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Theorie, Genuss und Praxis: Baustellenbesuche à la française

Der französische Verband für Bauingenieure, Association Française de Génie Civil, kurz AFGC, bietet über seine verschiedenen Regionalgruppen regelmäßig und das ganze Jahr über Besuche aktueller und interessanter Bauprojekte an. Die Veranstaltungen finden im Schnitt etwa im monatlichen Rhythmus statt. Manchmal werden diese auch in Kooperation mit den jeweiligen französischen Stahl- oder Betonverbänden gemeinsam organisiert. Wer auch immer es schließlich austrägt, es geschieht natürlich immer mit dem gebührenden Stil, denn den einfachen Baustellenbesuch macht ja jeder Bauingenieur schon für seine eigenen Projekte. Die AFGC macht stattdessen daraus meist einen ganzen Arbeitstag mit drei Gängen: Theorie, Genuss und Praxis.

Autobahnüberführung bei Reims (Mai 2010)

Autobahnüberführung bei Reims (Mai 2010) (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Die Theorie: Vorstellung des Projektes

Üblicherweise wird am Vormittag die Entstehungsgeschichte des Bauwerks von Entwurf bis Ausführung beschrieben. Dabei kommen alle Beteiligten – vom Bauherren und den verschiedenen Planern bis zu den ausführenden Firmen – zu Wort und man kann zwischen den Präsentationen detaillierte Fragen stellen. Bis zum Ende des Vormittages erhält man somit ein ausführliches und umfassendes Bild des Projektes sowie der bereits gemeisterten oder noch anstehenden Herausforderungen. Die Beteiligten berichten immer gerne und meist mit sichtbarem Stolz über ihr Projekt. Kaffeepausen sind natürlich auch vorgesehen, geraten aber regelmäßig und besonders dann zu kurz, wenn die Präsentatoren ihre Zeit überziehen.

Der Genuss: Der gastronomische Teil

Im Anschluss an die vormittägliche Theorie folgt dann der gesellige und genüssliche Teil des Tages mit dem Mittagessen. Wenn dieses nicht im gleichen Ort serviert werden kann wie die Präsentationen, dann geht es entweder zu Fuß oder im Bus zu einem Restaurant, das in der Regel ein ansprechendes Drei-Gänge-Menü serviert. Hier hat man die Möglichkeit, sich mit seinen Tischnachbarn angeregt zu unterhalten und auch neue Bekanntschaften zu machen. Natürlich trifft ein französischer Bauingenieur bei diesen Veranstaltungen oft auch alte Bekannte, für die er sonst zu wenig Zeit hat. Auch wenn der gastronomische Teil der zeitlich kürzeste des Tages ist, hat man hier die besten Möglichkeiten, Kontakte zu knüpfen, und wenn man etwas Glück hat, sitzt man vielleicht sogar einer Koryphäe wie Michel Virlogeux gegenüber.

Die Praxis: Der eigentliche Besuch auf der Baustelle

Neue Schrägseilbrücke in Térénez (Mai 2010)

Neue Schrägseilbrücke in Térénez (Juni 2010) (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Eventuell nach einer weiteren Busfahrt zur eigentlichen Baustelle und nachdem alle sicherheitsrelevanten Aspekte – Helm, Brille, Schuhe, etc. – geklärt sind, darf man sich die Arbeit aus der Nähe anschauen. Im Normallfall ist die Baustelle dabei in Betrieb, doch ist trotzdem kein Teil des Bauwerks für die Besuchergruppe deshalb tabu. Es herrscht meist die Annahme vor, dass die Besucher wissen, was sie tun. Man darf sich also auch an den Rand eines Auslegers begeben und in Ruhe darunter die vorbeiziehenden Wassermassen der Rhône beobachten, ohne dass man von einem besorgter Aufseher davon abgehalten wird. Wenn die Anzahl der Teilnehmer recht groß ist – bei manchen Veranstaltungen können es durchaus 200 an der Zahl sein – werden kleinere Gruppen gebildet. Jeder Gruppe wird dann ein Projektbeteiligter zugeteilt, der die Bauteile erklären und die meist vielen Fragen beantworten kann. Übrigens sind die Sicherheitsvorkehrungen auf den besuchten Baustellen immer vorbildlich und übertreffen meist die in Deutschland üblichen. So wird beispielsweise jedes nach oben abstehende Bewehrungseisen, auf dem man sich bei einem Fall versehentlich aufspießen könnte, mit einer Plastikkappe abgedeckt.

