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Eröffnung des MuCEM in Marseille

Neubau auf Hafenmole J4 (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Es war eine außergewöhnliche Woche in Marseille, der Hafenstadt am Mittelmeer: Präsident François Hollande besuchte die Stadt am Dienstag, den 4. Juni 2013, um eins der größten Containerschiffe der Welt, die in Südkorea gebaute “Jules Verne” einzuweihen, aber auch um als einer der ersten das neue Museum der Kulturen Europas und des Mittelmeers (MuCEM) zu besichtigen. Offiziell eröffnet für den Publikumsverkehr wurde es erst am Freitag, den 7. Juni 2013, dann aber mit ganzen drei Tagen freiem Eintritt für alle von 9 Uhr morgens bis 22 Uhr abends. Am ersten Abend wurde noch dazu ein Open-Air-Konzert auf der Esplanade vor dem Museumsneubau veranstaltet. Während der erste Tag unter schönstem Sonnenschein stattfand, war der Samstag, an dem momentum die Gelegenheit hatte, das Museum zu besuchen, mit bewölktem und leicht regnerischem Wetter bedacht, was auch ungewöhnlich ist für Marseille im Juni. Man sollte zudem noch erwähnen, dass Marseille für das Jahr 2013 europäische Kulturhauptstadt ist.

Das neue MuCEM soll aber nicht nur ein einfaches Museum sein, sondern eine Kulturstätte, die sich über die geisteswissenschaftlichen Disziplinen hinweg mit der Kultur dies- und jenseits des Mittelmeeres beschäftigen will. Zur Eröffnung werden gleich fünf permanente und temporäre Ausstellungen angeboten, die von der “Galerie des Mittelmeers” bis zum “Basar der Geschlechter” reichen und die Vielfalt der Kulturen rund ums Mittelmeer erkunden.

Hochfester Beton unter Last (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Zum Eröffnungswochenende waren die Ausstellungen leider sehr überlaufen, sodass man sich schlecht auf den Inhalt konzentrieren konnte. Leichter Regen am frühen Nachmittag reduzierte die Warteschlangen jedoch drastisch. Trotz der anfänglichen Menschenmengen war eines sehr auffällig: die Architektur. Das MuCEM besteht eigentlich aus drei Bauwerken: Dem umgenutzten Fort Saint-Jean an der Einfahrt zum alten Hafen, einem Neubau auf der überbauten Hafenmole J4 des autonomen Hafens und einem Zentrum für Konservierung und Ressourcen im Inneren der Stadt nahe dem Bahnhof Saint-Charles. Momentum hatte allerdings nur die Gelegenheiten, die ersten beiden Orte zu besichtigen, aber diese allein waren die Reise nach Marseille wert.

Das Fort Saint-Jean steht an der Stelle der ersten griechischen Siedlung aus dem sechsten Jahrhundert vor Christus und wurde ab dem 12. Jahrhundert erbaut. Den größten Teil seiner Geschichte wurde von dort die Hafeneinfahrt bewacht und verteidigt. Das Fort diente während der Revolution aber auch als Gefängnis. 1844 wurde das Fort durch einen Kanal, der den alten mit dem neuen Hafen verband, zu einer Insel. 1938 wurde der Kanal aber wieder zugeschüttet, sodass wie heute noch das Fort mit der Stadt verbunden ist. Von deutschen Truppen während des 2. Weltkrieges zeitweilig besetzt verlor das Fort nach der Befreiung seine militärisch-strategische Wichtigkeit und ging 1960 in den Besitz des Kulturministeriums über. Die Abteilung für Unterwasserarchäologie wurde dort angesiedelt und das Fort immer wieder teilweise aufgebaut oder restauriert. Für den Publikumsverkehr blieb es dabei eher uninteressant. Als Teil des MuCEM ist es jedoch vollkommen aufgewertet und größtenteils barrierefrei ausgebaut worden. Drei bestehende Gebäude enthalten Ausstellungsräume des Museums, neue Anbauten sind teilweise diskret, manche aber auch bewusst kontrastierend – jedoch immer passend – in die denkmalgeschützte Substanz eingefügt worden. Verschlungene Wege ermöglichen es heute, das gesamte Fort zu entdecken und eine wunderbare Aussicht auf verschiedene Stadtteile von Marseille oder den Ausblick auf das Mittelmeer zu genießen.

Fassadenpaneele aus hochfestem Beton (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Selbst wenn man sich anfangs nicht so recht für die eigentlichen Ausstellungen interessieren sollte, ist der Besuch des Museums für den Bauingenieur eigentlich ein absolutes Muss. Vom erhöhten Panier-Viertel her wurde eine Fußgängerbrücke errichtet, die als Trog aus ultrahochfestem Spannbeton den ehemaligen Kanal überquert. Die Form der Flansche und das Anthrazit der Betonmischung machen aus dem ohnehin schlanken Bauwerk eine sehr elegante Konstruktion. Zufällige Löcher in den Stegen lockern die dunkle Fläche zudem ein wenig auf. Bei typisch provenzalischem Sonnenschein kann die dunkle Färbung vermutlich bei Berührung etwas schmerzhaft werden. Die Konstruktionsweise ist in Frankreich nicht komplett neu. Die erste Brücke dieser Art steht aber in einer eher ländlichen Gegend.

