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Vermischtes

Rastatt – Versinkt BIM im Sommerloch?

Als hätten wir mit Dieselskandal und Autobahnbetreiberpleite nicht schon genug Zündstoff, da tut sich neben dem jahreszeitlich bedingten Sommerloch, noch ein weiteres, diesmal reales Loch, im Untergrund auf – bestens geeignet ersteres zu stopfen. Schnell ist die Argumentationskette zur Hand. Des Ministers Ansage: “es werde BIM”, folgte ‘Die Bahn’ ergeben, doch der Untergrund stellt sich dem entgegen, eiserne Schienen bogen sich, wie sonst nur die Balken, bei derlei Geschichten. Liegt der Minister daneben? Auch Sündenböcke sind schnell gefunden. Minister und BIM-Methodik sind schuld.

Die Moral von der Geschicht’: Trau’ Minister und Methodik nicht?

Der Produktmanager Ulrich Hartmann ist BIM Experte bei der CONJECT AG.

Ulrich Hartmann, BIM Experte und Product Manager, aconex AG. (Foto: Ulrich Hartmann)

Denn was scheren uns da Feinheiten? Allerdings: der Laie staunt, denn die Unterwelt steckt voller Überraschungen. Da gibt es riesige Findlinge, Wasseradern, Altlasten und Bestandsbauten im Untergrund. Sie engen die Freiheitsgrade weiterer Baumaßnahmen oft empfindlich ein. Die Untergrabung einer Bahntrasse im laufenden Bahnbetrieb, tonnenschwere Lasten, bloß keine Betriebseinschränkung! – quasi eine Operation am offenen Herzen, ein Zylinderwechsel bei laufendem Motor – und doch nur ein Loch, das kann ja wohl nicht so schwer sein … Dagegen lehrt uns der ewige Murphy: Was schief gehen kann, das geht schief! Und das tat es dann auch.

Können deutsche Ingenieure keine komplexen Baustellen? Schnell ist aufgezählt, was alles so schief ging in letzter Zeit – Flughafen, Philharmonie, Bahnhof … Ließe sich dagegen eine einzige Glanzleistung deutscher Ingenieure nennen? Höchste Brücken, tiefste Tunnel, Strom aus der Steckdose – alles Alltag, solange es funktioniert! Aber eine verbogene Schiene, das ist etwas Handfestes, ein Symbol des Versagens. Wollte man mit dem vermeintlich kalkulierbaren Risiko eines technisch gewagten Tunnelvortriebs die jetzt entstandenen Staus, Umleitungen, Verzögerungen nicht gerade verhindern? Was wären die Alternativen gewesen? Offene Baugrube mit Betriebsausfällen und Steckensperrungen? Der Aufschrei hätte für mehr als ein Sommerloch gereicht …

Und jetzt also verbogenen Schienen, Zugausfälle, Umleitungen, Verspätungen! Wäre es gut gegangen, hätte der Erfolg viele Väter gehabt. Unbemerkt, und ohne es selber zu wissen, wären wir wieder mal bequem über eines der vielen Tausend herausragenden Ingenieurleistungen in unserem Lande gefahren … In der Haut der verantwortlichen Bauleiter, Tragwerksplaner, Bodengutachter und ausführenden Bauunternehmen jedoch möchte man jetzt nicht stecken. Und hier kommt BIM ins Spiel. War das nicht nochmal so eine Methode, mit der man Risiken wegmachen kann? Oder ernsthafter: Hat BIM als Methodik zur besseren Koordination aller Beteiligten durch einen klar definierten Informationsaustausch versagt? Hat das Nachgeben des Untergrundes also eher damit zu tun, dass man zu nachgiebig war, beim erforderlichen und einzufordernden Informationsfluss zwischen den Beteiligten?

Ist es nicht just die Deutsche Bahn, die als eines der führenden Unternehmen im Lande BIM einführt und bereits erfolgreich anwendet? Tausende von Bahnstationen wurden und werden erfolgreich erneuert, Subunternehmen wissen was sie zu liefern haben, weil Sie zuverlässige Informationen bekommen und also wissen, welche Informationen sie ihrerseits zu liefern haben. Bauprojekte laufen tatsächlich nach Plan, im Kostenrahmen und in reproduzierbarer Qualität.

