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Kolumne Falk Jaeger

Hochsicherheitsgedenken

Entwurf von Entwurf Johannes Milla und Sascha Waltz.

Entwurf von Entwurf Johannes Milla und Sascha Waltz. (Grafik: Johannes Milla / Sascha Waltz )

Zu früh gefreut. Wir hatten schon gedacht, dieser Kelch, nein, dieses überdimensionale Olivenschiffchen würde an uns vorübergehen. Denn der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestags hatte im April 2016 beschlossen, das Projekt Freiheits- und Einheitsdenkmal von Milla und Partner und Sasha Waltz zu stornieren.
Das Denkmal vor dem wiederaufgebauten Berliner Schloss in der Form einer riesigen Gondel auf dem Trockenen, das beim kollektiven Hin- und Hergehen von genügend sich zu koordinierter Aktion verständigenden Gedenkbürgern mal gen Süden, mal gen Norden kippen sollte. Damals hatte man den Eindruck, dass die Öffentliche Hand als Bauherr doch noch lernfähig sei: Ein Projekt wird abgeblasen, weil es sich als zu kostspielig erwiesen hat. Mit 10 Millionen Euro schon recht hoch angesetzt, lagen die letzten Kalkulationen bei knapp 15 Millionen. Und dabei hatte man noch nicht einmal angefangen zu bauen! In Berlin, wo das Baukostenthermometer nach dem ersten Spatenstich erst so richtig ins Steigen kommt! Schenkelklopfen auch über die prognostizierten Betriebskosten von 190.000 Euro pro anno; daran glauben nicht mal budgetblinde Aufsichtsräte des Flughafens BER.

Aufatmen also bei allen, die die Schaukel ohnehin für eine ausgemachte Albernheit hielten. Aber auch bei jenen, die einen fröhlichen 24-Stunden-Partybetrieb mit entsprechendem Aufkommen an Partyutensilienmüll befürchteten. Und bei jenen, die lieber das alte Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmal wiederhamm woll’n, das Willem Zwo just an dieser Stelle für seinen Opa hatte errichten lassen und dessen noch vorhandener Sockel denkmalgerecht erhalten werden muss – was die Sache nicht billiger macht. Zuletzt hat man die Fledermäuse, die im Gewölbe unter dem Sockel Quartier genommen hatten, hinauskomplimentiert und gebeten, doch bitte spreeaufwärts im Plänterwald weiterzufledern. Auch diese Vertreibung war nicht billig und wird wohl irgendwann mit einer Gedenktafel bemahnt.

Entwurf von Andreas Meck.

Entwurf von Andreas Meck. (Grafik: Andreas Meck)

Zwischenzeitlich hatten die Kaiserlichen Grund zum Jubel: Der Finanzausschuss des Bundestags genehmigte in einer Gießkannensitzung 18,5 Millionen zum Wiederaufbau des Nationaldenkmals. Jedenfalls erstmal der Säulengalerie, ohne die 157 verschiedenen Tierskulpturen (der „Zoo von Willem Zwo“), für deren Finanzierung man wohl auf Potsdamer Rekonstruktionsfreunde Günther Jauch und Hasso Plattner hoffte. Geld ist also da, doch auch die Kaiserlichen hatten sich zu früh gefreut, denn die Empörung im Kulturausschuss darüber, dass sich die Staatskämmerer Gedenk- und Stadtplanungskompetenzen anmaßen, war groß. Flugs kam der Wilhelm auf die Kippe zugunsten von Milla und seiner Wippe.

Nun beginnt also die Realisierungsphase. Erstmal werden sich die Genehmigungsbehörden die auf den Wettbewerbsbildern so elegante Schaukel vorknöpfen. Was das bedeutet, kann sich jeder Bauschaffende lebhaft ausmalen. Der Entwurf wird nicht wiederzuerkennen sein. Statt der streichholzdünn gezeichneten Relings wird entlang der zahlreichen Treppen und Treppchen, Mauern und Rampen eine vorschriftsmäßig dimensionierte Geländerorgie aus soliden, armdicken Profilen wuchern. Schutzbleche werden Kinder und Angeheiterte vom gefährlichen Spalt unter der Wippe abweisen. Designerpfosten mit signalroten Nothaltschaltern sowie Verbots- und Warnschilder werden überall bei Fuß stehen, aber auch die Masten mit den Überwachungskameras sollte der Architekt gleich mit in eine aparte Form bringen. Das Besucher-WC wird man wohl kostensparend beim Klohäuschenbetreiber Wall AG ordern. Der kann vielleicht auch eine kleine Stube für den notwendigen Wachschutz integrieren. Denn um die Mechanik außer Funktion zu setzen, wird es nicht einmal militanter Gedenkgegner, sondern weniger nächtlicher Vandalen vom benachbarten Alexanderplatz brauchen.

Ein würdevoller Ort also, an dem ein funktionales und unfallfreies Hochsicherheitsgedenken von Amts wegen gewährleistet sein wird. Oder gibt es noch eine Ausflucht? Andreas Kilb machte in der FAZ der Kulturstaatsministerin Mut, vielleicht doch einen der beiden anderen ersten Preisträger zu beauftragen. Er warb für den Entwurf von Andreas Meck und wusste gute Gründe für dessen Pavillon aus metallenen Worten anzuführen, der „mühelos die Balance zwischen Architektur und Skulptur, zwischen Denkmal und Kunstobjekt“ halte. Sein Wort in Grütters´ Ohr.

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Datum 6. März 2017
Autor Falk Jaeger
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