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Kolumne Falk Jaeger

Sand wird knapp

Prof. Dr. Falk Jaeger

Prof. Dr. Falk Jaeger (Foto: Geyr)

Ein DDR-Witz ging so: Was passiert, wenn man einen sozialistischen Planwirtschaftler in die Wüste schickt? Antwort: Fünf Jahre lang gar nichts. Und dann wird der Sand knapp…

Witz haben in aller Regel einen reellen Hintergrund. Doch dieser hier nicht. Denn mit Wüstensand kann man nichts anfangen. Nicht mal und vor allem nicht betonieren. Das mag überraschen, aber Wüstensandkörner sind vom Wind so rundgeschliffen, dass sie zu wenig haften. Den erreichbaren Meeressand hat man jedoch zum Aufschwemmen von The Palm und The World verbraucht. Und so kommt es, dass in Dubai, mitten in der Wüste, der Sand knapp ist und importiert werden muss. Aus Indonesien und Australien zum Beispiel. Noch ist Treibstoff für Bagger- und Transportschiffe billiger als Bausand.

Derweil verschwinden in den Exportländern die Strände. Der Sand wird zu „Kohle“ in den Taschen mafiöser und korrupter Strukturen. Meeresströme verändern sich durch Ausbaggern der Küstenregionen, die Küsten erodieren. In Marokko werden die Strände von Plünderern mit Eseln abtransportiert, um Hotels für Urlauber zu bauen – die eigentlich wegen der Strände kommen. 45 Prozent des Sandes ist gestohlen, sagt Orthmane Merissi, der Präsident der marokkanischen Granulathersteller. Hinzu kommt: Ungewaschener Salzwassersand ist korrosiv. Man sollte sich über die Meldungen von eingestürzten Betonbauten im Maghreb nicht wundern.

Eine Lösung: Recycling. Wer in Dubai bauen will (der Neubaubedarf ist ohnehin gedeckt oder künstlich hochgepusht, 45% der Büroflächen stehen leer), sollte nur die Genehmigung bekommen, wenn er einen bestehenden Bau abreißt und den Beton zu neuem Granulat zerkleinert. Der Zugewinn an Nachhaltigkeit wäre enorm.

Nun kann man sagen, Sand sei doch ein nachwachsender Rohstoff! Selbst der Himalaya wird dereinst zu Sand zerkrümelt sein. Doch so lange kann der Mensch im anthropozänen Erdzeitalter nicht warten. Den weltweitern Verbrauch von 15 Milliarden Tonnen pro Jahr kann Mutter Erde nicht liefern. Allein China hat in drei Jahren mehr Beton verbaut als die USA im gesamten 20. Jahrhundert, rechnet der Historiker Vaclav Smil vor. Die Geologie ist einfach zu langsam.

Aber vielleicht die Biologie? Die sehenswerte Holzbauausstellung von Hermann Kaufmann und Wilfried Nerdinger, die zurzeit im Berliner Gropiusbau gastiert, zeigt Auswege. Da heißt es: „Etwas mehr als ein Drittel der deutschen Jahresholzernte würde ausreichen, um das gesamte jährliche Neubauvolumen Deutschlands aus Holz zu errichten.“ Und warum tun wir das nicht, warum verheizen wird die Holzernte?

Mit so einfachen Fragen, die zum Beispiel anregen könnten, den Vorschriftenwust für Holzbau zu lichten, um den nachhaltigen Baustoff kostengünstiger zu machen, sind die Politiker freilich überfordert. Aber der Markt wird´s richten, unabänderlich. Warten wir also, bis der Sand so wertvoll ist, dass er kiloweise angeboten wird. Bis dahin wird es Holz im Überfluss geben, wenn die Permafrostböden aufgetaut sind und sich die Taiga in nutzbare Wälder verwandelt. Dumm nur, dass die Abhängigkeit von russischem Holz kaum angenehmer ist als jene von russischem Gas.

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Datum 15. November 2016
Autor Falk Jaeger
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