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Interview

Erdbebensichere Lösungen werden dringend benötigt

Sieben Fragen an Topi Paananen, Chief Executive Officer (CEO) PEIKKO GROUP CORPORATION

1. Peikko ist nun über 20 Jahre fest in Deutschland etabliert. Wie kam es bei dem Schritt zur Internationalisierung Ihres Unternehmens zu der Entscheidung, zuerst nach Deutschland zu gehen?

Topi Paananen, CEO der Peikko Group, vor dem 2015 errichteten Neubau der Firmenzentrale in Lahti, Finnland.

Topi Paananen, CEO der Peikko Group, vor dem 2015 errichteten Neubau der Firmenzentrale in Lahti, Finnland. (Foto: Peikko)

Die Baubranche in Deutschland ist sehr vielfältig und ausgesprochen wettbewerbsorientiert, und ihre Kunden sind anspruchsvoll. Meines Erachtens war es eine gute Entscheidung, uns zunächst in Deutschland niederzulassen: Wenn wir am deutschen Markt bestehen, dann sind wir auch woanders wettbewerbsfähig.

2. Heute ist das Familienunternehmen Peikko mit acht ausländischen Fabriken in 30 Ländern weltweit aktiv. Was bedeutet das für den Aufbau der Vertriebsstruktur und die Unternehmenskultur?

Die Geschichte der Peikko Group startet im Jahr 1965 mit einem einzigen Produkt, einer Scheune als Produktionsstätte und dem Küchentisch der Familie Paananen als Büro.

Die Geschichte der Peikko Group startet im Jahr 1965 mit einem einzigen Produkt, einer Scheune als Produktionsstätte und dem Küchentisch der Familie Paananen als Büro. (Foto: Peikko)

Ein Unternehmen aufzubauen ist vergleichbar mit der Architektur. Das Neue, Unbekannte birgt seine Herausforderungen, ist aber äußerst lohnend – sowohl für das Unternehmen, als auch für mich persönlich. Natürlich ist es immer riskant, neue Märkte zu erschließen, aber es ist auch immer lehrreich – man lernt auch für bestehende Geschäfte. Man muss immer bereit sein, zu lernen, um sich kontinuierlich zu verbessern.

3. Unternehmen müssen wachsen. Peikko hat seinen Umsatz in den letzten 10 Jahren verfünffacht. Wie geht die Reise weiter?

Es gibt keine fixierten Ziele, wann wir den Meilenstein von 300 Mio. € Umsatz erreichen. Wir werden ihn aber auf jeden Fall erreichen. Das Firmenwachstum ist für mich mit dem Unternehmenswert verbunden. Durch das Wachstum müssen wir uns stetig anpassen und Neues lernen. Eine wachsende, dynamische Firma zu leiten, ist viel spannender, als ein Unternehmen zu führen, das Jahr für Jahr gleichbleibende Ergebnisse erwirtschaftet.

4. Vom cradle to cradle-Prinzip ist heute viel die Rede. Peikko praktiziert es. Wie kann perfektes Recycling ohne Restmüll gelingen?

Dieses Konzept ist in aller Munde, es gibt aber wenige konkrete Beispiele, wo es tatsächlich umgesetzt wird. Wir können uns glücklich schätzen, einen Experten auf diesem Gebiet als Vorstandsmitglied gewonnen zu haben: den dänischen Architekten Kasper Jensen. Kasper hat zugesagt, sich mit konkreten Projekten in diesem Bereich einzubringen.

Peikko, ebenso wie alle anderen Unternehmen der Branche, sollte greifbare Alternativen bieten, wie sie einen Beitrag zum Umweltschutz leisten können. Wir können etwas bewegen, wenn wir unsere Lösungen zielgerichtet weiterentwickeln. Was können wir tun, um das Recycling eines Gebäudes für Investoren und Eigentümer realisierbar zu machen? Die Bolzenverbindungen von Peikko haben enormes Potential, Gebäude recyclingfähig zu machen, hier müssen wir noch dran arbeiten.

