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Gespräch

„Jede Hochkultur hat sich immer auch über eine tolle Architektur definiert“

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH (Foto: Petra Franke)

momentum sprach mit Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH über den Zusammenhang aus Qualität und Wirtschaftlichkeit, über Schalung und Gerüst aus einer Hand, Sicherheitsstandards im internationalen Vergleich, Forschung, Entwicklung und Produktpiraterie sowie Großprojekte …

momentum: Wenn man sich so die Landkarte betrachtet, dann sind die großen Schalungsunternehmen mehr oder weniger im Umfeld des Schwarzwaldes. Dieser Holzhintergrund spielt also schon eine Rolle, vielleicht mit Ausnahme von Hünnebeck, der vom Stahl her kam.

Imbacher: Genauer aus Süddeutschland. In der Tat kommt der Schalungsbau natürlich ursprünglich aus dem Werkstoff Holz. Vor diesem Hintergrund hat PERI in den 60er Jahren in Weißenhorn, südlich von Ulm begonnen. Das Unternehmen PERI wurde von Artur Schwörer gegründet. Mit dem Ziel, wirtschaftliche Produkte für die Herstellung von Ortbeton zu entwickeln. So wurde 1969 auf der grünen Wiese mit der Herstellung von Holzgitterträgern mit 36 cm Bauhöhe begonnen. Heute beschäftigt PERI über 7.000 Mitarbeiter und erwirtschaftete 2014 einen Umsatz von über 1.1 Mrd. € in 58 Tochtergesellschaften.

Eine solch dynamische Unternehmensentwicklung gelingt nur, wenn der Nutzen für den Kunden bei jedem Produkt und jedem Projekt im Vordergrund steht. Schalungs- und Gerüstsysteme müssen auf der Baustelle flexibel und unkompliziert funktionieren. Die Wirtschaftlichkeit und Leistungsfähigkeit steht im Vordergrund. Ein PERI Slogan aus den Anfangsjahren hieß „Ein Hammer genügt“. Das bringt es sehr gut auf den Punkt.

Da sind wir ja schon beim Thema Wirtschaftlichkeit …

Gutes Stichwort. Vor einiger Zeit haben wir ein intensives Entwicklungsprojekt im Bereich Wandschalungen durchgeführt. Der Entwicklungsauftrag hieß, eine Rahmenschalung hinsichtlich Schalzeiten und Betonergebnissen zu verbessern. Dazu haben wir jeden einzelnen Arbeitsgang beim Schalen von Wänden auf der Baustelle angesehen und analysiert.

Schnell wurde klar, dass in der Wandschalung riesige Verbesserungspotenziale schlummern. Und zwar in vielen Bereichen: Der Arbeitsgang des Ankerns ist aufwändig. Das Zuschneiden und Aufstecken von Hüllrohren auf den Anker ist umständlich und das Material teuer. Das Verschließen von unbenutzten Ankerstellen in den Elementen mit Verschlussstopfen wird zudem oft vergessen. Wenn das der Fall ist, sind hässliche Abdrücke im Beton und zubetonierte Schalungselemente die Folge. Dann wird es teuer. Außerdem waren wir mit der Betonoptik unzufrieden. Das neue Produkt musste ein wesentlich schöneres Betonbild ermöglichen, denn die Nachfrage nach sichtbar bleibenden Betonflächen nimmt schließlich ständig zu.

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH (Foto: Petra Franke)

Und am Schluss der verschiedenen Entwicklungsschritte …

… kam die Rahmenschalung PERI MAXIMO dabei heraus. Dieses System erfüllt alle Anforderungen und ist ein riesiger Fortschritt. Der einseitig bedienbare MX Anker macht Hüllrohre überflüssig und reduziert die Schalkolonne um eine Person. Dadurch spart der Anwender Lohn- und Materialkosten. Alle Spannstellen sind in der Regel belegt und es braucht keine Verschlussstopfen.

Zusätzlich konnten wir die Ankerstellen in die Mitte der Elemente integrieren. Damit erzeugt die MAXIMO ein regelmäßiges und symmetrisches Betonbild. Wenn man dieses Betonbild mit demjenigen der früheren Systeme vergleicht, ist der Unterschied gewaltig. Schauen Sie sich die Ergebnisse selbst an und Sie werden mir Recht geben, dass man das MAXIMO-Raster als …

… Sichtbeton bezeichnen kann.

