deutschsprachigen raum einer interessierten leserschaft – die weit über die zunft hinaus reichen dürfte – ein buch an die hand geben, das spannend die geschichte von brücken und türmen, von hochhäusern und sportstadien, von bunkern und kraftwerksbauten erzählt? sollte sich niemand finden, der die geschichte der zunft in einer synopse von kunst- und sozialgeschichte, materialentwicklung und politik zu beschreiben vermag, der uns neugierigen erzählt, wie die bauingenieure sich im stalinistischen russland und im ns-geschundenen deutschland verhielten, wie das team um günter behnisch mit frei otto das münchner olympiastadion plante, wie ökonomie und ökologie, neue computertechnologien und eine nach event-architekturen hungernde gesellschaft von den ingenieurinnen und ingeneuren neue anstrengungen erwartete?

man mag es nicht glauben. denn so wie eine aktuelle architekturgeschichtsschreibung natürlich um stefan behnisch und jan kleihues weiß, wie zeitgemäße literaturgeschichtsschreibung nicht walser und grass unterschlägt, wie die geschichte der malerei gerhard richter und neo rauch porträtiert, so sollten auch die ingenieure von ihrer prägenden figuren sprechen. oder sind sie tatsächlich die einzigen künstler,  bei denen auch zu beginn des 21. Jahrhunderts (mit straub) „das fehlen historischen interesses besonders deutlich, ja schmerzlich zum bewußtsein“ kommt?

Leserkommentare

  1. Jens Völker | 8. August 2014

    Billingtons Werk ist nur in zweiter Linie eine Geschichte des Ingenieurbaus. In erster Linie geht es um die sog. Structural Art (≈Ingenieurbaukunst) – darauf deutet übrigens auch der Untertitel hin. Billington erläutert zwar die “Prinzipien der Structural Art” anhand von Bauwerken aus der Historie. Das macht das Buch aber noch nicht zu einem Geschichtsbuch. Deswegen ist es adäquat, das Buch als reine Übersetzung – ohne Ergänzungen – zu veröffentlichen.
    Billingtons Vorstellung der “Structural Art” kann man kritisch sehen, eine Auseinandersetzung damit kann aber sehr einträglich sein.

  2. Karl-Eugen Kurrer | 12. August 2014

    Jens Völker ist zuzustimmen: Das Billington-Buch zählt nicht zur Historiographie der Bautechnik. Auch Reinhard Hübsch hat recht, wenn er feststellt, dass Straubs “Geschichte der Bauingenieurkunst” die einzige Gesamtdarstellung über dieses Gebiet ist.
    Die Geschichte der Bautechnikgeschichte (nicht zu verwechseln mit dem wohletablierten Fach “Baugeschichte”) als wissenschaftliches Fach befindet sich noch immer in der Disziplinbildungsperiode, obwohl in Großbritannien schon seit gut drei Dezennien die Zeitschrift “Construction History” von der “Construction History Society” editiert wird. Seit mehreren Jahren erscheint die Zeitschrift “Engineering History and Heritage” der Institution of Civil Engineers. Anfang 2003 richtete das Instituto Juan de Herrera der Escuela Tecnica Superior de Arcquitectura de Madrid (Prof. Santiago Huerta) den First International Congress on Construction History aus – ihm folgten Cambridge (2006), Cottbus (2009) und Paris (2012) – die Vorbereitung für den nächsten Congress in Chicago (2015) laufen auf Hochtouren.
    Im deutschsprachigen Raum konnte der Lehrstuhl für Bautechnikgeschichte und Tragwerkserhaltung der BTU Cottbus vor Kurzem seinen 20. Geburtstag feiern. Dort treiben Werner Lorenz und seine MitstreiterInnen die Disziplinbildung der Bautechnikgeschichte im internationalen Kontext erfolgreich voran. Im Juli vorigen Jahres wurde die Gesellschaft für Bautechnikgeschichte gegründet: http://gesellschaft.bautechnikgeschichte.org/
    In den Ingenieurzeitschriften von Ernst & Sohn wie “Bautechnik”, “Beton-und Stahlbetonbau”, “Bauphysik”, “Stahlbau” und “Bautechnik” werden seit vielen Jahren Aufsätze aus dem Gebiet der Bautechnikgeschichte systematisch veröffentlicht. Bei Ernst & Sohn sind auch des Verfassers Bücher “Geschichte der Baustatik” (2002) und “The History of the Theory of Structures. From Arch Analysis to Computational Mechanics” (2008) erschienen; der letztgenannte Titel hat KäuferInnen in über 50 Ländern gefunden. Zur Zt. wird die 2. Auflage der “Geschichte der Baustatik” vorbereitet. Daran zeigt sich, dass das Interesse der Bauingenieure für die Geschichte ihres Gebietes weltweit stark zugenommen hat. Gleichwohl existiert hier noch ein enormer Nachholbedarf.
    Also es tut sich einiges. Seit einigen Jahren zeichnet die Bundesingenieurkammer “Historische Wahrzeichen der Ingenieurbaukunst in Deutschland” aus und lädt hierzu Pressevertreter ein. Zuletzt wurde das Neue Museum Berlin ausgezeichnet (das 15. Bauwerk). Werner Lorenz verfasste die Begleitbroschüre. In anmutiger Sprache beschreibt er die Entwicklungsgeschichte dieses Bauwerks im gesellschaftlichen Kontext. Möge diese wunderbare Miniatur der Historiographie der Bautechnik bei den Journalisten Anklang finden!

