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Interview

“Tank oder Teller”: Wie viel Bioenergie geht noch?

momentum sprach im Kurzinterview mit Prof. Scholwin, Leiter des Instituts für Biogas, Kreislaufwirtschaft und Energie, Weimar, über Potenziale und Grenzen von Bioenergie sowie die Rolle genmodifizierter Mikroorganismen bei der Bioenergiebereitstellung der Zukunft.

momentum: Wenn es um die Energiewende geht, ist häufig die Rede von Windenergie und Solarenergie. Welche Rolle spielt eigentlich Bioenergie derzeit in Deutschland?

Prof. Frank Scholwin

Prof. Dr.-Ing. Frank Scholwin

Prof. Scholwin: Bioenergie spielt aus meiner Sicht ganz deutlich die größte Rolle. Denn ihr Anteil an der Endenergiebereitstellung aus erneuerbaren Energien ist größer als 65%; der Rest sind Windenergie, Solarenergie, Geothermie und Wasserkraft. Im Strombereich ist das Verhältnis anders, da spielt Bioenergie mit rund 30 % eine kleinere Rolle, weil dort Solarenergie und Windkraft dominant sind. Im Gegensatz dazu wird im Kraftstoffbereich und im Wärmebereich fast ausschließlich Biomasse als erneuerbarer Energieträger eingesetzt, und das in der ca. 5fachen Menge als im Stromsektor bezogen auf die Endenergiebereitstellung. Das wird ganz oft unterschätzt.

Wie groß ist denn noch das Potenzial oder andersherum gefragt, wo sehen Sie die Grenzen von Bioenergie, besonders auch in Hinblick auf die Konkurrenz zur Nahrungsmittelproduktion?

Ganz grob über den Daumen geschätzt kann man die Menge an Bioenergie aus einheimischer Biomasse vielleicht noch verdoppeln, dann hat man wirklich eine Obergrenze erreicht, bei der man noch eine nachhaltige Waldbewirtschaftung hat und noch die Ernährung in Deutschland sicherstellen kann. Aber es kommt die Konkurrenz aus der stofflichen Nutzung von Biomasse in der Industrie hinzu. Die chemische Industrie sucht nach Alternativen zum Öl und die meisten Produkte, die man aus Öl herstellt, kann man auch aus Biomasse herstellen. In diesem Bereich wird man eventuell auch mehr bezahlen können für die Biomasse als im Energie-oder Nahrungsmittelsektor.

Die Bioenergie ist ja ein breites Feld: Kraftstoffe, Wärme und elektrische Energie. Welcher Sektor wird sich davon am stärksten entwickeln?

Im Augenblick wird der Großteil der Biomasse im Wärmesektor eingesetzt und auch im Kraftstoffsektor. Die erneuerbaren Energien werden aber immer mehr in Richtung des Stromsektors getrieben. Mit Biomasse haben wir eine Ressource, die ganz ohne Technologieeinsatz Energie speichert: Sie kann gezielt zur Stromerzeugung dann eingesetzt werden, wenn Solar- und Windenergie nicht dazu in der Lage sind – vergleichbar vielleicht mit der Wasserkraft. Gerade in diesem Bereich der lastabhängigen Energiebereitstellung liegt aus meiner Sicht der Hauptanwendungsbereich von Bioenergie im Stromsektor in der Zukunft.

Der zweite Weg wird ganz klar Kraftstoff aus Bioenergie bleiben, weil wir bis heute eigentlich keine Alternative zum Öl haben, außer strombetriebene Fahrzeuge. Aber die Reichweite und der Komfort von Elektrofahrzeugen sind heute noch nicht vergleichbar mit dem, was klassische Fahrzeuge bieten. Mit Biokraftstoffen hingegen kann man PKW und LKW mit dem gleichen Komfort, aber mit einer deutlich besseren Umweltwirkung betreiben.

Bei der Herstellung von Biokraftstoffen werden ja mancherorts gentechnisch modifizierte Mikroorganismen eingesetzt. Wie bewerten Sie das und wie realistisch ist es, dass das in den nächsten Jahren breiter angewendet wird?

