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Veranstaltungen

Von Pionieren des Schalenbaus

Franz Dischinger (1887-1953)

Franz Dischinger (1887-1953) (BTU Cottbus)

Wie schon im Oktober bei momentum angekündigt, wäre Franz Dischinger  dieses Jahr 125 Jahre alt geworden, weshalb die Brandenburgische Technische Universität (BTU) Cottbus und die TU Berlin am 19. Oktober nach Berlin luden zu einem Symposium über Pioniere des Schalenbaus in erster Linie aus den 1930er und 1940er Jahren. Die Veranstaltung zeigte, dass der Name Dischingers doch noch vielen Bauingenieuren und Historikern etwas bedeutet, denn sowohl Vortragende aus dem europäischen Ausland als auch eine gute Anzahl an Teilnehmern waren der Einladung gefolgt.

Die erste Veranstaltung war aber schon am Vorabend, wo Roland May (BTU) im Rahmen der VDI-Vorträge zur Bautechnikgeschichte neues Licht auf das Wirken und Leben von Franz Dischinger sowohl bei DYWIDAG als auch als Professor für Massivbau an der TH Berlin (heute TU) warf. Auch wurde sein Verhältnis zu seinem Mitarbeiter und Kollegen bei DYWIDAG, Ulrich Finsterwalder, neu aufgerollt, denn bisher wurde oft angenommen, dass beide gemeinschaftlich und kollegial zusammen gearbeitet hätten. Jedoch waren anscheinend gleich bei der ersten Zusammenarbeit an der Frankfurter Großmarkthalle Reibungspunkte aufgetreten, die sich in der Karriere beider später fortsetzten. Trotzdem schafften sie es parallel, aber an verschiedenen Aspekten bzw. Formen arbeitend, die Grundlagen für die Schalentheorie zu legen, die in ganz Europa zügig Anwendung fand.

Dies war dann auch der Fokus der Vorträge des Symposiums, wo die Schalenpioniere Italiens, Spaniens, Frankreichs, Belgiens und der Niederlande vorgestellt und teilweise wiederentdeckt wurden. Jörg Schlaich erzählte auch wie Anton Tedesko, den er persönlich kannte, die Schalentheorie nach USA  brachte und dort anwendete. Dabei wurde deutlich, dass Dischinger und Finsterwalder zwar die Mathematik und Theorie zum Bau von Schalen perfekt beherrschten und auch in die Praxis umsetzten, aber in der Formensprache sehr in der Vergangenheit hängen blieben. In der Tat schien es beiden in erster Linie darum zu gehen, bekannte Gewölbeformen in dem noch relativ neuen Material Beton neu und vor allem wirtschaftlich umzusetzen, als die Möglichkeiten des Materials in völlig neuen Formen darzustellen.

Aus den Vorträgen – und ohne dabei in irgendwelche landeskulturellen Vorurteile hineinspielen zu wollen – scheint dies außerhalb Deutschlands weitaus kreativer angegangen worden zu sein. Aus wirtschaftlichen Gründen spielten italienische Ingenieure mit den Materialien, in dem Bambus als Bewehrung benutzt wurde oder Pier Luigi Nervi den Ferrocemento im Fertigteilbau auch von Schalen anwendete. Nachdem Beton in Spanien nur schwer Fuß fassen konnte – eins der ersten Betonbauwerke in Madrid, ein Wasserreservoir, war beim Bau eingestürzt – und es in Katalonien auch schon eine Tradition aus dünnen Mauerwerksschalen gab, schafften es Ildefonso Sánchez del Río Píson und Eduardo Torroja letztendlich doch den Baustoff effektiv einzusetzen – insbesondere im Schalenbau und mit bisher nicht bekannten Formen.

