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BIM - Building Information Modeling, Interview

„Die Zukunft heißt Befähigen“

Dr. Volker Krieger

Dr. Volker Krieger (Foto: Volker Krieger)

Sieben Fragen an Dr. Volker Krieger (Dr.rer.nat – Leiter Laborplanung Fact GmbH Böblingen, Mitarbeiter Planen-Bauen 4.0 Berlin, Repräsentant DIN bei der ISO zur ISO19650 Information Management on the Asset Life Cycle)

BIM hat keinen Mangel an brisanten Fragen. Deren derzeit brisanteste dürfte aber die Frage nach der Normung sein. momentum sprach mit einem, der sich hierzulande bei dem Thema wie nur wenige auskennt, über Lernen von Großbritannien, ISO- und DIN-Normen und ihre volkswirtschaftliche Relevanz, über Qualitätsmanagement am Bau, die Planen-Bauen 4.0 GmbH und über das, was Paradigmenwechsel ist – beim Thema BIM …


momentum: Noch vor nicht allzu langer Zeit gab es die Sorge, Großbritannien könne sich mit seinen BIM-Normen in Deutschland durchsetzen. Warum ist diese Sorge heute unberechtigt?

Dr. Volker Krieger: Weil im Großen und Ganzen die internationale Normungsgemeinschaft über genügend Regularien und Erfahrung verfügt, um solche „feindlichen Übernahmen“ zu vermeiden. Allerdings muss jeder von uns den britischen Kollegen dankbar sein, dass diese durch ihre nationale Normungsarbeit eine enorme Vorarbeit geleistet haben. Es sollte uns eine Verpflichtung sein, diese fort- und weiterzuführen. Für meinen Teil, im Aufgabengebiet der ISO19650 „Information Management in BIM“, kann ich sagen, dass unser internationales Team hochmotiviert und hochqualifiziert sich dieser Aufgabe annimmt – keine leichte Arbeit angesichts des Umfangs dieser Normenreihe. Es ist sehr schwierig und nicht immer möglich, den einzelnen nationalen Interessen gerecht zu werden. Auch wir Deutschen werden zu Kompromissen bereit sein müssen, wollen wir denn auch im internationalen Markt Geschäfte machen.


Gibt es gleichwohl am britischen Umgang mit den Normen für uns Vorbildhaftes?

Neben dem oben erwähnten Lob ist auch die Unterstützung durch die „White Hall“ vorbildlich. Die britische Regierung hat nicht nur erkannt, dass der Bausektor vor einer wirtschaftlich positiven Umwälzung steht, sondern diesen auch aktiv unterstützt – durch Übernahme von finanzieller und organisatorischer Verantwortung. Das ist in unserem bundesdeutschen föderalen System nicht so einfach. Die Planen-Bauen 4.0 GmbH in Berlin ist ein erster, richtiger Anfang, leider bisher mehrheitlich durch die Industrie getragen. Für den Erfolg der UK Bauwirtschaft war übrigens auch entscheidend, dass die grundlegenden BIM Normen (PAS1192) als „Public Available Specification“ frei verfügbar waren – etwas, womit sich DIN und VDI in Deutschland noch schwer tun.


Stichwort Normung und deren volkswirtschaftliche Relevanz – Was muss geschehen, damit diese von Regierungsseite aus gesehen wird?

Die volkswirtschaftliche Relevanz wird von Regierungsseite durchaus gesehen – allein, es folgt noch keine ausreichend konsequente Unterstützung. Unsere UK-Kollegen erhalten bei der Teilnahme an internationalen Treffen der ISO und des CEN Unterstützung vom British Standard Institute aus einem BIM Fond – der UK BIM Task Group und damit von der „White Hall“. In Deutschland muss ein Professor einen wenig aussichtsreichen Dienstreiseantrag an seine Universitätsverwaltung stellen … Sicher – englisch als Kommunikationsminimum ist nicht für alle deutschen Ingenieure so einfach. Aber diesen Nachteil gilt es zu kompensieren – nicht noch zu verstärken. Schließlich hat deutsche Normung historisch gesehen technisches Weltniveau.

Die Planen-Bauen 4.0 GmbH finanziert – stellvertretend für den DIN und damit für Deutschland – ein Sekretariat in einem der vier neuen BIM Workgroups der CEN. Ansonsten wären wir gar nicht dabei! Fragen Sie doch mal unsere Kollegen aus Frankreich, Norwegen und Österreich, wer deren Sekretariate finanziert.

Doch dürfen wir nicht vergessen, dass das Zeitempfinden der Politik viel kürzer ist. Kaum ein Politiker schneidet das Band der Eröffnung zu einer neuen Straße durch, deren Planung er selbst initiiert hat. Planungs- und Bauzeiten eines Bauwerks übersteigen oft Legislaturperioden und sind deshalb im Geschäftsmodell eines Politikers nicht vorgesehen.


Hierarchie oder Spannungsfeld? Welcher der beiden Begriffe trifft das Verhältnis von ISO- und DIN-Normen Ihrer Ansicht nach eher?

