momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Vermischtes

Werkbund ist eben Werkbund

Zwei Bände zu Geschichte und Aktualität des Deutschen Werkbundes: „bauen und wohnen“ – die geschichte der werkbundsiedlungen, Tübingen: Ernst Wasmuth Verlag 2016, 272 Seiten mit 260 teils farbigen Abbildungen, 17,5 x 25,5 cm, Hardcover, 39.00 €, ISBN 978 3 8030 0815 2 sowie: werkbundstadt am spreebord berlin, Berlin: jovis Verlag 2016, 240 Seiten, ca. 583 farb. und s/w Abb. und Pläne, 16,8 x 25,2 cm, Hardcover, 39.00 €, ISBN 978 3 86859 444 7

Nimm zwei, sei dem geraten, der nur einen der beiden den Bauten und dem Bauen des Deutschen Werkbundes gewidmeten Bände lesen möchte. Und es nimmt Wunder, dass die beiden Bände nicht im selben Verlag und zusammen erscheinen, denn sie gehören zusammen. Zu lesen sind sie unterdessen in der hier genannten Reihenfolge.

„Und er bewegt sich doch“, wäre ein gar zu mattes Wortspiel, die Arbeit des deutschen Werkbundes zu beschreiben, wiewohl es der Sache recht nahe käme. 2007, zum 100-jährigen Jubiläum des Werkbundes, hätten, so Albrecht Göschel, in „werkbundstadt …“, selbst prominente Mitglieder die Selbstauflösung empfohlen, ironisch aber gemutmaßt, es möchte dem Werkbund selbst dafür schon die Kraft fehlen (ebd. S. 50).

Nun ist aber der Werkbund Berlin wieder da, schlägt sich auch nicht mit der ewigen – und quer durch seine hundertjährige Geschichte beackerten – Frage, wie wir wohnen wollen herum, sondern verkündet im Vorwort zu „werkbundstadt …“, dem Band, der das Stadtteilprojekt am Spreebord vorstellt: „So wollen wir wohnen“. Und wer wissen möchte, wie es dazu kommt, der greife zu dem Band „bauen und wohnen …“, der in sieben längeren Beiträgen verschiedener Autoren die Geschichte des Werkbundes minutiös nachzeichnet.

Umschlag "WerkBundStadt"

Umschlag "WerkBundStadt" (Werkbund)

Mit der Frage, was der Werkbund sei, befasste sich schon Kurt Schwitters, einer der Mitbegründer des deutschen Dadaismus, mäßig erfolgreich aber ulkig: „Ich habe viele Herren und Damen darum gefragt. Die meisten sagten mir: “Werkbund, das ist eben Werkbund, da kann man nicht viel machen, das kann man nicht weiter erklären.” Andere sagten: “Werkbund ist Muthesius”. Aber das ist keine Definition.“ Schwitters’ Konklusion freilich spricht Bände und tut das nach Lektüre der beiden hier verhandelten noch immer: Niemand aber habe ihm eine wirkliche Definition des Wortes Werkbund geben können, „und scheinbar gibt es auch keine.“ (Aus: Die Zwanziger Jahre des Deutschen Werkbunds, Reihe: Werkbund-Archiv, Nr. 10, vgl. www.museumderdinge.de) Als jedenfalls der Werkbund 1907 in Form eines Zusammenschlusses aus Künstlern und Unternehmen gegründet wird, habe er mit den vorausgehenden 10 Jahren Inkubationszeit, so wollen es böse Zungen, seine schöpferischste Zeit schon hinter sich gehabt.

Gleichviel ist die Liste seiner Mitglieder das Who is Who deutscher Architektur und neben Hermann Muthesius sind als Mitbegründer Henry van de Velde, Peter Behrens, Theodor Fischer, Fritz Schumacher, Hans Poelzig, Bruno Taut und Friedrich Naumann zu nennen.

Weniger eine künstlerische Schule, heißt es zuweilen, als eher eine Lobby sei der Werkbund (gewesen). Kurt Schwitters persiflierte ihn nicht von ungefähr, wo es ihm und seiner Kunst zeitweise darum zu tun war, die Werbe- und Warenästhetik künstlerisch zu befördern. – In dem, was der Werkbund anstrebte, werde „die merkwürdige Einheit von ästhetischem und volkswirtschaftlichem Denken“ erkennbar. Im wilhelminischen Deutschland sei es möglich gewesen, „für Moral in der Warenästhetik zu plädieren und dabei gleichzeitig die Eroberung der Führungsrolle auf dem Weltmarkt anzuvisieren.“ (vgl.: Alchimie des Alltags, Reihe Werkbund-Archiv Nr. 15, www.museumderdinge.de).