Auch in Frankreich wurden viele Schalen gebaut und ein typisches Einsatzgebiet, in dem auch viele neue Formen ausprobiert wurden, war der Bau von Hangars für ein noch relativ neues Verkehrsmittel – das Flugzeug – insbesondere im militärischen Bereich. Diese Entwicklung fand in Deutschland natürlich anfangs nicht so statt, da der Versailler Vertrag dem Deutschen Reich bzw. der Weimarer Republik den Neuaufbau der Luftwaffe nach dem  1. Weltkrieg verbot. Dies hielt natürlich das deutsche Militär nicht davon ab, Flugzeuge zu entwickeln und zu bauen, die dann auch in Hangars untergebracht wurden wie zum Beispiel in einem 1933 in Cottbus gebauten Hangar für die „Deutsche Verkehrsfliegerschule“. Dies war vermutlich das erste große Projekt von Dyckerhoff & Widmann nach Dischingers Wechsel nach Berlin, die unter Finsterwalders Oberleitung entstand. Im folgenden Frühjahr stürzte die Schale nach starken vorhergegangenen Verformungen ein, wofür Finsterwalder für den Einsturz angeblich auch inhaftiert wurde. Er wurde aber schließlich durch ein Gutachten entlastet, das Dischinger mitverfasste und in dem unberechenbares Kriechverhalten als Ursache festgestellt wurde. Aber in Frankreich wurden Hangars landesweit im großen Stil gebaut und neue Bauweisen im Wettbewerbsverfahren auch gefördert. Hier wurden insbesondere mathematisch inspirierte Formen wie Konoide und Hyperboloide in Schalen umgesetzt. Neben Eugène Freyssinet waren auch in Deutschland weniger bekannte Ingenieure wie Albert Caquot, Simon Boussiron, Bernard Lafaille und Fernand Aimond im Schalenbau tätig.

Den Abschluss der Veranstaltung bildete eine Podiumsdiskussion über die Zukunft von Schalen, die aber leider nicht recht in Gang kommen wollte. Allerdings waren sich die Diskutanten einig, dass Betonschalen eher der Vergangenheit zuzuordnen sind und derzeit das Feld den Gitterschalen gehört. Aber es kann nie schaden, sich über die Herkunft und Geschichte von Bauweisen zu informieren, da man auch hier oft für sich selbst neue Informationen oder Inspiration finden kann.

Leider ist Franz Dischinger niemals so mit dem Schalenbau assoziiert worden wie z.B. Eduardo Torroja, Heinz Isler, Felix Candela oder Ulrich Müther, die es durchaus schafften, Schalen als „sexy“ zu etablieren. Ohne seine Arbeit an der Schalentheorie wären solche Schalen aber vielleicht gar nicht möglich gewesen.

Übrigens werden sich 2013 die VDI-Voträge zur Bautechnikgeschichte in erster Linie mit Spannbeton beschäftigen – auch zu Ehren von Franz Dischinger. Denn er wie auch andere Schalenpioniere wie Ulrich Finsterwalder, Eduardo Torroja oder Eugène Freyssinet waren quasi zeitgleich ebenfalls sehr erfolgreiche Pioniere in diesem Feld.

 

Shell Pioneers - Ein internationales Symposium anlässlich des 125-jährigen Geburtstagsjubiläums von Franz Dischinger

Vorträge

Donnerstag, 18. Oktober 2012

“Franz Dischinger: New Aspects of the Life and Work of a Civil Engineering Master”, Prof. Dr.-Ing. Roland May, BTU Cottbus

Freitag, 19. Oktober 2012

“From Biebrich into the World: The Dissemination of the Zeiss-Dywidag System”, Prof. Dr.-Ing. Werner Lorenz, BTU Cottbus, und Dr.-Ing. Roland May, BTU Cottbus

“The Autarchic Origins of the Italian Thin Shells” von Prof. Dr. Tullia Iori, Università di Roma Tor Vergata

“Pioneer Concrete Shells in Spain”, Prof. Dr. Pepa Cassinello, Universidad Politécnica de Madrid

“Conoids and Hypars: Early Thin Shell Design in France and Benelux”, Prof. Dr. Bernard Espion, Université Libre de Bruxelles

“Anton Tedesko: The Communicator” Prof. Dr.-Ing. Dr. h.c. mult. Jörg Schlaich, Berlin

“Shells Today”, Prof. Dr. Mike Schlaich, TU Berlin

Diskussion: The Future of Thin Concrete Shells — Learning from History?
Moderator: Dr.-Ing. Arndt Goldack, TU Berlin

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Datum 14. Dezember 2012
Autor Nicolas Janberg
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