Biogasanlage im Rapsfeld

Biogasanlage im Rapsfeld (Foto: Jürgen Fälchle - Fotolia.com)

Genmodifizierte Mikroorganismen werden in Europa sehr stark abgelehnt, aber weltweit sieht das natürlich anders aus. Im Nahrungsmittelbereich wendet man ja auch vielfach Gentechnik an. Warum sollte man es dann im Bioenergiebereich nicht machen? Das ist natürlich immer sehr kritisch zu bewerten und da ist am Ende eine politische Entscheidung erforderlich, die die gleichen Anforderungen an die Landwirtschaft für die Nahrungsmittelproduktion wie für die Biomasseproduktion für die energetische Nutzung stellen muss.

Wenn man nachhaltige Energieträger mit Hilfe gentechnisch modifizierter Mikroorganismen bereitstellen kann und das sicher funktioniert, dann spricht aus meiner Sicht nicht viel dagegen. Aber ich denke, die Bioenergie hat auch ganz ohne Gentechnik eine sehr große Chance. Dies zeigen beispielsweise sehr klar die Erfolge der Energiepflanzenzüchtung auf der Basis ganz konventioneller Züchtungsmethoden. Die industrielle Bioenergiebereitstellung steckt nach etwas mehr als 10 Jahren intensiver Erfahrungen noch in den Kinderschuhen. Dies gilt insbesondere für die Erschließung neuer Stoffströme, sei es jetzt in Richtung Nutzung von Algen oder z. B. die Nutzung von Stroh beim Bioethanol. Die Frage ist natürlich am Ende die Bezahlbarkeit. Aber ich bin überzeugt davaon, dass nach wie vor ein sehr großes Optimierungspotenzial besteht.

Bisher haben wir nur über die Situation in Deutschland gesprochen. Wie ist die Situation international oder wo kann man da Deutschland einordnen?

Man muss sich vor allem mit den skandinavischen Ländern messen, die früher angefangen haben und zum Teil auch ganz andere Nutzungswege eingeschlagen haben. In Deutschland haben wir sehr stark auf die Stromproduktion fokussiert, gerade was die staatlichen Anreize angeht. Das ist in anderen Ländern anders, da hat man Kraftstoffe früher in den Fokus gerückt. Aber mit den skandinavischen Ländern, mit den Niederlanden, mit Österreich zusammen nehmen wir weltweit gesehen schon eine führende Position in der Forschung und Entwicklung wie auch bei den Technologien ein, wobei zum Beispiel die sehr großen Forschergruppen und Aktivitäten in den USA nicht zu vernachlässigen sind. Dort wird Forschung meist gleich in richtig großem Maß betrieben. Die Entwicklung schreitet dort entsprechend schnell voran und wir können einiges lernen.

Wie geht es in Deutschland mit der Bioenergie weiter?

Die Bioenergie muss ein wichtiges Element in der Energiewende bleiben und insbesondere ihre Vorteile gegenüber anderen Energieträgern müssen in den Vordergrund gestellt werden. Daher ist es für mich keine Frage, ob die Bioenergie eine Zukunft hat. Sie wird ein vollkommen normaler – und zunehmender – Teil unserer Energieversorgung bleiben.

Es ist aber extrem wichtig, dass wir in Deutschland nicht warten, dass die Politik uns vorschreibt, wie die erneuerbare Energienutzung voranschreiten soll. Man muss aus meiner Sicht wirklich regional und lokal handeln, gute Beispiele schaffen und Energiekonzepte umsetzen, die die verfügbaren erneuerbaren Ressourcen optimal bündeln und dabei wird Bioenergie häufig eine wesentliche Rolle spielen. Unter anderem ist das auch ein Ziel des Rostocker Bioenergieforums, das am 20. Und 21. Juni stattfinden wird: Akteure regional zusammenzubringen und mit national sowie international wichtigen Forschungsergebnissen bekannt zu machen, um dann in die Diskussion zu kommen und am Ende auch Praktiker und Regionalpolitiker davon zu begeistern, dass einiges mehr geht, als man das in der Tagespresse liest. Mit etwas mehr dezentralem Engagement können wir die Energiewende viel schneller befördern!

Prof. Scholwin, vielen Dank für das Gespräch.

Prof. Dr.-Ing. Frank Scholwin ist Leiter des Instituts für Biogas, Kreislaufwirtschaft und Energie, Weimar, und Honorarprofessor für Bioenergie an der Universität Rostock.

Das Gespräch führte Jens Völker.

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Datum 11. Juni 2013
Autor jv
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