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Kolumne Reinhard Hübsch

gentrifizierung durch ingenieurkunst? – neue wege in new york

Die zur Parkanlage umgestaltete High Line an der West 20th Street

Die zur Parkanlage umgestaltete High Line an der West 20th Street (Foto: Beyond My Ken (CC-BY-SA-3.0))

man stelle sich einen moment vor, die hamburger hochbahn zwischen landungsbrücken und rödingsmarkt erweist sich als unrentabel und wird eingestellt – wird das bauwerk dann demontiert? oder die berliner bvg käme auf die idee, das rund zwei kilometer lange und kürzlich aufwendig renovierte teilstück der u-bahn zwischen oderberger straße und esplanade soll nicht mehr oberhalb der schönhauser allee verlaufen, sondern in die erde verlegt werden – muss das viadukt dann jahrelang ungenutzt vor sich in rotten? diese fragen stellten sich auch in new york, als im südwesten von manhattan 1980 die highline eingestellt wurde. fast ein halbes jahrhundert lang waren mit der hochbahn schweineschnitzel, rinderhälften und andere nahrungsmittel transportiert worden; doch nachdem der güterverkehr zunehmend auf die straße verlagert worden war, wurde der streckenabschnitt stillgelegt.

jahrelang geschah nichts, den aufgeständerten baukörper nahmen fauna und flora in beschlag, bis anfang der 90er jahre ein teil abgerissen wurde – zurück blieb ein rumpf, der weiter vor sich hinrostete. kapitalkräftige investoren sahen in dem straßenareal darunter attraktives bauland, und nachdem sie von der stadtverwaltung eine abrissgenehmigung für die letzten stahlkonstruktionen erhalten hatten, meldeten sich anwohner zu wort – im verein friends of the high line organisierten sie den widerstand gegen die demontage. als alternative nutzung schlugen sie einen hochpark vor, ganz so, wie die promenade plantée in paris, wo im 12. arrondissement, ausgehend vom place de la bastille, ein aufgeständerter grüngürtel geschaffen worden war.

The High Line

Zwei Millionen Besucher flanieren jährlich durch den Park auf Stelzen (_)

new yorks bürgermeister bloomberg ließ sich überzeugen: 2006 setzte er den symbolischen ersten spatenstich, nachdem architekten wie Diller and Scofidio zusammen mit den landschaftsgestaltern von James Corner Field Operations überzeugende entwürfe vorgelegt hatten. ganz billig waren die arbeiten in den drei bauabschnitten (der jüngste wird eben fertiggestellt) nicht: geschätzte 250 millionen dollar wurden investiert, gleichwohl: die rendite kann sich sehen lassen. denn rund zwei millionen new-york-besucher flanieren jährlich durch den park auf stelzen, preise und auszeichnungen wie der „Life Enhancer of the Year“ regneten nur so auf die grünfläche, für filmemacher und fotografen wurde der lauf-steg alsbald zur begehrten location.

Das "grüne Band" - abends und nachts durch Lichtinstallationen raffiniert inszeniert

Das "grüne Band" - abends und nachts durch Lichtinstallationen raffiniert inszeniert

und nicht nur für die künstler: ähnlich wie der prenzlauer berg, der vom abgenagten elendsquartier ostberlins zum eldorado der hauptstadt-jungakademiker avancierte, ähnlich wie hamburg-altona, wo rußgeschwärzte fabrikhallen zu luxuslofts der hanseaten-schickeria konvertierten, so mutierte der meatpacker district unversehens zum hot spot der us-metropole. einst gingen hier 350 fleischverarbeitende betriebe ihrem blutigen geschäft nach, bis 1980 das metzger-proletariat die letzten waggons mit tiefkühlputen über die highline in den ewig hungrigen magen der stadt ziehen ließ, nun entdeckten die kreativen den reiz des grünen bandes, das abends und nachts durch lichtinstallationen raffiniert inszeniert wird.