5. Wie schätzen Sie die Situation in Deutschland in Sachen BIM und Digitalisierung des Bauwesens ein?

Ich hoffe niemand fühlt sich beleidigt, wenn ich sage, dass Deutschland in diesem Bereich gegenüber einigen anderen europäischen Ländern im Hintertreffen ist. Ich denke BIM wird in Deutschland bald einen regelrechten Boom erfahren. Wahrscheinlich wird diese Methode in Deutschland in den kommenden Jahren aufholen. Doch ich sehe aktuell keine Initiative von deutschen Investoren, den Einsatz von BIM in ihren Projekten zu fordern. Meines Erachtens ist dies der einzige Weg, alle Beteiligten in Richtung BIM zu bewegen: der Kundenbedarf.

6. Welche Erfahrungen liegen in Ihrem Hause mit den hiesigen Zulassungsverfahren und Zertifizierungen vor?

Im Jahr 2002 wird die neue automatisierte und digitalisierte DELTABEAM-Produktion in Lahti, Finnland in Betrieb genommen.

Im Jahr 2002 wird die neue automatisierte und digitalisierte DELTABEAM-Produktion in Lahti, Finnland in Betrieb genommen. (Foto: Peikko)

In unserer Branche steht die Sicherheit aus gutem Grund an erster Stelle – daher muss unsere Produktion fremdüberwacht und unsere Produkte geprüft und zugelassen sein. Das hat alles einen Sinn. Auf der anderen Seite müssen die Bearbeitungszeiten und Kosten für Zulassungen deutlich verbessert werden. Die Anforderungen für die Erlangung von Zulassungen unterscheiden sich in vielen Ländern sehr, bis hin zu einem gewissen Maß an Protektionismus.

In Deutschland können wir auf die Zusammenarbeit mit dem DIBt bauen. Das DIBt verfügt über begrenzte Ressourcen, so dass es uns wichtig ist, eine gute Kommunikation zu führen. Wir stellen unsere Informationen umfassend und gut vorbereitet zur Verfügung, damit das DIBt sie zügig bearbeiten kann.

Zulassungen zu bearbeiten, ist in meinen Augen keine Einbahnstraße, sondern eine Kooperation mit den Behörden. Wenn Probleme auftauchen, müssen wir auch bei uns nach den Ursachen suchen.

7. Welche Strategie verfolgt Peikko beim Thema Erbebensicherheit?

Umfangreiche Versuche zur Erdbebensicherheit von Stützenanschlüssen mit HPKM Stützenschuhen und Ankerbolzen von Peikko.

Umfangreiche Versuche zur Erdbebensicherheit von Stützenanschlüssen mit HPKM Stützenschuhen und Ankerbolzen von Peikko. (Foto: Peikko)

Erdbebensicherheit ist eines der meist diskutierten Themen unter Fachleuten der Tragwerksplanung in Europa – leider auch sehr aktuell durch die letzten Erdbeben in Italien. Peikko setzt in diesem Bereich auf langfristige Forschung und Entwicklung. In unserer italienischen Niederlassung arbeiten Spezialisten, die am Polytechnico Milano erste Ergebnisse ermittelt und unlängst veröffentlicht haben: einen nachweislich erdbebensicheren Stützenanschluss an Fundamente.

Die Großversuche mit Stützen und Trägern im Maßstab 1:1 bedeuten erheblichen Aufwand und Zeitbedarf. Wir werden unseren Kunden aber in den nächsten Jahren eine ganze Serie an erdbebensicheren Lösungen für verschiedene Anwendungen präsentieren können. Solche Lösungen werden dringend benötigt um wirtschaftliche Betonfertigteil-Konstruktionen in Erdbebengebieten zu bauen.

Herr Paananen, haben Sie vielen Dank für dieses Interview

Die Fragen stellte momentum-Redakteur Burkhard Talebitari

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Datum 24. April 2017
Autor momentum
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