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Veranstaltungen

Gebäudebegrünung etabliert sich

Der Kongress zur World Green Infrastructure in Berlin war ein Kongress der Superlative

Kongresse und Superlative sind nicht selten Synonyme. Beim dreitägigen Weltkongress Gebäudegrün (WGIC 2017) in Berlin war das auch so, aber wirklich und aus gutem Grund. 825 registrierte Teilnehmer aus 44 Ländern, 104 Referenten aus 21 Ländern und 49 Aussteller sind Kennziffern, die den WGIC 2017 zu dem machten, was er ist – der mit Abstand größte bisher in Europa durchgeführte Kongress zur Gebäudebegrünung mit noch nie dagewesenen Informationsmöglichkeiten zur Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung. Am 20. und 21. Juni fand im Mercure Hotel MOA der eigentliche Kongress statt, am 23. Juni folgten ganztägig verschiedene Exkursionen zu Berliner Praxisbeispielen.

Wie international der Kongress war, belegt die ebenfalls eindrückliche Zahl von runden 30 Prozent Besuchern aus nicht-deutschsprachigen Ländern, die meisten davon aus Europa, doch es waren auch Teilnehmer u. a. aus Australien, China, Neuseeland, Indien, Iran, Japan, Kolumbien, Nepal und den USA dabei.

98 Vorträge in zwei Tagen parallel in fünf Vortragsräumen

Auftakt Weltkongress Gebäudegrün

Volles Haus in der „Hall of Events“ zum Auftakt des Weltkongress Gebäudegrün 2017 in Berlin mit 825 registrierten Teilnehmern (FBB)

In fünf Vortragsräumen wurden verschiedene Themen behandelt. Schwerpunkte waren mit mehreren Themenblöcken städtische Strategien und Förderungen (mit 12 Vorträgen), Nachhaltiges Bauen (mit 9 Vorträgen), Regenwasserbewirtschaftung (mit 9 Vorträgen), Biologische Vielfalt (mit 6 Vorträgen), Architekturbeispiele und Zukunftsstadt (mit 9 Vorträgen). Nach dem großen Auftakt mit allen Teilnehmern in der „Hall of Events“ verteilten sich die Vorträge auf fünf Räume. Dach- und Fassadenbegrünung wurde dabei in vier Räumen und das Thema Innenraumbegrünung, zusammengestellt durch den Fachverband Raumbegrünung und Hydrokultur e. V. (FvRH) mit Stefan Gentzen, in einem Tagungsraum „bespielt“. Interessant zu beobachten war, dass die Teilnehmer aufgrund des gelungenen Zeitmanagements recht problemlos auch innerhalb der Themenblöcke nach jedem Vortrag wechselten und sich so ihr „Wunschprogramm“ zusammenstellten. Jedes Thema hatte sein Publikum und keines Sprachprobleme, gab es doch in jedem Vortragsraum Simultanübersetzungen deutsch/englisch.

Was den Kongress so besonders machte

Es waren große und kleine Dinge, die den Weltkongress Gebäudegrün in diesem Jahr so besonders machten: Da ist an erster Stelle die entspannte, angenehme Atmosphäre zu nennen, die sich auch auf jeden der 105 Vortragenden übertrug. Und mit Patrick Blanc konnte ein weltweit bekannter Fachmann zur Fassadenbegrünung gewonnen werden, der die Teilnehmer mit seiner Art und seinen eindrucksvollen – sicherheitshalber aber nie zu lange projizierten … – Praxisbeispielen begeisterte. Blanc war einen Tag vor dem Kongress bei der FBB-Mitgliederversammlung zum Ehrenmitglied der Fachvereinigung Bauwerksbegrünung e. V. (FBB) gewählt worden und hatte sogar am frühen Morgen vor seinem Vortrag einen Live-Auftritt im ZDF-Morgenmagazin.

Das Konzept ging auf und wurde zum Erfolgsrezept: Beim diesjährigen Weltkongress Gebäudegrün wurden erstmals die drei wesentlichen Bestandteile der Gebäudebegrünung: Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung zusammengeführt. So konnten sich die Teilnehmer in kurzer Zeit eine Vielzahl an Informationen rund um alle Gebäudebegrünungsformen holen.