Hätte man statt einer Erdabsenkung – wie unlängst in Frankfurt/M. – eine Weltkrieg-II-Fliegerbombe gefunden, wäre wohl niemand auf die Idee gekommen, daraus ein Scheitern einer gesamten Methodik zu konstruieren. Auch bei bestem Informationsaustausch bleiben die Risiken der realen physischen Welt bestehen. Freilich braucht uns die Bahn damit jetzt nicht zu kommen. Das würde auf dem Scheiterhaufen der faulen Ausreden und Beschönigungen rückstandsfrei verbrannt. Dennoch: ein Versagen des Erdreichs hat mit BIM ungefähr so viel zutun wie Küssen mit Kinderkriegen. Wer andersartige Erfahrungen zu bieten hat, sollte beide Kausalketten nochmal überdenken … Zwar kann in beiden Fällen etwas schief gehen, unmittelbarer Konnex besteht jedoch nicht und belegt auch in keinem Fall die Untauglichkeit des Verfahrens.

Politik kann zweifellos unterstützen, neue Methoden zu etablieren. Jedoch entscheidet Politik nicht über Ziele wie BIM und Digitalisierung, auch wenn wir uns gerne dem Trugbild einer treusorgenden Verwaltung, die schon die richtigen Weichen stellt, hingeben. BIM ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. BIM ist erfolgreich, weil es Geld spart. Unternehmen, die BIM einsetzen, sind nach einer Einführungs- und Investitionsphase erfolgreicher als solche, die das nicht tun. Weil die Ziele von BIM im Interesse des Steuerzahlers sind, hat die Politik BIM gefälligst einzufordern. Regierungen wie die britische haben dieses längst erkannt – und BIM seit Jahren zur Chefsache gemacht. Steuern sparen, Umwelt schonen, das sind die klaren Vorgaben. Hierzulande ist die Unterstützung noch eher lau und beschränkt sich auf publikumswirksame Pseudomaßnamen. Nur keiner Interessensgruppe auf den Schlips treten, gründen wir lieber ein paar ungefährliche Diskutierclubs. Doch das erzeugt Unsicherheit, wo Klarheit geboten wäre. Politik und Verwaltung sollten sich nicht aus der Verantwortung schleichen und in neoliberaler Manier Risiken allein dem Markt und den Interessensgruppen überlassen. Jüngste Betreiberpleiten bei der Autobahnprivatisierung zeigen das eindrucksvoll, auch hier wird letztlich nur der Steuerzahler zur Kasse gebeten. Lassen wir uns also nicht vor den Karren spannen, denn BIM und Politik entspringen nicht dem gleichen Stamm. Und – um im Bild zu bleiben: Passen wir auf, dass der Ast, an dem wir sägen, nicht der eigene ist.

Im Ausland deutet man es bestenfalls als Missverständnis, wenn Deutsche zu erklären suchen, warum deutsche Ingenieurkunst am Ende sei. Donald Trump schickt sich unterdessen an, die amerikanische Umweltschutzindustrie durch seinen rückwärtsgewandten Ausstieg aus dem Klimaschutz zu ruinieren. – Ein Nachlassen in der BIM-Agenda hätte für das deutsche Bauwesen ähnlich fatale Folgen. Im Ausland ist BIM gesetzt und neun von zehn Großprojekte im Mittleren und Fernen Osten werden von britischen Firmen dominiert. Bei aller noch so gerechtfertigten Kritik im Einzelfall, sollten wir uns nicht durch unreflektierte Kritik selbst demontieren.

Leserkommentare

  1. Wilhelm Veenhuis | 12. September 2017

    Stimmt Herr Hartmann! Das Problem beim Tunnel in Rastatt hat nichts mit BIM zu tun. Darum ist der Vergleich mit Küssen und Kinderkriegen nicht nur interessant sondern auch richtig. Aber das Ereigniss zeigt uns auch: Auch wenn BIM draufsteht, muss ich sorfältig arbeiten!

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Datum 5. September 2017
Autor Ulrich Hartmann
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