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Kolumne Falk Jaeger

Europa, Bologna und die bösen Folgen

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Der Diplom-Ingenieur ist wieder ins Gerede gekommen. Genau genommen hat das Grummeln an den deutschen Baufakultäten seit der Einführung der Bachelor/Master-Studiengänge nie ganz aufgehört. Dass der Bachelor im Bauwesen zu nichts taugt, weil man in sechs Semestern unmöglich die Grundlagenfächer und die Essentials der Bau- und Ingenieurskunst lehren und lernen kann, wussten alle Beteiligten von Anbeginn. Aber auch, dass sich auf dieses gequirlte Halbwissen kein vernünftiges Hauptstudium aufbauen lässt, überraschte niemanden. Nur den Europa- und den Bildungspolitikern blieb das verborgen, denn die interessieren sich nach wie vor nur für Europakonformität und eine weitgehend Wunschdenken gebliebene gesamteuropäische Ausbildungsfluktuation und -freizügigkeit.

Was wir aufgegeben haben wiegt schwer. Fächer wie Freihandzeichnen, Ingenieurgeschichte oder Architekturtheorie werden aus Zeitnot eliminiert, Projektarbeit nurmehr oberflächlich betreut. Das Vorstudium diente nicht nur dem Erwerb von Grundlagen, sondern war Nachweis der Eignung für das Studium bzw. den Beruf. Wer heute am Bachelor scheitert, hat nicht vier, sondern sechs Semester verloren. Die Hochschulen reagieren darauf durch Absenken der Anforderungen und entlassen zu viele ungeeignete Absolventen, die den Bachelor als Notausstieg benutzen.

Noch immer hat der deutsche Diplom-Ingenieur in der Welt ebenso langlebig wie das Label „Made in Germany“ einen guten Ruf. Das Deutsche Ingenieurblatt beklagt indes, dass die deutschen Bachelor und Master nicht mehr wissen, ob sie nun eigentlich Ingenieure sind. Der Vorschlag der Baukammer Berlin, auf die Master-Abschlussurkunde einfach zusätzlich Diplom-Ingenieur zu schreiben, wie das in Österreich gehandhabt wird, ist freilich nur Etikettenschwindel.

Studenten in einer Vorlesung.

Studenten in einer Vorlesung. (Foto: kasto/fotolia)

Besser wäre, das Modell der TU Dresden, die den Diplom-Studiengang trotz Berücksichtigung des Bologna-Prozesses verdienstvollerweise nie aufgegeben hat, weiterzuentwickeln und an allen Ingenieurfakultäten anzubieten. Wer will, kann nach sechs Semestern als Bachelor abgehen oder ein Aufbaustudium mit Diplomarbeit im 11. Semester anschließen. Oder er schließt nach einem Zwischenzeugnis mit der Funktion des früheren Vordiploms ab dem fünften Semester das Hauptstudium an und erwirbt den Diplomabschluss nach dem 10. Semester. Statt der Bachelorprüfungen ist Zeit für ein Praxis- oder Auslandssemester.

Auch der VDI sorgt sich um den für eine Exportnation werbeträchtigen Titel. Master of Engineering- oder gar nur Bachelor-Studiengänge mit ihren auf Regelstudienzeiten verknappten, standardisierten Inhalten und verschulten Abläufen können den Qualitätsansprüchen früherer Diplomstudiengänge nicht genügen. Zumal neue Herausforderungen den Ingenieuren neue Kompetenzen abverlangen. Interdisziplinäre Vernetzung, fließend Fachenglisch, Grundwissen in Betriebswirtschaft und Management sowie weitgehende IT-Kompetenz sind Fertigkeiten, die Ingenieure heute benötigen und deren Erwerb bislang fast ausschließlich in der Praxis nachgeholt werden muss. Insbesondere wenn das Ziel sein soll, die fatale Entwicklung, dass Architekten und Bauingenieure im Planungs- und Bauprozess zunehmend Verantwortung an Projekt-, Termin-, und Kostensteuerer, an Betriebswirte, Juristen u.a. abgeben müssen, gestoppt werden soll.

Es geht also darum, der Banalisierung der Inhalte im Zuge des Bologna-Prozesses soweit möglich entgegenzutreten und die von einem Diplom-Ingenieur zusätzlich zu erwartenden Kompetenzen zu vermitteln – notfalls auch mit Erhöhung der Regelstudienzeit. Ein besonderer Titel, (vorgeschlagen wurde z.B. „German Master of Engineering“) wird dann nicht nötig sein, denn der Diplom-Ingenieur deutscher Provenienz würde dann international seinen Ruf behalten.

Leserkommentare

  1. Dipl.-Ing. (FH) Michael Warncke | 25. Januar 2017

    Endlich mal jemand, der das ausspricht, was viele Andere nur denken. Leider ist das Kind in den Brunnen gefallen und die aktuellen Politiker denken gar nicht daran, ihre Fehler einzugestehen und das Kind aus dem Brunnen zu retten. Danke für diesen Text.

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Datum 6. Januar 2017
Autor Falk Jaeger
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