Absolut richtig. Die Vorteile erkennt man auf der Baustelle sofort und wir gewinnen damit täglich neue Kunden. Mittlerweile werden unsere Ideen ja schon fleißig kopiert.

Leider ist es trotz klarer Vorteile nicht der Fall, dass ein fortschrittliches Produkt seine Kunden von selbst findet. In der Baubranche dauern Technologiesprünge oftmals lange und erfordern viel Geduld. Bis das Festhalten an Traditionen überwunden ist, braucht es viel Überzeugungsarbeit und Beharrlichkeit.

Speziell in der Miete. Der allseits beliebte Excel-Preisspiegel zeigt nur den Materialpreis. Welche Technik dahintersteckt und wie sich diese auf das Baustellenergebnis auswirkt steht dort meist nicht. Das zu Beurteilen erfordert viel detaillierten Sachverstand.

Daraus ließe sich schließen, dass die hiesige Bauindustrie ein Problem mit der Wirtschaftlichkeit hat …

Der deutsche Baumarkt ist einer der anspruchsvollsten der Welt und unterliegt einem enormen Preis- und Wettbewerbsdruck. Um hier bestehen zu können ist es nötig, alle vorhandenen Potentiale zu heben und sich ständig weiterzuentwickeln.

Beim Einsatz von Schalungen und Gerüsten entscheiden die Lohnkosten über die Wirtschaftlichkeit. Der Materialpreis selbst hat den viel kleineren Einfluss, er ist nur leichter zu vergleichen. Leider wird das oft verkannt und es herrscht der Glaube mit günstigen Nachunternehmern und billigem Material wäre das „Projekt Wirtschaftlichkeit“ erledigt. Das stimmt aber nicht. Es gibt tolle Beispiele von Firmen, die gemeinsam mit ihren Nachunternehmern an Rationalisierungsmaßnahmen arbeiten und damit hervorragende Ergebnisse erzielen.

Ich kann jedem Anwender nur empfehlen, eigene Zeitaufnahmen zu machen und die Ergebnisse in einem Leistungspreis (Lohn- plus Materialkosten) darzustellen. Oder man verwendet die Richtwerte unabhängiger Institute wie zum Beispiel die ARH-Tabellen vom ZTV.

Nach diesem tiefen Exkurs durch die Schalung, stellt sich mir die Frage warum auch Gerüste?

Der Impuls für die Entwicklung des PERI UP Gerüstes kam zunächst aus den Anforderungen der Baustellen. Das PERI UP Rosett ist gezielt auf die Anwendungsbereiche Traggerüste, Arbeitsgerüste und Zugangstechnik ausgerichtetes Gerüstsystem.

Außerdem hatte PERI auch das Problem der fehlenden Absturzsicherung beim Auf- und Abbau von Fassadengerüsten erkannt. Dazu wurde das PERI UP T72/T100 entwickelt – ein Fassadengerüstsystem mit vorlaufendem Geländer und damit mit einem wesentlich höheren Sicherheitsstandard als traditionelle Systeme. In Anbetracht der vielen schweren bis tödlichen Unfälle im Gerüstbau ist das ein Thema von höchster Brisanz.

Glauben Sie, dass die deutschen Sicherheitsstandards auf der Baustelle im internationalen Vergleich überschätzt werden? Gibt es nicht mittlerweile – auch außereuropäische – Länder, die diesbezüglich weiter sind und denen die Sicherheitsaspekte ihrer Gerüsttechnik einleuchtender sind?

Ja. Das sehen Sie in vielen Ländern, auf der ganzen Welt. USA, England, Frankreich, Skandinavien, um nur einige Beispiele zu nennen. Die Mehrzahl der Industrienationen setzt höhere Sicherheitsstandards um.

Wichtig ist es auch, die Zusammenhänge von Sicherheit und Wirtschaftlichkeit herauszuarbeiten. Oftmals wird Sicherheit mit Mehrkosten verbunden, was völlig falsch ist. Hierzu gibt es beispielsweise von der Porr AG sehr gute Analysen. Letztlich arbeitet jeder Mensch besser und effizienter, wenn der Arbeitsplatz auch arbeitssicher ist. Stellen Sie sich mal auf ein Gerüst in 6 m Höhe ohne Geländer.