Gegenfrage – Wo gibt es eine Hierarchie ohne Spannungsfeld? Es gibt eine klare Hierarchie von ISO über CEN nach DIN – durch die Wiener Vereinbarung von 1991. Allerdings sind wir in Deutschland nicht verpflichtet, ISO Normen zu übernehmen. Wir sind aber dazu verpflichtet, CEN-Normen in nationale DIN-Normen zu übernehmen, ja sogar entsprechende DIN oder VDI Normen zurückzuziehen, wenn diese mit der EN-Norm nicht im Einklang stehen. Was machen wir dann, wenn CEN eine ISO Norm übernimmt? Das ist zumindest für die ISO 19650 absehbar. Hier liegt der Grund für unser und mein Engagement schon jetzt im ISO Ausschuss!

Es gibt noch einen zusätzlichen – wiederum typisch deutschen – Aspekt: den der „Stand der Technik“. An dieser feststehenden Begrifflichkeit im juristischen Sinne kommt im Streitfall kein Baubeteiligter vorbei. Er muss im Sinne des Gesetzes dieser Anforderung genügen – und damit gegebenenfalls auch einer ISO Norm, selbst wenn diese nicht EN oder DIN Norm ist.


Andere Branchen kennen ausgefeilte Qualitätsmanagement-Systeme. Fehlen die beim Bau und woran könnte es da hapern?

Ja – eindeutig unzureichend, was der „Bau“ da bietet. Sonst hätten wir nicht eine seit Jahrzehnten nachweisbare sinkende Produktivität als einziger Wirtschaftszweig weltweit. Jeder weiß das intuitiv, wenn er nur an seinen Handwerker denkt. Wir verlieren 50 % des Budgets auf der Baustelle an Tätigkeiten, die vermeidbar wären. Wir haben – weltweit – die niedrigste Digitalisisierungsquote in unserem Wirtschaftszweig. Ich wünsche mir für unseren Bausektor das, was die Pharmaindustrie mit ihrem „Good Manufacturing Practise (GMP)“ seit zwanzig Jahren mit Erfolg aufgebaut hat – deren Umsatzrendite liegt bei 30 % und mehr. Ich wünsche mir ein „Good Building Practise (GBP)“ – weltweit – und damit hoffentlich ein Abschied von einer Umsatzrendite, die bei manchen Betrieben sogar unter „Null“ liegt.


Worin sehen Sie die eigentliche Aufgabe von Planen Bauen 4.0 und warum?

Planen-Bauen 4.0 GmbH ist die einzige deutsche Gesellschaft, die alle Beteiligten des Bausektors über die gesamte Wertschöpfungskette des Planens, Bauens und Betreibens vertreten kann. Es ist schon ein Erfolg der deutschen Bauwirtschaft – und natürlich auch der Gründungsinitiatoren, ein solches Konstrukt in unserer deutschen Baulandschaft geschaffen zu haben. Doch jetzt beginnt erst die Arbeit. Der Business-Plan der Gesellschaft zum Planen-Bauen-Betreiben hat viele Aufgabenstellungen: Stufenplan und Stufenpläne, Webinare, Fort-, Weiter- und Ausbildung, Betreuung regionaler BIM Cluster Initiativen und vielleicht oder hoffentlich auch als deutsche Akkreditierungs-Körperschaft. Letzteres wäre der Nukleus für ein deutsches Qualitätsmanagement im Bauwesen. Mit inzwischen international operierenden Playern wie TÜV und DEKRA hätten wir gute Chancen in diesem Geschäft. Es würde auch dem Brand „Deutsche Gründlichkeit“ entsprechen …


BIM und der berühmte Paradigmenwechsel – Was macht letzteren für Sie wirklich aus?

Als älterer Zeitgenosse und von Hause aus Naturwissenschaftler der Physik und Chemie, habe ich die Paradigmenwechsel der Quantenmechanik und des Internets erlebt, und erlebe diese immer noch. Mit dem sogenannten „Internet der Dinge“ oder „Internet 4.0“ kommen jetzt erst wirklich tiefgreifend spürbare Veränderungen im Alltagsleben eines jeden Menschen. Wer glaubt, dass er das meiste schon gesehen hat in der Computer- und IT-Welt, wird sich in zehn Jahren umschauen und feststellen, dass er mal wieder zu kurz gedacht hat. Das wird uns auch mit dem als „Building Information Modelling“ bezeichneten Paradigmenwechsel im Bauwesen passieren; nur, dass wir dort noch ganz am Anfang stehen. Wir haben heute noch nicht die Werkzeuge, geschweige denn die Begrifflichkeiten für das, was wir demnächst erst verstehen. Wie auch? Wir lernen ja gerade erst, uns die Bauwelt neu anzuschauen – „Paradigmenwechsel“! Wir sollten uns an dieser neuen, großen, wunderbaren Welt erfreuen, unsere Ängste abbauen und willens sein zu lernen – alle miteinander!


Herr Krieger, haben Sie vielen Dank für das Interview

Das Interview führte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

 

 

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Datum 13. Mai 2016
Autor Burkhard Talebitari
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