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Leben

Leben wie in der Bronzezeit

Rauch steigt auf über einem Lehmofen in einer unfertigen Holzhütte. Sie steht in der Moorlandschaft des oberschwäbischen Federseerieds. Bald soll hier Bronze gegossen werden wie vor Tausenden Jahren: Gut zehn Experten arbeiten seit Montag an einem archäologischen Experiment im baden-württembergischen Bad Buchau.

Die Bronzezeit-Gruppe “Tenaigos” will im Freilichtbereich des Federseemuseums Geschichte erlebbar machen – ein sogenanntes “Living History”-Projekt. Grundlage sind Fundstücke des Museums und lange vorangegangene Recherchen über die Bronzezeit.

Kochen wie in der Bronzezeit (Foto: T. Kleinschmidt)

“Bisher wurden Sachwelten gezeigt, jetzt sollen Menschen rekonstruiert werden”, sagt der Archäologe und Anthropologe Martin Trautmann. Er trägt ein gelbliches Ledergewand mit Verzierungen aus der Bronzezeit. “Lebende Exponate sozusagen”, fügt Trautmann hinzu.

Die Gruppenmitglieder haben die Lehmhäuser der rekonstruierten Siedlung «Wasserburg Buchau» aus der Spätbronzezeit bezogen, noch liegen dort moderne Gebrauchsgegenstände wie Handtücher und Bettwäsche – das soll sich in den kommenden Tagen ändern. Das Projekt läuft zunächst bis zum 19. August, soll aber dauerhaft am Museum etabliert werden.

Die Gruppe aus Archäologen, Museumspädagogen, Schülern und speziell ausgebildeten Handwerkern will komplett in die Zeit um 1050 vor Christus eintauchen. Jetzt schon wird so gearbeitet, wie die Menschen damals ihre Töpfe oder Werkzeuge gefertigt haben dürften. Vor zwei Tagen haben die neuen Bewohner der Siedlung angefangen, ihre Werkstatt aufzubauen, in der künftig Bronze gegossen und Tongefäße gebrannt werden sollen.

Das Museum gehört mit seinen Pfahlbauten zum Unesco-Weltkulturerbe. “Wir versuchen historische Informationen so zu verpacken, dass der Besucher sie gerne annimmt”, sagt Museumsleiter Ralf Baumeister. “Ich will nicht sagen, leicht verdaulich, aber gut gewürzt.”

Die Besucher können den laufenden Prozess begleiten. “Ich finde das hervorragend, weil einfach Archäologie anfassbar wird und begreifbar”, sagt Besucherin Ruth Müller aus Wangen bei Ravensburg. “Das Bedürfnis zu wissen, wie unsere Vorfahren gelebt haben, steckt ein bisschen in jedem”, sagt Müller und schaut dabei Tim Scherer zu, wie er mit dem Töpfer Martin Rogiere Schicht um Schicht Lehm um einen Ofen legt. Feuer soll dabei helfen, dass der Lehm schneller trocknet. Erst dann kann der Ofen weiter ausgebaut werden.

“Es macht unglaublich viel Spaß – vor allem, einfach mal weg zu sein, kein Handy dabei zu haben”, sagt der 19-jährige Tim Scherer, der die Rolle des Fischers übernommen hat. Scherer kommt aus dem bayerischen Günzburg, schläft die Projektwoche über auch in einer der Lehmhütten, lebt und erklärt das soziale und kulturelle Leben der Bronzezeit. Der Abiturient interessiert sich für Fischerei und denkt über ein Archäologie-Studium nach.

Lilian Varghese ist Museumspädagogin, sie trägt ein Kleid aus Leinen und einen Wollumhang, der von Metallnadeln gehalten wird. “Man findet in Gräbern häufig paarweise getragene Nadeln an den Schultern”, erklärt Varghese. Leinen wurde schon in der Steinzeit verwendet, in der Bronzezeit war es vor allem Wolle, die zu Textilien verarbeitet wurde. Varghese kümmert sich in der Gruppe neben der Kleidung um das Essen. Es gibt Linseneintopf mit Speck. Die Bronzezeitler sind hungrig. Gegessen wird, was in den Topf kommt.

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Datum 20. August 2012
Autor dpa
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