Der Gerüstmarkt ist natürlich mit vielen Systemen, die schon ewig auf dem Markt sind, besetzt. Wir haben aber auch die Erfahrung gemacht, dass ein modernes und vielseitiges Produkt immer seine Kunden findet. Das PERI UP System hat sich in relativ kurzer Zeit bereits sehr gut bei den Gerüstbau-Unternehmen etablieren können und verzeichnet ein sehr gutes Wachstum.

Die Mittelstandsdevise eines nicht mehr ganz mittelständischen Unternehmens?

Wir fühlen uns im Mittelstand sehr wohl, weil wir selbst ein Familienunternehmen sind. Trotz der Größe hat PERI keine Konzernstrukturen. Durch flache Hierarchien und kurze Entscheidungswege können wir viele Dinge beherzt und schnell in Angriff nehmen. Deutlich unkomplizierter als in vielen Konzernen, wo gute neue Ideen die Hürde der Wirtschaftlichkeitsberechnung häufiger nicht schaffen. Und Innovationen entstehen eben oftmals zunächst durch einen Glauben an eine gute Idee.

momentum im Gespräch mit Thomas Imbacher

Burkhard Talebitari im Gespräch mit Thomas Imbacher (Foto: Petra Franke )

Herr Imbacher, wenn Sie sich heute Großbaustellen anschauen …

… hier zählt das beste Gesamtpaket aus Material, Engineering, Logistik, Verfügbarkeit, Qualität, Termintreue und einiges mehr. Die Abwicklung und Steuerung übernehmen heute oft PERI-Projektleiter, die das Projekt gemeinsam mit der Baustelle managen. Das betrifft die Schalungseinsatzplanung, die Anwendungen der Systeme auf der Baustelle bis hin zur Steuerung der Mengen für die An- und Rücklieferung. Zur Unterstützung stellen wir Online basierte Informationsportale zur Verfügung.

Dieses Onlineportal nennt sich myPERI. Wir waren die ersten damit im Markt und haben mittlerweile viel Erfahrung. Alle relevanten Daten lassen sich 365 Tage im Jahr, 24 Stunden am Tag abrufen. Weil wir die Anforderungen an das Portal komplett mit unseren Kunden gemeinsam entwickelt haben, funktioniert die Anwendung perfekt. Fast alle unsere größeren Kunden nutzen mittlerweile myPERI und steuern damit das Material auf Ihren Baustellen.

Ist die Steuerung der Mengen nicht nach wie vor ein ziemlich komplexes Thema? Und – eine naheliegende Frage – Hilft hier RFID-Technik weiter?

RFID ist ein spannendes Thema. Jedoch für den langfristig zuverlässigen Einsatz bei Schalungen und Gerüsten auf der Baustelle ist die Technik noch in den Kinderschuhen.

Aber schon an der Erfassung auf dem LKW scheitert es bislang?

Unter anderem. Die Reichweiten müssen noch viel größer werden. Aber auch darüber hinaus sind noch viele Aufgaben im harten Baustellenalltag ungelöst.

Themenwechsel: Wie stellt sich Ihnen das Thema Forschung und Innovation in der gesamten Branche dar?

Ein großes Problem in der Branche ist der Ruf nach „Billig, billig!“. Das verleitet einen dazu, das vorhandene, oft überalterte, Material so lange wie möglich einzusetzen. Ein modernes, lohnkostensparendes Produkt bedeutet eine Investition. Die sich aber im Lohn wieder rechnet. Bei Maschinen ist das allen klar, bei Schalungen und Gerüsten oft nicht. Hier besteht ein Dilemma.

Als Industrieunternehmen produziert PERI seit 1969 ununterbrochen hauptsächlich aus Qualitätsgründen am Standort Deutschland für die ganze Welt. Das funktioniert sehr gut, bedingt aber ständiges modernisieren und optimieren. Wenn eine bessere Technik verfügbar ist, wird investiert.

In unseren Mietparks verfahren wir übrigens genauso. Wenn ein moderneres System verfügbar ist, ersetzt dieses auch im Mietpark das ältere System. Wir sind sehr froh, dass dies von unseren Kunden honoriert wird.

