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Kolumne Falk Jaeger

Ein Flughafenflüsterer wird gesucht

Bauarbeiten am Hauptstadtflughafen gehen weiter

Bauarbeiten am Hauptstadtflughafen gehen weiter (Foto: cirquedesprit )

Verstehen kann das niemand mehr, auch die Fachleute sind baff. Am Flughafen Berlin Brandenburg funktioniert die für Brandschutz und Sicherheit unverzichtbare elektronische Steuerung von 80 Prozent der Türen nicht. Deshalb wird sich die Eröffnung um ein Jahr verschieben. Kostet etwa 400 Millionen Euro extra. Abgesehen davon, dass ein solches Problem auf jeder anderen Baustelle durch Korrekturen an der Software und/oder durch Auswechseln von Bauteilen innerhalb von Wochen behoben wäre, verblüfft, nein entsetzt die Tatsache, dass dieses Problem nicht neu ist, sondern nur jetzt neu aufgetreten, oder erst jetzt oder jetzt wieder bekannt geworden ist oder entdeckt wurde, was auch immer. Denn es hatte bereits 2012 zur Absage der Eröffnung geführt. Damals gab es Ärger zwischen Siemens und Bosch wegen der falsch (nämlich anteil- und nicht sachbezogen) positionierten Schnittstelle zwischen Hard- und Software.

Dieses Problem schien nach elenden Querelen korrigiert zu sein. Dann machte man sich an die Arbeit, verkabelte alles neu und werkelte an der Software. Inzwischen ist klar: Die sich als Global Player verstehenden Firmen Siemens und Bosch haben es in fünf Jahren nicht geschafft, für ein Neubauprojekt funktionierende Türen zu liefern. In einem halben Jahrzehnt, da muss man nicht mal bis nach China blicken, baut man anderenorts locker komplette Großflughäfen mit der doppelten Passagierleistung.

Manche (wie viele?) Türen müssten neu verkabelt werden, hieß es, was wohl als Entschuldigung gelten sollte. Wie bitte? Weil beim 2011/12 angerichteten Installationsschlamassel niemand mehr den Durchblick hatte, hat man doch in den vergangenen Jahren die Strippen neu gezogen! Falsch gezogen, sagt nun Bosch, und verweist auf mangelhafte Planung. Mittlerweile ein Totschlagsargument beim BER.

Die Flughafengesellschaft wiederum klagt, Bosch habe nicht die vereinbarte Zahl an Mitarbeitern auf der Baustelle. Und Bauarbeiter hätten die Türen verkeilt und zerstört. Alle 1400? Nein, das können nur Einzelfälle sein, und warum sollen die nicht in zwei Wochen zu reparieren sein?

Aber es gibt ja noch mehr Unterhaltsames. 29.000 Sprinklerköpfe seien ausgetauscht worden. Sollte wohl eine Erfolgsmeldung sein. Doch fragt man sich, wer hat Zehntausende fehlerhafter oder zu kleiner Düsen berechnet, bestellt, einbauen lassen? Und nun müssen im Seitenterminal Rohrleitungen neu gezogen werden. Offenbar kam niemand auf die Idee, beim Umbau nachzurechnen, ob die Leitungen größer dimensionierte und zusätzliche Sprinklerköpfe zuverlässig versorgen können.

Es ist trostlos. Man hat schon einen Regierenden Bürgermeister, mehrere Vorstandsvorsitzende und Technikchefs und die Projektsteuerung verheizt, ohne Erfolg. Nur die unfähige Controlligfirma, von Anbeginn für die Misere mitverantwortlich, ist nach wie vor am Agieren. Da versteht man nur noch Flughafen (wie es inzwischen heißt; Bahnhof kommt später wieder, wenn Stuttgart 21 sein Katastrophenpotenzial voll entfalten wird).

Die Presse vermeldet BER-Eröffnungsterminverschiebungen inzwischen lustlos routiniert. Fatalismus allenthalben, die politisch Verantwortlichen scheinen ermattet.

Man wünschte sich einen Flughafenflüsterer, der den Protagonisten neuen Mut einhaucht. Der die Firmen veranlasst, sich untereinander zu vertragen und trotz lukrativer Verträge auf Stundenbasis nun doch zügig auf die Fertigstellung hinzuarbeiten Und der die Architekten tröstet, die ihre Arbeit kaputt gemacht und ihr Image demoliert sehen. Das Image der deutschen Ingenieurkunst und Wertarbeit hat, wie vielfach zu hören ist, weltweit ohnehin großen Schaden genommen. Unwahrscheinlich, dass deutsche Architekten und Konsortien im Ausland in absehbarer Zeit wieder einen Flughafen zu bauen bekommen.

Leserkommentare

  1. Kristin Feireiss, Aedes Architekturforum | 23. Februar 2017

    Besser kann man es nicht auf den Punkt bringen. Ein Desaster für das sich keiner verantwortlich fühlt und unsere ausländischen Architektenfreunde lächeln spöttisch. Das neue: Made in Germany!!!!

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Datum 1. Februar 2017
Autor Falk Jaeger
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