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Von Tokio bis Hiroshima: eine Erkundung japanischer Baukultur

10 Studierende der BTU Cottbus – Senftenberg und 10 Studierende der HCU Hamburg reisten Ende September 2016 nach Japan, um die japanische Ingenieurbaukunst und Architektur intensiv und unter Berücksichtigung der vorherrschenden Kultur zu studieren. Angeboten wurde die Exkursion vom Lehrstuhl Hybride Konstruktionen – Massivbau der BTU Cottbus – Senftenberg unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing Achim Bleicher und der Professur für Entwurf und Analyse von Tragwerken der HCU Hamburg unter der Leitung von Prof. Dr.-Ing Annette Bögle. Während des Aufenthalts standen Besichtigungen bestehender aktueller wie geschichtlicher Baukunst, intensive Diskussionen mit japanischen Ingenieuren, Architekten, Professoren und Studierenden sowie die Teilnahme an der internationalen Fachkonferenz der IASS (International Association for Shell and Spatial Structures) in Tokyo auf der Tagesordnung.

MGCT

MGCT (Foto: Sabrina Gieron)

Am Montag den 26. September 2016 startete die Exkursion in Tokyo. In der Metropole verbrachten wir die ersten fünf Tage. Im Verlauf dieser Tage analysierten wir zahlreiche einzigartige Bauwerke hinsichtlich Tragwerk, Architektur, Kraftfluss und Form. Die erste Station war der Mode Gakuen Cocoon Tower, ein Hochhaus geplant von Tange Associates und Arup, indem ausschließlich Bildungseinrichtungen untergebracht sind, welches der Form eines Kokons nachempfunden ist. Im weiteren Verlauf besuchten wir das Yoyogi National Gymnasium, dieses Stadion verfügt über eine besondere Hängedachkonstruktion mit biegesteif ausgebildeten Zugelementen um eine traditionell japanische Dachform zu erzielen. Es wurde anlässlich der Olympiade 1964 gebaut und von Yoshikatsu Tsuboi (Ing.) und Kenzo Tange (Arch.) geplant. Klein und fein präsentieren sich die Gebäude entlang der bekannten Omotesando Einkaufsstraße. Ausgefallene Fassaden reihen sich hier zu Hauf und dienen den großen Marken als Aushängeschilder im dicht bebauten Tokyo. Doch auch in schmalen Lücken der Metropole befinden sich besondere Bauwerke. So beispielsweise das Tower House von Takamitsu Azuma (Arch.). Dieses 1966 errichtete Gebäude ist in seiner spartanischen und minimalistischen Bauweise in Sichtbeton ist ein Zeitzeuge der Nachkriegszeit.

TokyoSkyTree

TokyoSkyTree (Foto: Sophie Kuhnt)

Des Weiteren analysierten wir unter anderem das Tragsystem des Tokyo Sky Tree, der mit einer Höhe von 634 m alle Gebäude der Skyline Tokyos bei weitem überragt und dennoch hinsichtlich der Erdbebensicherheit auf Grund seiner hybriden Bauweise als ein sehr sicheres Tragwerk gilt. Die Planung wurde von Obayashi Corporation (Ing.) und Nikken Sekkei (Arch.) übernommen.

Am zweiten Tag stand die St. Mary‘s Cathedral von Tsuboi und Tange auf dem Programm. Das Gebäude bot uns durch seine Form bestehend aus hyperbolischen Paraboloidschalen aus Sichtbeton ein besonderes Raumgefühl und interessante Perspektiven und bot Anlass über die Beziehung zwischen Form und Konstruktion zu diskutieren. In Ginza-Nähe zwischen den Hochhäuserschluchten befindet sich das Garden and House von Alan Burden (Ing.) und Ryue Nishizawa (Arch.). Dieses etwas versteckte fünfstöckige Stadthaus ist gartenartig bepflanzt und bietet seinen Bewohnern ein Leben im Grünen.

St Marys

St Marys (Foto: Sophie Kuhnt)

Die Exkursionsgruppe durfte der Einladung des ansässigen Ingenieurbüros, Nippon Engineering, folgen. Das Büro präsentierte einige aktuelle Projekte. Es wurden uns dort unter anderem aufwendige 3D Berechnungen von Tsunamiüberschwemmungen sowie Erdbebensimulationen präsentiert. Dieses vergegenwärtigte uns die Problematik der Naturkatastrophen der die Ingenieure in Japan begegnen müssen. Der Abend endete mit einem Vortrag von Prof. Mitsuhiro Kanada an der Tokyo University of the Arts und anschließender Diskussion mit Shigeru Hikone (Arup Japan). Dabei wurde uns anhand von Projekten über die Arbeitsweise von japanischen Ingenieuren und Architekten berichtet. Der dritte Tag führte uns vormittags auf eine Baustelle von Sasaki (Ing.) und Toyo Ito (Arch.), auf der ein Schalentragwerk aus Ortbeton für ein Krematorium hergestellt wurde. Nachmittags empfing uns das Digital Fabrication Lab an der University of Tokyo. Dort und beim anschließenden Abendvortrag von Prof. Jun Sato wurden uns Einblicke in dortige Forschungsschwerpunkte unter anderem zu den Themen Parametric Design und Formoptimierung gegeben.