In „bauen und wohnen …“ diskutiert Matthias Schirren die dem Siedlungsbau des Werkbundes zugrundeliegenden, stark divergierenden Städtebau-Ideen, die er mit Julius Posener als „das Janushafte des Werkbundes“ deutet, „die Gleichzeitigkeit von nach vorn Weisendem und Rückwärtsgewandtem“. Demgegenüber weist Schirren darauf hin, dass Werkbund-Siedlungen „immer im Spannungsfeld eines künstlerischen, im weitesten Sinne „bildenden“ Handelns standen. Hier kommt Mies van der Rohes berühmtes Wort vom „ästhetischen Spekulantentum“ ins Spiel, von dem das Bauen zu befreien sei. (vgl. „bauen und wohnen …“ S.13) Der Autor zeigt hier, dass Mies „genau jene Art der Stadtanalyse“ fortführe, „für die Camillo Sitte aber eben auch Adolf von Hildebrandt in den 1880er- und 1890er-Jahren … den Grundstein gelegt hatten“. Mies habe sie in seine Auffassung vom Städtebau integriert, den er letztlich … „à la Sitte als ‘bildende’ Kunst“ begriff, „ohne dabei allerdings einem bloß abbildhaften Stadtbegriff à la Heimatschutz aufzusitzen“. So habe Mies 1927 im Vorwort des Bandes „Bau und Wohnung“ darauf beharrt, dass das Problem der neuen Wohnung ein „baukünstlerisches“ sei und nur durch „schöpferische Kräfte“, „nicht aber mit rechnerischen oder organisatorischen Mitteln“ zu lösen sei (ebd. S. 23). Den Kommentar zum Monströsen des historischen Abstands zwischen diesem Wort und der heutigen (Städte)Bauauffassung in Zeiten von BIM, organisiert noch immer trefflich old Shakespeare im 4. Akt, 3. Szene von Romeo and Juliet: „a faint cold fear thrills through my veins“.

Wer sich nun aber das komplette, auf den 1927er Band im Titel anspielende, „bauen und wohnen …“ als Durchgang durch den gesamten städtebaulichen Diskurs des 20. Jhs. vornimmt, ist einerseits damit vorzüglich auf den Band „werkbundstadt …“ und die in ihm zur Darstellung gebrachten aktuellen städtebaulichen Ideen des Berliner Werkbundes für das 21. Jh. vorbereitet, kann sich aber einer noch von anderen Implikationen herrührenden „faint cold fear“ kaum entschlagen.

Umschlag "Bauen und Wohnen"

Umschlag "Bauen und Wohnen" (Werkbund)

Schirren sieht Hildebrands „Das Problem der Form in der bildenden Kunst“ als „wenn nicht sogar … wichtigste kunsttheoretische Schrift der Zeit um 1900“. Mit der in ihr bezogenen neoklassizistischen Position polemisiere Hildebrand „gegen die … von ihm als unorganisch empfundenen“ Formen „des Historismus und dessen rein äußerliche, schematische Formauffassung.“ Die bildhaft-räumlich gefassten Situationen, auf die man in Hellerau auch heute noch treffe, dürften eine wenigstens mittelbare Folge von Hildebrands Lehre sein. Zum Beschluss seines Aufsatzes folgert der Autor denn auch, es mache sich bemerkbar, „wie stark die Protagonisten der 1920er-Jahre noch in Kategorien der Jahrhundertwende dachten.“ Es habe erst „die Historisierung der Moderne seit den 1960er-Jahren“ diese Diskussion „gekappt, aber zugleich unter neuen Gesichtspunkten wiederentdeckt und wieder entdeckbar gemacht“. Während die Werkbund-Häuser im Karlsruher Dörfle und die Siedlung in Oberhausen-Altstaden die besten Beispiele dafür seien, werde nun mit der Werkbundstadt Berlin ein neues Kapitel in der Geschichte des Werkbundes und seiner Siedlungen aufgeschlagen (ebd. S. 25).

Wenn sich laut einem notorischen Wort Marxens Geschichte nicht wiederhole, es sei denn als Farce, dürfte für Kunst- und Architekturgeschichte das Nämliche gelten. Und so könnte das vom Berliner Werkbund aufgeschlagene neue Kapitel unter Umständen so neu nicht sein.

„So viel Stadt war lange nicht“ eröffnet die Deutsche Bauzeitung 12|2016 eine Rezension zu „werkbundstadt …“ und verweist damit gleich eingangs auf des Werkbundes Abkehr vom Siedlungsbau-Gedanken. Eine Stadt soll am Spreebord entstehen, bloß keine Siedlung. Das lässt erahnen, wie die Protagonisten der 2010er-Jahre noch auf die Kategorien der Moderne reagieren, wo nicht gar sich in ihnen ideologisch verfangen. Die 33 Architekturbüros, die für das Projekt untereinander sowie mit Politikern, Verwaltung, Fachplanern und Anwohnern diskutierten, zeigen in dem Band ihre Vorstellung eines „dichten urbanen“ Städtebaus am Spreebord – und: wenden sich damit gegen die Siedlungsbau-Positionen der Moderne, wie der Leser sie sehr ausdifferenziert in „bauen und wohnen …“ studieren kann.