FBB-Präsident Dr. Gunter Mann (links) mit dem Top-Referenten des WGIC 2017 Patrick Blanc

FBB-Präsident Dr. Gunter Mann (links) mit dem Top-Referenten des WGIC 2017 Patrick Blanc (FBB)

Doch es waren nicht nur die zahlreichen Vorträge, die den Weltkongress so besonders und einmalig machten, sondern auch die bis auf den letzten Ausstellerplatz belegte, thematisch sehr abwechslungsreiche begleitende Fachausstellung. 49 Unternehmen, vorrangig FBB-Mitglieder, Verbände und Organisatoren präsentieren aktuelle Entwicklungen, Produkt- und Systemlösungen zur Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung. Ergänzt wurde die kleine Fachmesse durch 58 Poster-Beiträge und zwei Sonderausstellungen (Wanderausstellung der Berliner Senatsverwaltung und Geschichte der Gebäudebegrünung).

Diese Themenvielfalt führte zu einem noch nie dagewesenen Zuspruch und Interesse am Thema Gebäudebegrünung. Erfreulicherweise war auch der Besucheranteil an Architekten und Städten hoch und viel höher als bei sonst vergleichbaren Veranstaltungen.

Verbandsübergreifende Allianz Bauwerksbegrünung

FBB-Präsident Dr. Gunter Mann hat es in seiner Begrüßung angesprochen: „verbandsübergreifende Allianz Bauwerksbegrünung“ und das Miteinander, um mehr Grün auf, am und im Gebäude durchzusetzen. Der Weltkongress war eine wichtige Etappe der „Bundesweiten Strategie Gebäudegrün“, die die FBB vor zwei Jahren ins Leben gerufen hat, um sich in einer großen Gemeinschaft für Gebäudebegrünung stark zu machen.

Die Strategie trug nun Früchte – noch nie zuvor wurde eine Veranstaltung zur Gebäudebegrünung auf so breiter Basis unterstützt: die Schirmherrschaft hatten die Bau- und Umweltministerin Dr. Barbara Hendricks und der Regierende Bürgermeister von Berlin Michael Müller übernommen. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen unterstützte insbesondere durch Brigitte Reichmann bei der fachlichen und organisatorischen Vorbereitung. Die Liste der 23 Kooperationspartner war lang und ist unter www.gebaeudegruen.info einsehbar.

Ergebnisse des Kongresses und Ausblicke

Der Weltkongress Gebäudegrün hat eindrucksvoll gezeigt, dass das Thema Gebäudebegrünung mit seinen Segmenten Dach-, Fassaden- und Innenraumbegrünung ein hochaktuelles Thema ist und viele Menschen aus den verschiedensten Richtungen mobilisiert. „Grün“ in der Stadt ist das Thema schlechthin und Gebäudebegrünung scheint sich so langsam zu etablieren. Auch Conference Dinner am ersten Kongressabend und Exkursionen waren komplett ausgebucht. Das Interesse am Netzwerken war also groß und die angebotenen Möglichkeiten wurden gut angenommen.

Zum Abschluss des Kongresses führte WGIN-Präsident Prof. Manfred Köhler das 12-Thesen-Fazit der veranstaltenden Verbände WGIN, EFB und FBB aus, bei dem auf die vielfältigen Wirkungen und Möglichkeiten von Gebäudebegrünung eingegangen wurde. Dieses Papier auf Deutsch und Englisch ist auf der Internetseite der FBB verfügbar.

Fast eine kleine Messe – Überblick über die begleitende Fachausstellung mit 49 Ausstellern

Fast eine kleine Messe – Überblick über die begleitende Fachausstellung mit 49 Ausstellern (FBB)

Die FBB wird ihre „Bundesweite Strategie Gebäudegrün“ fortführen und die Erfahrungen aus dem Weltkongress in das für Ende des Jahres erwartete Diskussionspapier 2.0 einfließen lassen. Zentraler Punkt der Strategie wird die Fortsetzung der verbandsübergreifenden Allianz Bauwerksbegrünung und des Dialogs mit den beteiligten Verbänden und Organisationen sein und dabei auch neue Zielgruppen anzusprechen.

Der Tagungsband, der gleichzeitig das Jahrbuch Bauwerksbegrünung 2017 darstellt, kann bei der FBB für 10 Euro plus Versandkosten angefordert werden. Er beinhaltet die Kurzfassungen der meisten Vorträge, je nach Referent in deutsch bzw. englisch, die Übersichten der Fach- und Posterausstellungen und die Kontaktdaten aller Referenten.

Auf der FBB-Internetseite werden die meisten Vorträge und viele Fotos des Weltkongresses 2017 zum Anschauen und Downloaden zur Verfügung gestellt. – Der WGIC findet jedes Jahr statt und 2018 (26. – 28.2.) zieht die Gebäudebegrüner-Karawane nach Bengaluru, Indien weiter.