IAC-building

IAC-building (Foto: Reinhard Hübsch)

wer jetzt durch den grüngürtel flaniert, sieht links und rechts die wohnhäuser und ateliers der upper class. die hochstraße wurde zur allee der globalen architektur-stars: frank gehry schuf einen gläsernen kristallpalast namens IAC-building, dessen milchglas-zonen den inhalt hinter geheimnisvolles raunen verbergen; in direkter nachbarschaft zu diesem eisberg lässt jean nouvel die fassade eines wohn- und geschäftshauses blinken und blitzen, weil die fenster allesamt leicht gegeneinander geneigt sind. direkt an der highline, auf einem gerade einmal 353 quadratmeter großen grundstück, ließen Neil M. Denari Architects ein sich von unten nach oben immer mehr ausweitenden zehngeschosser namens HL23 bauen, dessen appartments mehr als 3.600 qm fläche bieten.

Wohn- und Geschäftshaus von Jean Nouvel

Wohn- und Geschäftshaus von Jean Nouvel (Foto: Reinhard Hübsch)

direkt daneben siedelte sich in einer aufgelassenen fabrikhalle der chelsea market an, ein überdachter marktplatz für feinschmecker, den jährlich sechs millionen besucher frequentieren, darüber erstreckt sich ein hotel, und an der westkante des destricts reiht sich galerie an galerie – der vermutlich dichteste kunsthaus-bezirk der welt, wie szenekenner mutmaßen. kein wunder, dass das whitney museum seine dependance hier bauen lässt, übrigens von frankreichs architektur-couturier renzo piano.

die high line biete einen „walk on the wild side“, so kalauerte unlängst die „new york times“ in anspielung auf den pop-klassiker von lou reed & the velvet underground; doch die highline zwang viele aus dem meatpacker destrict auch zum walk out of the wild side – die immobilienpreise explodierten, zeitweilig zahlte investoren knapp 2.000 $ pro quadratmeter wohnfläche, parallel schossen die mieten wie die skyscraper in den finanzhimmel.

HL23 von Neil M. Denari Architects

HL23 von Neil M. Denari Architects (Foto: Reinhard Hübsch)

die nachfahren der hafenarbeiter und metzgergesellen, die einst hier ihre dimes, cents und greenbacks erarbeiteten, haben mittlerweile das quartier verlassen, unter lautstarkem protest. noch im vergangenen jahr demonstrierten einwohner und beschäftigte gegen die fatale entwicklung. wo für ein kleines one-bedroom-apartment 4.250 $ miete berappt werden müssen, verdient man als arbeiter gerade knapp 11 $ in der stunde, rechneten sie auf. hier, wo rockstars wie david byrne mittlerweile ihre new yorker dependancen aufschlagen, würden immobilien für 1,6 millionen dollar den besitzer wechseln, in der nachbarschaft von mick jagger und nicole kidman – die ebenfalls den charme der nahen bourgeoisie für sich entdeckt haben – sind knapp sieben millionen zu zahlen – der durchschnittliche stundenlohn beträgt hier 12,10 $.

bleibt zu hoffen, dass zwischen landungsbrücken und rödingsmarkt wie auch oberhalb der schönhauser allee niemand auf die idee kommt, die hamburger respektive berliner highlines stillzulegen. denn neu bepflanzt könnten die ingenieurbauwerke für die bürgerinnen und bürger weit teurer kommen als ein ticket.

 

Leserkommentare

  1. Dirk Jesse | 11. Juni 2014

    Interessante Einsichten und Vergleiche der Stadtentwicklung. Danke dafür. Warum ich mich jedoch in dieser Kolumne ein ums andere Mal aus Mangel an Großbuchstaben mühsam durch einen im Grund flüssig geschriebenen Text quälen muss, bleibt mir ein Rätsel.

  2. Markus Decker (mit 2 Großbuchstaben) | 11. Juni 2014

    Schließe mich dem Vorredner an … ein eigentlich interessantes Thema wird durch das vermeintlich coole Weglassen von Großbuchstaben echt unlesbar … auf dem kleinen Bildschirm wie auch im Ausdruck. Also kommt, liebes momentum magazin, die 80’er haben angerufen, Dauer-Kleinschreibung ist schon lange nicht mehr cool.
    :-)

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Datum 28. Mai 2014
Autor Reinhard Hübsch
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