Es dürfte indes sich allmählich herum gesprochen haben, dass verdichteter Wohnbau nicht der Weisheit letzter Schluss für das Problem wachsenden Flächenverbrauchs ist. Bereits 1997 hat etwa Thomas Sieverts in „Zwischenstadt“ herausgestellt, dass die Siedlungsfläche nur zum Teil aus Wohnbauland bestehe. Der Rest werde für Arbeit, Verkehr und Gemeinbedarf in Anspruch genommen. Könne man nun in einem solchen Nutzungsgefüge die durchschnittliche Wohndichte um die Hälfte erhöhen […], so sparte man doch an der Gesamtsiedlungsfläche nur etwas 10 – 12 % ein. (vgl. Jörg Seifert und Christoph Hild „Vorn die Ostsee, hinten die Friedrichstraße? Aktuelle Publikationen zum verdichteten Wohnen, www.litearturkritik.de)

Es brauche frische Ideen „für einen wirklich sozialen, gesellschaftlich inklusiven Wohnungsbau“ folgert die deutsche Bauzeitung. Andernorts werde auch längst an ihm gebaut. In Berlin könnte der Werkbund mit seinem reichen Erbe einen wichtigen Beitrag dazu leisten. Doch stattdessen verwerfe er es und verbeiße sich in einem retrospektiven Stadtbegriff. – Dass es in Sachen „retrospektiv“ immer noch bunter geht, zeigt Michael Mönninger in seinem Beitrag „Möglichkeiten des Beisammenseins“, in dem er gar noch im Projekt Werkbundstadt eine große Chance wittert: „Die Initialzündung für einen vertikalen Urbanismus …, der den Bürgern die Lufthoheit über ihre Stadt erschließt.“ (sic)

Bedauerlicherweise hat damit freilich die sich wiederholende Baugeschichte ihrer schlechten Zirkel noch nicht den letzten durchlaufen. – Dem Band „Werkbundstadt“ wäre mit Albrecht Göschels kultursoziologischen Anmerkungen „Das Einzelne und das Ganze“ ums Haar ein kritischer Beitrag unterlaufen. Was Posener das „Janushafte des Werkbundes“ nennt, fasst Göschel in dem „tiefen Widerspruch, der das Bürgertum des 19. Jhs. kennzeichne: Ordnung als Anpassung und Einordnung in ein Ganzes auf der einen, Selbstsouveränität als Recht des einzelnen Subjekts auf freie Selbstbestimmung auf der anderen Seite.“ Im frühen Werkbund stießen, so Göschel weiter, diese beiden Seiten des bürgerlichen Individuums in den Personen Hermann Muthesius’ – für die normative Ordnungsmoral – und Henry van de Veldes – für die Selbstsouveränität – heftig aufeinander. Während nun die alten Werkbund-Siedlungen die Priorität von Ordnung ausgedrückt hätten, stehe die Werkbundstadt für Expressivität ein und vollziehe damit einen gravierenden Bruch mit der stilistischen Tradition des Werkbundes. Göschel gelingt aber der dialektische Rittberger, indem er in dem Bruch Kontinuität ausmacht. So wie die alten Siedlungen ihre Zeit und Kultur, die der Industriegesellschaft, in Architektur manifestieren, so geschehe es in Hinsicht auf die Kultur des expressiven Individualismus’ bei der Werkbund-Stadt von 2016. Und wie jene verabsolutiere sie „ein Element bürgerlicher Kultur, nur eben das entgegengesetzte, nicht Ordnung, sondern Selbstsouveränität.“

Dass die Ästhetik der Entwürfe für die Werkbund-Stadt noch die alte Dichotomie aus Ordnung und Individualismus darin spiegelt, dass dem „üppig blühenden Entwurfsindividualismus der beteiligten Architekten der verwendete Ziegelstein als vereinheitlichende Stadtbildfolie einen Rahmen verleihen soll, hat die Deutsche Bauzeitung ausgemacht. Nicht aber fragt sie, was es mit Selbstsouveränität als Element bürgerlicher Kultur – in Gestalt kaum kaschierten Neoklassizismus’ als (Hildebrandsche …) Polemik gegen Moderne wie Postmoderne – auf sich habe in Zeiten, in denen der Bürger längst gesellschaftliches Auslaufmodell und das Wohnen ein provisorisches Phänomen ist.

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 10. Oktober 2017
Autor Burkhard Talebitari
Schlagwörter
Teilen facebook | twitter | Google+


...