 

Die 12 Thesen aus dem Weltkongress Gebäudegrün 2017

  1. Durch Gebäudebegrünung können vielfältige positive Effekte für die dezentrale Regenwasserbewirtschaftung, den Gewässerschutz, die Erhöhung der biologischen Vielfalt und die Verbesserung des Stadtklimas sowie der Lebensqualität in den Quartieren erreicht werden.
  1. Gebäudebegrünung bietet Möglichkeiten durch die zusätzliche Dämmungen, den winterlichen Wärmebedarf zum Heizen, als auch den sommerlichen Energiebedarf zum Kühlen zu senken. Die Funktion der Verdunstungskälte bietet Kühlfunktion ohne schädliche Nebenwirkungen.
  1. Mit der Gebäudebegrünung wird ein Beitrag zur Nachhaltigkeitsstrategie in Städten geleistet.
  1. Aufgrund der Vielzahl an Forschungsergebnissen ist es möglich, generelle Aussagen zur Gebäudebegrünung zu treffen. In Detailpunkten sind noch weitere Forschungen, insbesondere zur Quantifizierung einiger Effekte, hilfreich. Die aktuelle Forschungsförderung hat hier eine zukunftsträchtige Richtung eingeschlagen.
  1. Gebäudebegrünungen bieten in jeder klimatischen Region und für nahezu alle Bauaufgaben passgenaue Lösungen.
  1. Für relativ kleine Investitionssummen ermöglichen Gebäudebegrünungen ein Bündel aus ökologischen, sozialen und ökonomischen Vorteilen.
  1. Die Gebäudebegrünung ist sowohl bei Neubauten als auch bei Sanierungen als ein Element der energetischen Bewertung zu berücksichtigen.
  1. Gebäudebegrünung ist überwiegend dort angesiedelt, wo sich die meisten Menschen lange Zeit aufhalten – im eigenen Wohnumfeld oder am Arbeitsplatz. Bisher unbegrünte Dachflächen bieten Platz für neue Grünflächen mit zahlreichen ökologischen Funktionen.
  1. Gebäudebegrünungen sind eine Strategie gegen die Auswirkung des Klimawandels einschließlich einer Strategie zur Bindung von Feinstäuben.
  1. Die Vernetzung von Forschung und Praxis ist bei Modellvorhaben besonders sichtbar. Schulen und andere öffentlichen Bauten haben als „ökologische Lernorte“ eine besondere Bedeutung mit Multiplikationscharakter.
  1. Planung, Bau, Betrieb und Wartung der Systeme sind über qualifizierte Fachfirmen zu sichern. Es gilt Strategien insbesondere für den Betrieb und die Pflege der Gebäudebegrünung zu erarbeiten.
  1. Die Fachverbände werden insbesondere durch Öffentlichkeitsarbeit und Bereitstellung von Informationsmaterialen zur Qualifizierung und zum Fachaustausch weiter beitragen.

Fazit

Gebäudebegrünung ist so genial wie funktional. Der begonnene Wissensaustausch wird fortgesetzt. Die Gebäudebegrünung sollte als „Regelbauweise“ für alle zukünftigen Bauvorhaben Standard werden. Bisherige Begrünungswerte sind in einigen Städten mit etwa 1 m² Dachbegrünung pro Einwohner gut, jedoch noch deutlich steigerungsfähig.

Leserkommentare

  1. Dietfried Gruber | 11. Juli 2017

    Sehr geehrter Herr Mann,
    mit Interesse verfolge ich alle Artikel zur Gebäudebegrünung, sei es für Dach oder für Fassade. Seit der verheerenden Brandkatastrophe in London frage ich mich aber, wann kommen die Brandschützer auf das Thema Fassadenbegrünung? So angenehem die bisher bekannten Beispiele auch bei Hochhäusern auch anzusehen sind, was passiert, wenn ein vertikaler “Buschbrand” ausbricht? Sind dagegen Maßnahmen denkbar?

    Mit freundlichen Grüßen

  2. C.Bramer | 11. Juli 2017

    Sehr geehrter Herr Gruber,

    das Thema ist längst auch im Blickfeld des Brandschutzes. Dabei werden u.a. Faktoren wie die Menge an “Altholz” vs. “Immergrün” als auch Unterschiede zw. Sommer und Winter bewertet; sprich das Risiko eines Brandes und die Brandlast sekbst reduziert bevor Brandbekämpfungsmassnahmen nötig werden. Mit Brandbeschleunigern, die in Form von EPS auf Aussenwände geklebt werden nicht zu vergleichen!

    In diesem Sinne: auf grüne Städte!

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Datum 10. Juli 2017
Autor FBB / (Burkhard Talebitari)
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