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH

Thomas Imbacher, Geschäftsleitung Vertrieb Zentral Europa der PERI GmbH (Foto: Petra Franke)

Sorgen dann etwa die technikbewussten, mittelständischen Bauunternehmen, die noch kaufen und nicht nur mieten, eher für Innovationsschübe, weil sie an der Optimierung von Produkten auch mehr Interesse haben?

Viele dieser Unternehmen sind tatsächlich sehr innovativ und stark aufgestellt. Man sieht bei diesen Betrieben die modernsten Baumaschinen, die modernsten Krane und auch die modernsten Schalungen und Gerüste. Eigenes Gerät zu haben, ist meist Teil der Unternehmensphilosophie und –Strategie. Verbunden mit dem Vorteil, dadurch auch das jeweilige Produkt- und Anwendungswissen im Haus zu haben. Sie produzieren damit eine hohe Qualität und arbeiten ständig an ihrer Wirtschaftlichkeit. Wir pflegen hier einen ständigen Austausch. Sowohl bei Produkten als auch bei Dienstleistungen.

Wie sieht es beim Thema Baumaterialien aus: Betonzuschlagsstoffe, ultrahochfester Beton. Was kommt da auf die Schalung zu? Betoniergeschwindigkeit. Frischbetondruck, all diese Dinge …

Die Betone werden leistungsfähiger und damit auch die Drücke höher. Mittlerweile entstehen die meisten herausragenden Bauwerke zu einem sehr hohen Anteil aus Beton. Ich finde das sehr wichtig, eine tolle Architektur ist ein Stück Lebensqualität. Die Nachfrage nach Sichtbeton nimmt ständig zu.

Da die Betonrezepturen immer komplexer werden und die Zahl der Inhaltsstoffe zunimmt, gibt es großen Forschungsbedarf. Viele Wechselwirkungen der chemischen Zuschlagstoffe führen zu Überraschungen. Ein komplexes und spannendes Thema.

Vom Thema Innovationen ist es nicht weit zu dem der Produktpiraterie …

Grundsätzlich könnte PERI natürlich stolz sein (lacht), dass wir so viel kopiert werden. Die Kopierer überlegen sich ja, wen sie kopieren. Auf der anderen Seite muss man ganz klar sagen, dass wir nur kopiert werden können, wenn keine Patente mehr da sind. Dann muss von PERI die nächste Innovation kommen.

Dann sind im Grunde die Kopierer schon auch ein wenig die Innovationstreiber?

Das Gegenteil ist der Fall, es sind doch Innovationsbremser. Kopiert wird immer die Technik von gestern. Viele haben dazu noch Qualitätsmängel. Wir sehen das mit großer Sorge, da sich billige Kopien optisch oft kaum vom Original unterscheiden lassen. Wehe wenn so ein Teil versagt. Billig muss man sich leisten können.

Aber steckt in solchen Qualitätskriterien nicht auch die Frage nach dem Niveau des jeweiligen Marktes?

Da haben Sie absolut Recht. In Deutschland und auch anderen Ländern Zentraleuropas haben wir sehr hohe Qualitätsanforderungen. Wir befinden uns in sehr anspruchsvollen Märkten.

Da sind wir wieder beim Thema Qualität und Wirtschaftlichkeit…

Genau. Nehmen Sie die ganzen Diskussionen rund um aktuelle Großprojekte: Stuttgart 21, Flughafen Berlin-Brandenburg, Elbphilharmonie usw. Ich finde die negative Art und Weise, wie wir über solche tolle Bauwerke diskutieren, höchst bedauerlich. Jede Hochkultur hat sich immer auch über eine tolle Architektur und spektakuläre Bauten ausgedrückt. Speziell in Deutschland hat der Bau heute leider ein viel zu schlechtes Image.

Sei schlau, geh zum Bau?

(lacht) Ein fabelhafter Slogan. Viele Bauberufe sind in ihrer Attraktivität und Vielfalt leider total verkannt. Das drückt sich in einem riesigen Mangel an Nachwuchs-Fachkräften aus. Eine wichtige Initiative geht von dem Projekt „Deutschland baut“ aus. Es muss aber noch viel mehr getan werden. Alle Beteiligten rund um die Bauindustrie und den Gerüstbau sollten dringend an einem besseren Image arbeiten.

Herr Imbacher, haben Sie vielen Dank für dieses Gespräch

 

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Datum 19. März 2015
Autor Burkhard Talebitari
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