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Kolumne Falk Jaeger

Panik ist ein schlechter Bauherr

Für die Politik wird es langsam prekär. Die parallel zur Bundestagswahl stattfindende Volksabstimmung darüber, ob der Flughafen Tegel auch nach Eröffnung des Flughafens BER offen gehalten werden soll, läuft auf ein eindeutiges „Ja“ hinaus. Und die Tegel-Frage gewinnt unerwartet enormes politisches Gewicht, d.h. Parteien, die Tegel schließen wollen, könnten kräftig Wählerstimmen einbüßen. Das hat die FDP klar erkannt und gewinnt mit ihrem Tegel-Plädoyer an Zuspruch.

Doch vier Wochen vor der Abstimmung, hat die Flughafengesellschaft panisch ein Kaninchen aus dem Hut gezaubert, das die Situation ändern könnte. „BER-Kapazität soll auf 58 Millionen Passagiere steigen“, titelte der Tagesspiegel und stellt die Erweiterungspläne vor. Also könnte der schon bei der Eröffnung viel zu kleine Flughafen mittel- und langfristig doch den Bedarf decken und der innerstädtische Airport Tegel wäre nicht mehr nötig?

Ausbaupläne am BER

Ausbaupläne am BER (tagesspiegel/FBB)

Man reibt sich die Augen und studiert die veröffentlichten Pläne. Süd- und Nordpier verlängern? Gut, das hatten die Architekten von gmp schon in den allerersten Plänen drin. Auch der Satellit gegenüber dem Hauptterminal entspricht ihrer Zukunftsplanung. Nun aber soll er nicht durch eine von kleineren Flugzeugen unterfahrbare Brücke, sondern über ein Bauwerk mit reichlich Läden angebunden werden, wodurch auf dem Vorfeld zwei Sackgassen entstehen. Beiderseits der Terminal 1-Halle, die die Architekten ursprünglich bedarfsgerecht breiter geplant hatten (und aus Kostengründen reduzieren mussten!) werden nun wieder Anbauten zur Gepäckabfertigung reingeklemmt. Weiter geht’s mit einem Terminal inmitten des Areals, angebunden über lange Brücken an Nord- und Südpier. Eine kleine Freifläche haben die Planer noch am Nordpier entdeckt und ein („provisorisches“, wie es heißt) Terminal T1-E hineinpraktiziert.

58 Millionen bis 2030, na bitte, geht doch, wird der Leser denken, und vielleicht auch der Wähler. Abgesehen davon, dass der Flughafen bis 2030 (Skepsis ist angebracht) weiterhin chaotische Baustelle bliebe und die Erweiterungsschritte dem Bedarf jeweils um Jahre hinterherhinken, wird der Flughafen dadurch natürlich nicht besser.

Im Gegenteil. Von Gerkan Marg und Partner und ihre Planungsgesellschaft pgBBI waren angetreten, einen perfekten Flughafen zu planen, mit kurzen Wegen, optimaler Erschließung, leichter Orientierung und einheitlichem Gestaltungskonzept, zukünftige Erweiterungsmöglichkeiten inklusive. Dieses Konzept ist durch den chaotischen Planungs- und Bauverlauf schon an vielen Stellen zerstört worden. Doch was nun geschehen soll, ist genau das, was ursprünglich vermieden werden sollte: Wildwuchs, Missachtung der Logik des Plans, lange Wege, Unübersichtlichkeit.

Eine vernünftige Erschließung des zentralen Terminals T2 zum Beispiel ist kaum möglich. Wer in Bus oder Taxi ankommt, fährt erst daran vorbei zur Vorfahrt T1 und muss fußläufig wieder zurück. Statt einer zentralen Halle T1 als Anlaufstelle gibt es ein halbes Dutzend. Das ganze wohldurchdachte, logische und übersichtliche Erschließungskonzept ist Makulatur. Es wird lange Gangsysteme, aber auch eine Fahrspuren-, Brücken-, Über- und Unterführungsorgie geben, die alle Autofahrer einem darwinschen Ausleseprozess aussetzen wird. Nur die Besten werden auf Anhieb T1-B, TX-A2, T3-Nord oder wie sie alle heißen werden finden, und Navis werden ohnehin verzweifeln und „wenn möglich das Areal verlassen“ empfehlen.

Wenn Frankfurt Rhein Main oder London Heathrow im Lauf von Jahrzehnten zu unübersichtlichen Agglomerationen gewachsen sind, in denen sich so mancher Passagier verläuft und nicht rechtzeitig seinen Flieger erreicht, mag das verständlich und unvermeidbar sein. In Schönefeld ist so ein Gestückel und Gemurkse schon im Bau und in der Planung, bevor ein einziges Flugzeug abgefertigt wurde.

BER fertigstellen und in Sperenberg das gewünschte Luftdrehkreuz neu bauen, der Rat ist nicht neu, wäre aber noch immer die Zerschlagung des gordischen Knotens, doch die Chance wird vertan.

Wer geglaubt hatte, das Thema BER werde mit der Eröffnung irgendwann zum guten Ende kommen und aus den Schlagzeilen geraten, hat sich geirrt. Beim BER ist nur eines sicher: Unser „Hauptstadtflughafen“ wird uns noch Jahrzehnte unterhalten oder ärgern, je nach Sichtweise.

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Datum 1. September 2017
Autor Falk Jaeger
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