Der Clou: Zwei- oder Mehrtätige Veranstaltungen

Neue Schrägseilbrücke in Térénez (Mai 2010)

Neue Schrägseilbrücke in Térénez (Juni 2010) (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Einmal im Jahr etwa wird eine solche Veranstaltung auf zwei Tage ausgedehnt, sodass auch eine Übernachtung notwendig wird. Dabei wird auch berücksichtigt, dass die meisten Teilnehmer nicht für beide Tage Zeit haben, und der erste Tag schon in sich geschlossen ist. Der zweite Tag enthält dann aber ein besonderes Zusatzprogramm zum eigentlichen Baustellenbesuch, das es oft in sich hat. So gab es im Juni 2010 in der Bretagne beispielsweise eine Besichtigung der Baustelle der Schrägseilbrücke von Térénez mit einem sehr stark gekrümmten Fahrbahnträger und Lambda-förmigen Pylonen. Die Vorträge fanden dabei teilweise in einem Konferenzraum am Flughafen von Brest statt, der selbst auch schon ein interessantes Bauwerk darstellt. Diese wurden Abends dann im Hotel fortgeführt, in dem die meisten für den Folgetag angemeldeten Gäste untergebracht waren.

Das Programm des nächsten Tages beinhalte nicht nur die Besichtigung der von Eugène Freyssinet und unter Denkmalschutz stehenden Brücke bei Plougastel-Daoulas, sondern auch ein Führung durch die U-Boot-Station der französischen Marine auf der Ile Longue inklusive eines dort im Trockendock zur Überholung befindlichen Atom-U-Boots mit Langstreckenraketen und nuklearen Sprengköpfen. Die Vorbereitung dieses Besuchs war im Vorfeld durch die notwendigen Sicherheitschecks natürlich aufwändiger. Auch ausländischen Gästen wurde erlaubt, in das U-Boot zu steigen, jedoch in einer separaten Gruppe mit zusätzlicher Begleitung durch einen Militärpolizisten, der bei den rein französischen Gruppen fehlte.

Bei entsprechenden Anlässen werden von der AFGC auch längere Studienreisen angeboten. Zum Beispiel war es vor einigen Jahren möglich, sich für eine Woche nach Marokko zu begeben, um dort die Baustelle des neuen Hafens in Tanger zu besichtigen und sich anschließend noch verschiedene andere Bauwerke im Land anzuschauen.

Diese Veranstaltungen sind natürlich nicht kostenlos. Allein der Verpflegung wegen gibt es für die eintägigen Besichtigungen in der Regel eine Anmeldegebühr von 40 bis 50 Euro für Mitglieder der AFGC, für Nichtmitglieder fallen meist 10 bis 20 Euro zusätzlich an. Zwei- oder Mehrtägige Veranstaltungen sind entsprechend teurer und Anfahrt und Unterkunft sind selbst zu organisieren und zu bezahlen. Allerdings liegt der Mitgliedsbeitrag für die AFGC auch nur bei 50 Euro im Jahr, für die man nicht nur die vergünstigte Teilnahme bekommt, sondern auch zwei jährliche Veröffentlichungen zu technischen Themen.

Weiterführende Links

Bilder von Baustellenbesuchen in Frankreich

Leserkommentare

  1. Mireille Janberg | 7. Januar 2014

    liberté + égalité + fraternité = convivialité

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Datum 7. Januar 2014
Autor Nicolas Janberg
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