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“Link 27″ – ein Brückenschlag vom Hörsaal in die Praxis

Rudolf Brandstötter

DDI Rudolf Brandstötter, Jahrgang 1978, ist Bauingenieur und Architekt. 2007 gewann er während seines Studiums einen Studentenwettbewerb für eine Geh- und Radwegbrücke in Wien. Aber erst nach diesem Studium bekam er die einmalige Gelegenheit, sein Projekt auch in die Wirklichkeit umzusetzen. Hier berichtet er persönlich von seiner Reise von der Theorie in die Praxis:

 

Seit Tagen war ich in meiner Modellbauwerkstatt verschollen, um das Modell für die bevorstehende Diplomprüfung in Architektur fertig zu stellen, als mich ein Anruf plötzlich vom Modellbau in den Maßstab 1:1 versetzte. “Totgesagte leben länger”, heißt es – und so war es auch, als an jenem Februartag 2009 ein bereits in Vergessenheit geratener Wettbewerb auferstand.

2007 war unter anderem von der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) und der Stadt Wien ein Studentenwettbewerb ausgelobt worden. Für die “Concrete Trophy 2007″ galt es eine barrierefreie Fußgängerbrücke über den Wienfluss und benachbarten U-Bahnschacht zu entwerfen.

Schon im vorangegangenen Studium für Bauingenieurwesen stellte der Brückenbau für mich die (weit) spannendste Disziplin dar. Immerhin waren es auch die Brücken, zu guter Letzt die faszinierende Ausgabe der Deutschen Bauzeitung 5/98, die mich vom bereits eingeschlagenen Maschinenbaustudium zum Bauingenieurwesen umsatteln ließen.

Paul-Amann-Brücke in Wien (Foto: Zugmann, Wien)

Ein Wettbewerb zum Thema Brücken kam mir somit sehr gelegen, noch dazu für einen Standort unweit meiner Wohnung, zudem gut dotiert und kompetent organisiert sowie mit der Absichtserklärung  versehen, das Siegerprojekt zu realisieren. Nun weiß man meist aus leidvoller Erfahrung, dass diese Absicht bei Studentenwettbewerben eher dazu dient, die Teilnehmermotivation anzukurbeln als tatsächlich die Bauwirtschaft. Nichtsdestotrotz machten sich Gonzalo Espinosa Ortega – ein spanischer Erasmus-Student – und ich ans Werk und konnten in einem zweistufigen Verfahren die Jury mit unserem Projekt “Link 27″ überzeugen. Entscheidend dafür war sicherlich die intensive Auseinandersetzung mit dem Ort der künftigen Brücke und dessen Besonderheiten. Ein wesentliches Merkmal waren die stark asymmetrischen Randbedingungen an den beiden Widerlagerseiten, die schließlich auch zu dem asymmetrischen Tragwerkskonzept führten.

Nach ausgiebiger Feier verschwand das Projekt, wie so manch anderes in den Untiefen der Festplatte, bis an jenem Februartag das Telefon klingelte. “Wir wollen das Siegerprojekt der ‘Concrete Trophy 2007′ nun umsetzen…”, hieß es da kurz und bündig und ich durfte mit ins Boot. Diplomprüfung und Realisierung eines eigenen Entwurfes gaben sich somit förmlich die Türklinke in die Hand.

“Hic Rhodos hic salta!” – Der Entwurf musste nun zeigen ob er nur auf dem bekanntlich geduldigen Papier seine Qualitäten bot, oder ob er auch in den Wirkungsbereich der Schwerkraft transferierbar war. Schnell wurde die Wettbewerbsstatik wieder ausgegraben und geprüft, was damals in “studentischer Unbeschwertheit und Leichtigkeit” so gerechnet worden war. Das integrale, statisch unbestimmte Spannbetontragwerk bot ja reichliche Möglichkeiten für statische und konstruktive Fehlgriffe.

Paul-Amann-Brücke in Wien (Foto: Zugmann, Wien)

Schlussendlich war die Aufregung unbegründet, denn der Wettbewerbsentwurf konnte ohne Änderung der Geometrie und somit auch ohne “architektonische Verwässerung” umgesetzt werden. Dies wäre allerdings nicht ohne den – teils unermüdlichen – Einsatz aller an Planung und Ausführung Beteiligten möglich gewesen.

Da ich bei diesem Projekt vom allerersten Strich bis zu den Eröffnungsfeierlichkeiten alle Phasen hautnah miterleben durfte, zeigte mir das “Bau-Wesen” bald seine mannigfaltigen Gesichter. Diese reichen von einem unwiderstehlichen Lächeln, wenn Kreativität und Ingenieursgeist gefragt sind, bis hin zu einer nahezu boshaften Fratze wenn übermäßiger Bürokratismus und Finanzielles am Horizont erscheinen. An so manchen Tagen waren einstige “revolutionäre” Gedanken sowie der Hauch von universitärer Freiheit schnell verflogen, als Gesetze, Vorschriften, Handbücher, Regelplanungen, Richtlinien und Normen in überbordender Anzahl aufmarschierten. Doch schlussendlich fand sich auch für noch so konträre Anforderungen eine gemeinsame Lösung, da alle Beteiligten, zwar vielleicht nicht gerade am selben Strang zogen, aber zumindest in die gleiche Richtung blickten.

Montage eines der beiden Hauptträger (Foto: MA29, Wien)

Die wohl prägendsten Erfahrungen auf meiner Reise vom Hörsaal auf die Baustelle sind immer dann entstanden, wenn der Grat zwischen Sieg und Niederlage besonders schmal wurde. In diesen Momenten – wenn beispielsweise, um zwei Uhr morgens durch eine 110 Jahre alte Futtermauer ein Bohrpfahl abgeteuft  wird, und die vorab installierten Vibrationssensoren Alarm schlagen, oder wenn beim Anheben der 65 to schweren, äußerst filigranen Spannbetonteile ein kurzes Rucken durch das Krangehänge fährt – da wurde mir klar: Ich bin in der viel zitierten “Praxis” angekommen.

Rudolf Brandstötter, Salzburg, am 14.01.2013

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Datum 27. Januar 2013
Autor Rudolf Brandstötter
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