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Vermischtes

Vom Traum im Baum

Bart Simpson versteckt sich gerne in seinem Baumhaus, mal alleine, mal mit Freunden, aber immer ist es ein Rückzugsort, in dem er sich vom Alltag und seinen Problemen abschotten kann. Für viele reale Kinder ist es sicher auch ein Traum, mal im eigenen Baumhaus verschwinden zu können. Anscheinend ist es aber ein Traum, den auch viele bis ins Erwachsenenalter hegen, denn anders lassen sich die teilweise fantastisch anmutenden Beispiele in Philip Jodidios neuem Buch “Tree Houses – Fairy Tale Castles in the Air” wohl kaum erklären.

"Tree Houses. Fairy Tale Castles in the Air", Autor: Philip Jodidio, Hardcover, 26,0 x 34,0 cm, 352 Seiten; € 49,99; ISBN 978-3-8365-2664-7 Deutsch, Englisch, Französisch (Taschen)

Jodidios Bildband beginnt mit einer interessanten Erläuterung über und Einführung in die Geschichte des Baumhauses allgemein. Es gibt anscheinend immer noch naturverbundene Kulturen, die in ganzen Dörfern aus Baumhäusern leben und auch die Medicis ließen sich in Italien schon Häuser in die großen Bäume vor ihren Villen bauen. Trotzdem sind sie in unseren Breiten als architektonisches Gebilde noch immer ungewöhnlich, einzigartig und recht exotisch. Dies macht “Tree Houses” sehr anschaulich klar durch die Auswahl sehr fantasievoller und teilweise traumhafter Beispiele. Das große Format und die ausgiebige Bebilderung machen es leicht, sich vorzustellen, in jedem dieser Baumhaus-Träume ein wenig Zeit zu verbringen. Wer sich vor der Lektüre dieses Buches nicht ernsthaft sein eigenes Traumhaus im Baum gewünscht hat, der wird es sich danach nochmal überlegen müssen. Die gezeigten Ausführungen sind so vielfältig und außergewöhnlich, dass fast jeder seine – wenn auch unbewussten Träume – dort erfüllt sehen könnte. Faszinierend sind sie allemal.

Tom Chudleigh, Free Spirit Spheres, Qualicum Bay, British Columbia (Canada) (Foto: Tom Chudleigh)

Insgesamt 50 verschiedene Baumhäuser werden in dem Band vorgestellt, die teilweise von Privatleuten selbst gebaut wurden, in vielen Fällen aber von professionellen Baumhaus-Architekten entworfen wurden. Auch die Nutzung der gezeigten Beispiele geht teilweise weit über den Kindertraum hinaus: Vom einfachen Ausguck oder Refugium über die offene Schlafgelegenheit im Himmelbett hin bis zum voll ausgestatteten Hotelzimmer mit getrenntem Schlaf- und Wohnbereich und fließendem Wasser im Bad.

Um die Vielfalt dieser Baumträume zu zeigen, kommt man um einige Beispiele natürlich nicht herum. Tom Chudleigh hat mit seinen “Free Spirit Spheres” in Qualicum Bay, British Columbia, bewohnbare Kugeln geschaffen. Insgesamt hängen drei Stück davon auf Vancouver Island bei Parksville zwischen den Bäumen – mit den Namen Eve, Eryn und Melody. Die Kugeln haben einen Durchmesser von jeweils 3,2 Metern und können nächteweise angemietet werden. Angeblich kann man es dort noch bei minus 20 Grad kalten Nächten aushalten. Beim Bau wurden ähnlich wie bei der Herstellung von Kanus und Kajaks Zedernleisten verwendet. Die Innenausstattung aus Yachteinbauten und kreisförmige Fenster erinnern bewusst an Boote und auch die Aufhängung der Kugel ist an Takelage angelehnt.

Inredningsgruppen, Ufo Tree Hotel, Harads (Schweden) (Foto: Inredningsgruppen; Treehotel)

Ähnlich von Bäumen abgehängt wurde das Ufo Tree Hotel in Harads, Schweden. Es gehört zu einem Hotelbetrieb der aus einem ganzen Komplex von Baumhäusern besteht, darunter ein Vogelnest und einem in der Umgebung fast unsichtbaren Spiegelwürfel. Natürlich ist auch die dazugehörige Sauna in einem Baumhaus untergebracht. Das von Gertil Hartström entworfene Ufo ist die ideale Unterkunft für Science-Fiction-Fans oder solche, die zuviel Akte X geschaut haben. Mit zwei Schlafzimmern, Bad und Wohnbereich ist es mit insgesamt 30 m² bestens für einen längeren Aufenthalt ausgestattet. Allerdings kann es nur in der Fantasie der Bewohner in andere Welten entschwinden, da es fest an Bäume angebunden ist. Der Zugang über die zusammenklappbare Treppe ist jedoch ganz im Stil eines unbekannten Flugobjektes.

baumraum, Andreas Wenning, Zwischen Erle und Eiche, Osnabrück (Foto: Alaisdair Jardine)

Etwas bodenständiger vielleicht erscheint das Baumhaus “Zwischen Erle und Eiche”, das in Osnabrück steht und vom Baumhausexperten Andreas Wenning entworfen wurde. Bei vollem Laub ist es aus manchen Winkeln kaum zu erkennen. Neben einer offenen Terrasse, durch die ein Baum in die Höhe wächst, bietet auch das eigentliche Haus einen wunderbaren Ausblick durch das Grün der Bäume hindurch auf die umgebende Landschaft. Mit Bank und großer Liegefläche ausgestattet, kommt man dort dem ursprünglichen Konzept des heimlichen Refugiums wieder näher. Allerdings ist die Eichenaustattung weitaus hochwertiger als die von Bart Simpsons Baumhaus.

Mit diesen und 47 weiteren außergewöhnlichen Beispielen ist Philip Jodidios “Tree Houses” sowohl ein Traum von einem Buch als auch ein Buch voller wahr gewordener Träume. Es ist nicht nur sehr empfehlenswert für alle, die auf Inspirationen für ein eigenes Baum- und Traumhaus aus sind, sondern auch für die, die vielleicht irgendwann die Idee des eigenen Baumhauses in der Praxis aufgegeben haben, aber mit dem Herzen noch nicht ganz losgelassen haben.

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Datum 7. Februar 2013
Autor Nicolas Janberg
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