Am 28. September besuchten wir die IASS, dort konnten wir den ganzen Tag verschiedenen Vorträgen beiwohnen und uns an Diskussionen mit Fachleuten beteiligen. Am folgenden Tag begrüßte uns Prof. Yozo Fujino von der Yokohama National University, Assoc. Prof. Tomonori Nagayama und Emeritus Prof. Manabu Ito mit ihren Studierenden am Bridge and Structure Laboratory der University of Tokyo. Neben einem gemeinsamen Seminar zu Forschung und Lehre ließ man die gesamte Exkursionsgruppe im geräumigen Windkanal hohe Windbelastungen am eigenen Leibe spüren. Im Anschluss begleitete uns Dr. Akio Kasuga von Sumitomo Mitsui Construction auf einer Busfahrt zum Okegawa Viadukt, einer Straßenbrücke in Fertigteil-Segmentbauweise mit vorgespannten „Butterfly Webs“. Anschließend wurden wir noch in die Geschäftsstelle von Sumitomo Mitsui eingeladen und man erläuterte uns die Besonderheiten der „Butterfly-Webs“. Am kommenden Tag fuhren wir mit dem Schinkansen von Tokyo aus weiter nach Süden. Die erste Station war die Shiosai Bridge für Fuß- und Radverkehr mit einem Spannband aus Spannbeton, welche auch von Sumitomo Mitsui Construction geplant wurde und direkt am Strand des Pazifischen Ozeans steht. Am gleichen Tag wurde noch der Minna No Mori Media Cosmos in Gifu besichtigt, wobei hier das Dachtragwerk aus einer doppelt gekrümmte Holzstruktur im Mittelpunkt stand. Arup übernahm hierbei die Ingenieurleistung und Toyo Ito die des Architekten. Am Abend erreichten wir Hiroshima.

Am folgenden, dem 7. Tag waren wir an der Kintai-kyo Bridge, das 1673 von Yoshikawa Hiroyoshi erdacht und erstmals errichtete Holztragwerk wird zur Überlieferung der Bautradition nach einigen Jahrzehnten immer wieder neu errichtet. Vor der Besichtigung des historischen Tragwerks erläuterte uns Prof. Teruhiko Yoda die besondere Bauweise der Brücke mit japanischen Holzverbindungen. Er ermöglichte, dass wir anlässlich unseres Besuchs ein maßstäbliches Modell der Brücke zusammenbauen konnten. Durch das eigenhändige Zusammensetzen des Bogentragwerks wurde für uns die Tragstruktur detailliert begreifbar. Am Nachmittag führte uns die Exkursion ins Hiroshima Peace Memorial Museum von Kenzo Tange. An diesem Ort bekamen wir eine Ahnung vom unfassbaren Ausmaß der Zerstörungskraft einer Atombombe. Die Gedenkstätte zeigt ein differenziertes Bild der japanischen Geschichte und kritisiert den Militarismus der frühen Showa-Zeit.

Der nächste Tag führte uns von der Politik zurück zur Ingenieurbaukunst. Unsere Reiseroute – an diesem Tag per Bus – verlief über viele imposante Brücken, an welchen wir teilweise rasteten und uns deren Tragstruktur vergegenwärtigten. Unter anderem waren das die Tatara Brücke der Honshu-Shikoku Bridge Authority, die zeitweise längste Schrägseilbrücke der Welt oder die Bizen Hinase Bridge von Sumitomo Mitsui Construction, eine Extradosed Brücke, welche bezüglich ihres Tragsystems in ihrer Art in Deutschland noch nicht existiert. Unterwegs besuchten wir auch noch den Komoyo-ji Tempel, welcher uns eine spirituelle Seite der japanischen Kultur im Gewand modernen Architektur präsentierte. In der Formensprache der Gebetsstätte wurden historische Ansätze aufgegriffen und in die Gegenwart transformiert. Am vorletzten Tag besichtigten wir unter anderem die historische Tempelanlage des goldenen Tempels in Kyoto und spazierten durch einen Bambuswald. Am letzten Tag bildeten historische und moderne Baukunst den Abschluss der Exkursion: wir besichtigten die Himeji Burganlage und die Akashi-Kaikyo Bridge. Zuerst ließ uns das historische Gebäude in Himeji eintauchen in vergangene Epochen einer uns fernen Kultur.

An der Akashi-Kaikyo Bridge fand unsere Exkursion einen fulminanten Abschluss. Diese von Satoshi Kashima (Ing.) in Zusammenarbeit mit der Honshu Shikoku Bridge Authority geplante Hängebrücke verfügt mit ihren 1991m über die größte Spannweite weltweit. Der an diesem Tag vorbeiziehende Taifun erlaubte leider keine Besteigung der 283m hohen Pylone. Für die Rückreise nach Tokyo stiegen wir erneut in den Schinkansen, auch hier wurde uns wieder der japanische Ehrgeiz bei gleichzeitiger Präzision erfahrbar. Mit hoher Geschwindigkeit konnten wir somit wieder pünktlich zurück an unseren Start- und Zielbahnhof in Tokyo gelangen. Der volle Facettenreichtum unseres 10-tägigen Erlebnisses konnte innerhalb dieses kurzen Berichtes nur spärlich und in Auszügen wiedergegeben werden. Eine ausführlichere Beschreibung unserer ereignisreichen Exkursion mit zahlreichen eindrucksvollen Bildern kann unserem Guidebook entnommen werden, dieses wurde von den teilnehmenden Studierenden mit erstellt. Es ist in Form eines Reisebegleiters erschienen und kann von beiden Lehrstühlen bezogen werden.

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Datum 15. Februar 2017
Autor Lehrstuhl Massivabau, BTU Cottbus - Senftenberg / Lehrstuhl Entwurf und Analyse von Tragwerken, HCU Hamburg
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