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Historie, Veranstaltungen

Von Schlingrippen und gefährdeten Brücken

Die Veranstaltung fand unter dem Schlingrippengewölbe der Kapelle im Residenzschloss in Dresden statt

Die Veranstaltung fand unter dem Schlingrippengewölbe der Kapelle im Residenzschloss in Dresden statt (Foto: Nicolas Janberg/Ernst & Sohn)

Unter dem Titel “Altes Konstruktionswissen − alte Konstruktionen: Re-konstruieren der Prozesse − entsorgen der Produkte?” lud die Gesellschaft für Bautechnikgeschichte am 31. Oktober 2014 nach Dresden in die Schlosskapelle zu einem Workshop ein, der am darauffolgenden Tag um eine Exkursion nach Chemnitz und Meißen ergänzt wurde. Die Veranstaltung war mit 62 Teilnehmern aus allen an der Geschichte der Bautechnik beteiligten Fachbereichen − Architekten, Kunsthistorikern, Bauingenieuren, Denkmalpflegern, etc. − trotz der in vielen Bundesländern anstehenden Feiertage sehr gut besucht und zog auch Fachleute aus Österreich, der Schweiz und Frankreich an.

Rekonstruktion der Schlosskapelle

Zuhörer unter dem Schlingrippengewölbe

Zuhörer unter dem Schlingrippengewölbe (Foto: Nicolas Janberg/Ernst & Sohn)

Wie der Titel bereits erahnen lässt, war der Workshop in zwei Abschnitte geteilt. Am Anfang wurde über die Rekonstruktion des Schlingrippengewölbes der Schlosskapelle, die im Rahmen des Wiederaufbau des Dresdener Schlosses stattfand und im Sommer 2013 fertiggestellt wurde, im Detail berichtet. Mit fünf Vorträgen konnten die verschiedenen Beteiligten des Projektes, also Bauherr, Architekt, Tragwerksplaner und Kunsthistoriker, alle Aspekte dieses sehr interessanten Vorhabens beleuchten. Die Rekonstruktion des spätgotischen Gewölbes stellte sich als ein definitiv nicht alltägliches Unterfangen dar, da zum einen die Dokumentenlage sehr schlecht war, zum anderen die Kapelle bereits 1737 säkularisiert und umgebaut worden war. Anhand eines Kupferstiches, einem nach der Zerstörung des Schlosses in den Trümmern wiedergefundenen Rippenstück sowie durch erhebliche Recherchearbeit, Deduktion und Vergleiche mit noch bestehenden Schlingrippengewölben konnte eine in sich schlüssige Rekonstruktion des Gewölbes gezeichnet und nach heutigen Normen auf Standsicherheit nachgewiesen werden. Während der Vorträge war es zudem jederzeit möglich, das gesagte durch einen Blick nach oben nachzuvollziehen und das einzigartige Gewölbe zu bewundern.

Gelungene Sanierungen und Gefährdete Bauwerke

Einer der beiden Bögen des vom Abriss gefährdeten Chemnitztalviadukts in Chemnitz

Einer der beiden Bögen des vom Abriss gefährdeten Chemnitztalviadukts in Chemnitz (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Am Nachmittag beschäftigten sich die Vorträge zum einen mit drei gelungenen Sanierungsprojekten: Das Hochbahnviadukt der U-Bahn-Linie U2 in Berlin-Prenzlauer Berg, die Talsperre Klingenberg in der Sächsischen Schweiz und die Eisenbahnhochbrücke und Schwebefähre über den Nord-Ostsee-Kanal in Rendsburg. Hier wurde von den am jeweiligen Projekt persönlich beteiligten Ingenieuren ein Überblick gegeben, welche Maßnahmen getroffen wurden, um die Bauwerke in möglichst ursprünglicher Form zu erhalten oder auch warum dies nicht immer im striktesten Sinne möglich war.

Über einige mehr oder weniger vom Abriss gefährdete Bauwerke wurde ebenfalls berichtet. Die Gesellschaft hatte sich unter anderem für den Erhalt des von Vladimir Schuchow erbauten Schablowka-Radioturms in Moskau eingesetzt, sodass die akut bevorstehende Demontage bisher verhindert werden konnte. Eine Reihe von Flugzeughallen in Berlin-Karlshorst, die nicht aufgrund des Versailler Vertrags wie andere Einrichtungen der Luftwaffe nach dem Ersten Weltkrieg zerstört worden waren, verwahrlosen seit geraumer Zeit. Ein Umnutzungsprojekt für die Betonkuppelschalen scheint derzeit zu stocken. Auch beim Chemnitztalviadukt hatte die Gesellschaft die dortige Bürgerinitiative tatkräftig unterstützt, um dem möglichen Abriss der Brücke entgegenzuwirken. Beim Oschütztalviadukt in Weida scheint die Deutsche Bahn auch nicht an einem weiteren Erhalt interessiert zu sein. Einige Gründe, warum die Deutsche Bahn nicht am Erhalt älterer Bauwerke interessiert ist, aber dies auch nicht über die Leistungs- und Finanzierungsvereinbarung des Bundes mit der Bahn effektiv durchgesetzt wird, wurden ebenfalls erörtert.

Exkursion nach Chemnitz und Meißen

Spontane Bürgerversammlung vor dem Viadukt in Chemnitz

Spontane Bürgerversammlung vor dem Viadukt in Chemnitz (Foto: Nicolas Janberg/Ernst & Sohn)

Die meisten Teilnehmer des Workshops nahmen ebenfalls an der samstäglichen Fahrt nach Chemnitz und Meißen teil. In Chemnitz konnte das bereits oben beschriebene und vom Abriss bedrohte Viadukt in Augenschein genommen werden. Spontan gesellten sich eine Reihe von Chemnitzer Bürgern hinzu, um mehr über das Bauwerk zu erfahren und ihrer Unterstützung für dessen Erhalt Ausdruck zu verleihen.

In der Albrechtsburg in Meißen wurden aktuelle Forschungen zu den spätgotischen Gewölben direkt am Objekt durch Mitarbeiter der TU Dresden erläutert. Die dort gewonnen Erkenntnisse waren, wie am Vortag bereits erwähnt, auch in die Rekonstruktion des Schlosskappelle eingeflossen. Zum Ende der Exkursion wurden sowohl eine Ankerkammer als auch ein Pylon des Blauen Wunders in Dresden für die Teilnehmer geöffnet. Von oben konnte man den Sonnenuntergang über Dresden genießen. In den Tiefen des Ankerblocks wurde das statische System der ausgeklügelten Brückenkonstruktion anschaulich erklärt. Den Ausklang des Tages und des Workshops bildete dann ein gemeinsames Abendessen im Körnergarten in der Nähe des Blauen Wunders.

Fotos zur Veranstaltung

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Datum 9. Dezember 2014
Autor Nicolas Janberg
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