Eine zweite Fußgängerbrücke gleicher Bauart führt über 135 Metern Länge zum Neubau auf der Hafenmole. Am Eröffnungswochenende hat sich gezeigt, dass der Querschnitt leider nicht großzügig genug ist, um mit den größeren Menschenmassen umzugehen: Es passen gerade drei Personen nebeneinander auf den Steg. Bei normalem Publikumsverkehr ist zu vermuten, dass dies allerdings kein Problem sein sollte. Auch bei der massiven Bauweise waren zwischendurch immer wieder Schwingungen zu spüren, was bei der Schlankheit des Trägers jedoch zu erwarten ist.

Auch der Neubau auf der Hafenmole J4 ist größtenteils aus Ultrahochleistungsbeton errichtet worden. Der Grundriss besteht aus zwei in einander liegenden Quadraten. Die äußere Kantenlänge beträgt 72 Meter, die Innere 52 Meter und das Gebäude ragt 18 Meter in die Höhe. Das innere Quadrat ist umgeben von Stützen aus eben diesem Material, die sehr organische Formen haben und an Baumstämme erinnern. Böden aus dunkelgrauem béton ciré und schwarze Wände lassen das Foyer trotz vieler Glaselemente eher dunkel erscheinen. Andere Räume sind jedoch eher hell und luftig. Die Decken bestehen aus 23 Meter langen, hellgrauen Spannbetonfertigteilen, die aus Kostengründen in regulärem B60 gegossen wurden. Die eher konventionell aussehenden I-Querschnitte wirken auf den ersten Blick langweilig und fast unpassend. Auf den zweiten Blick ist deren Einsatz jedoch eigentlich genial, denn jegliche unschöne Deckeneinbauten lassen sich auf dem unteren Steg hervorragend verstecken, während sie trotzdem schnell zugänglich bleiben.

Tolle Aussicht auf den alten Hafen von Marseille (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Über zwei Rampen, die im Erdgeschoss beginnen und jeweils um das innere Quadrat führen gelangt man an den oberen Stockwerken vorbei zur Dachterrasse. Dort wird das Tragsystem der Rampen klar: T-förmige Rahmen, wieder aus ultrahochfestem Beton, sind dort gelenkig auf den Stützen gelagert. Von den nach außen gerichteten Kragarmen sind die Rampen beidseitig des Gehweges abgehängt. Nach innen hin werden die Kragarme nach unten abgespannt. Teilweise sind die Abspannungen auch von Baustammstücken umgeben, die als Sitzgelegenheiten gerne angenommen werden. Die Träger dienen auch gleichzeitig als Stützen für die Überschattung, die einen Ring um die Dachterrasse bildet. Das “Dach” bilden Betonfertigteilgitter mit organischen Formen in Paneelmaßen von 6 x 3 Metern. Auf zwei Seiten des Gebäudes bilden diese ebenfalls die komplette Fassade. Auf den beiden anderen Seiten befinden sich Büros mit konventioneller Glasfassade, die statisch separat abgestützt sind. Deren Stützen sind im Erdgeschoss und durch die Glasfenster gut ersichtlich und bilden zwei Reihen dreiseitiger Stützen, die sich mit abgerundet organischen Formen nach oben hin stark aufweiten und damit den Boden für das erste Stockwerk bilden.

Der Entwurf für den Neubau und die Umbauten am Fort Saint-Jean stammt von Rudy Ricciotti und seinem Architekturbüro. Er gewann 2002 den internationalen Architekturwettbewerb für das Museum mit seinem Projekt, das eindeutig zeitgenössisch ist, aber weder modern noch modisch sein und weder dem Orient noch dem Okzident angehören will. Trotzdem verleiht es eine mediterrane Atmosphäre. Ricciotti setzte auch von Anfang an auf ultrahochfesten Beton, schließlich hatte er 2000 schon an einer 120 Meter spannenden Brücke in Seoul, Südkorea, mitgearbeitet und das Material auch bei anderen Projekten bereits eingesetzt.

Bei solch langwierigen Projekten kommen immer wieder Schwierigkeiten auf. Zum 1. Mai 2011 traten z. B. neue Regelungen in Kraft, die für in Marseille gelegene Bauwerke höhere Anforderungen bei der Erdbebenbemessung vorsahen. Außerdem musste die Feuerfestigkeit der Stützen nachgewiesen werden. Auch beim Bau selbst wurden ungewöhnliche Wege beschritten. Die Deckenfertigteile wurden auf Lehrgerüsten aufgesetzt und dann erst mit den Stützen verbunden. Danach konnten die Gerüste ab- und auf der nächsten Etage wieder aufgebaut werden. Das MuCEM bildet also ein in jeder Hinsicht außer- und ungewöhnliches Bauwerk, bei dem ein innovativer Baustoff zum Einsatz kam, der besonders nachhaltig und umweltfreundlich herstellbar und äußerst langlebig sein soll. Dazu erzeugt es eine neue Verbindung der Stadt mit dem Meer, die in vieler Hinsicht zum verweilen einlädt, und wertet einen Teil der Stadt auf, der durch die Hafenaktivitäten eher wenig anziehend wirkte.

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Datum 9. Juni 2013
Autor Nicolas Janberg
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