    Der Autor dieser Zeilen leitet seit 1996 den Berliner VDI-Arbeitskreis Technikgeschichte, wo seit vielen Jahren in Zusammenarbeit mit dem Cottbuser Lehrstuhl für Bautechnikgeschichte am Deutschen Technikmuseum Vorträge über “Praktiken und Potenziale von Bautechnikgeschichte” besucht werden können. In diesem Jahr gibt es 8 Vorträge zum Thema “Bautechnik und Krieg” (der nächste Vortrag von Prof. Leo Schmidt trägt den Titel “Die Bauten von Peenemünde” und findet am 25.9.2014 statt).
    Bislang fanden die Aktivitäten zur Geschichte der Bautechnik in den Medien nur geringe Beachtung. So wurde des Verfassers Buch “Geschichte der Baustatik” zwar in über 30 Fachzeitschriften rezensiert, aber nur in einer Zeitung, der “Neuen Züricher Zeitung”.
    Jeder Architekturstudent kann schon im 2. Semester 10-20 berühmte Architekten benennen, aber der Bauingenieurstudent ist nicht in der Lage, auch nur 10 Protagonisten seines Faches aufzuzählen! Wer kennt schon Bélidor, Coulomb, Navier, Rankine, Culmann, Mohr, Müller-Breslau, Engesser, Gallagher und Zienkiewicz?
    Noch immer werden in der veröffentlichten Meinung Bauingenieure mit Architekten verwechselt (“Der Erbauer des Stuttgarter Fernsehturmes, der Architekt Fritz Leonhardt”). Segnet aber eine Brücke das Zeitliche, dann erinnern sich Journalisten, dass es sowas wie “Statiker” (die des öfteren zu “Statistiker” gemacht werden) gibt, die irgendwas mit dem verpönten Rechnen zu tun haben. Allenfalls stellt man sich den Bauingenieur als behelmter Bauleiter in Rohrstiefeln vor, der im Dreck der Baugrube steht. Ein Reinraumlabor, ein Teilchenbeschleuniger, ein Physiker, der gerade dabei ist, die Weltformel zu finden macht da mehr her, obwohl doch jeder alltäglich den Wasserhahn aufdreht und sein Geschäft verrichtet. Ja, auch die Wasserwirtschaft, die Wasserversorgung und Abwassersysteme gehören zum Objektbereich des Bauingenieurwesens – nicht nur das Weiter und Höher der Brücken, Tunnel und Hochhäuser. Das ist natürlich unspektakulär, weil alltäglich – zumind. hierzulande.
    Es geht um die Wahrnehmung des Anteils der Bauingenieurarbeit zur Produktion und Reproduktion des gesellschaftlichen Lebens in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft – und zwar im gesellschaftlichen Maßstab.

  3. Cengiz Dicleli | 13. August 2014

    Reinhard Hübsch ist zu danken, dass er ein brennend aktuelles Thema nochmals aus seiner Sicht anspricht. Geschichtsbewußtsein der Bauingenieure läßt vieles zu wünschen übrig; gerade wenn man es mit dem der Architekten vergleicht. Karl-Eugen Kurrer beschreibt sehr übersichtlich, dass dieses Problem bereits erkannt ist, auch wenn der Kreis dessen, die sich aktiv damit beschäftigen, noch recht klein ist.
    Die Gründung der Gesellschaft für Bautechnikgeschichte ist ein wichtiger Schritt in der richtigen Richtung. Einer der Ziele der Gesellschft, das Fach Bautechnikgeschichte in den Universitäten und Hochschulen zu etablieren, ist der wichtigste Schlüssel zur Lösung der genannten Probleme. Als jemand, der jahrzehnte lang Bauingenieure und Architekten ausgebildet hat, kann ich bestätigen, dass Hans Straubs Zitat für die meisten Bauingenieur Fakultäten auch heute nochzutrifft. Die Kollegen, die für die Planung der Studien- und Prüfungspläne zuständig sind, sind von der Notwendigkeit des Faches Bautechnikgeschichte, die sie aus eigener Erfahrung nicht kennen, schwer zu überzeugen. Einschlägige Lehrer und Lehrmaterial sind Mangelware.

    Packen wir es an!

  4. M. Mueller | 30. Januar 2016

    Es fehlt auch noch die Geschichte der Bauingenieure im Dritten Reich.

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Datum 8. August 2014
Autor Reinhard Hübsch
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