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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Belgien?

Tunnelportal Liefkenshoek Antwerpen

Tunnelportal Liefkenshoek Antwerpen (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

5 Fragen an Sascha Boxheimer (Wayss & Freytag Ingenieurbau AG; Baustelle Liefkenshoek Eisenbahnverbindung Antwerpen) über seine Tätigkeit in Belgien.


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Was gefällt Ihnen am (Arbeits)Leben in Belgien besonders, was nicht?

Boxheimer

Das Arbeiten im flämischen Teil Belgiens ist nach meiner Erfahrung ähnlich wie in Deutschland. Man geht sehr respektvoll und verbindlich, zugleich aber sehr kollegial miteinander um.

Es gibt eigentlich immer eine Verständigungsmöglichkeit, da die meisten Belgier neben Ihren Landessprachen Flämisch (Flandern) und Französisch (Wallonien) ohnehin auch Englisch und teils Deutsch sprechen. Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nationalitäten ist folglich kein Problem, auch wenn man wegen der Schwierigkeiten zwischen Flamen und Wallonen anderes vermuten könnte. Auffallend ist die deutlich leisere Kommunikation in Besprechungen und die kompromissbereitere Konfliktlösung mit Auftraggebern und -nehmern.

 

Antwerpen Zoo

Antwerpen Zoo (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

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Was würden Sie dem raten, der in Belgien arbeiten möchte?

Boxheimer

Wer in Belgien erfolgreich arbeiten möchte, sollte offen sein für andere Sprachen und Kulturen und bereit sein, sich auf die etwas andere Art der Kommunikation einzustellen. Das Erlernen der Landessprachen wird honoriert und sorgt für eine andere Art der Einbindung in Arbeitsablauf und gesellschaftliches Leben.

Ausreichender Humor und die Fähigkeit zur Selbstironie schaden auch nicht, gilt doch der Deutsche oft als relativ humorlos. Wie beinahe überall im Ausland begegnet man als Deutscher oftmals zu Beginn unterschwelligen Vorbehalten. Daher empfiehlt sich eine gewisse Zurückhaltung im Auftreten. Den Respekt der Belgier muss man sich erst erarbeiten. Doch wenn dies erreicht ist, ist man gern gesehener Kollege.

 

Brüssel Atomium

Brüssel Atomium (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

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Wo sehen Sie in Ihrem Arbeitsfeld Dinge, die Sie in Belgien erst gelernt haben?

Boxheimer

Die Spielregeln und den Umgang mit Vertragspartnern muss man durch aufmerksames Beobachten und Zuhören herausfinden. Der sehr formale Umgang mit Geschäftspartnern im Fall von Schwierigkeiten, den man aus Deutschland kennt, ist in

Belgien anders – das ist manchmal positiv, manchmal aber auch anstrengend, mühsam und frustrierend. Nicht immer sind Entscheidungen offensichtlich begründbar; oftmals spielen andere, für uns hintergründige, Zusammenhänge eine Rolle, was aber keinesfalls etwa auf verbotenen Absprachen hindeutet.

 

Wissenswertes zum belgischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick

Erforderliche Papiere:
Bei Entsendung aus Deutschland: A1- Formular (Bestätigung der Abführung von Sozialabgaben), Limosa-Bescheinigung, bei Anstellung in Belgien: keine besonderen Bescheinigungen

Praktische Hinweise für Einreise und Alltag:
Wohnungssuche (SCHUFA Auszug und Leumund vorteilhaft); Ein Umzug ist auf Grund der EU-Mitgliedschaft unkompliziert, ebenso der Zahlungsverkehr.

Offene Stellen in welchen Bereichen:
Offene Stellen für Bauingenieure und generell im Baugewerbe vorhanden. Der Arbeitsmarkt im Baugewerbe ist für gut ausgebildete Spezialisten sehr interessant.

Gehälter:
Bruttogehälter im Baugewerbe für Angestellten geringfügig weniger als in Deutschland. Ca. 13 % des Gehaltes bei Angestellten für Sozialversicherungen. Der Rest bildet das zu versteuernde Einkommen; progressiver Lohnsteuersatz zwischen 25 und 50%. Entsendete Deutsche fallen unter das Doppelbesteuerungsabkommen, Sozialabgaben werden dann weiterhin in Deutschland abgeführt.

 

Durchschlag TBM Süd Liefkenshoek

Durchschlag TBM Süd Liefkenshoek (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

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Wo ergeben sich trotz kultureller Nähe Schwierigkeiten, wo daraus Vorteile?

Boxheimer

Die Verständigung mit den flämisch sprechenden Belgiern stellt überhaupt kein Problem dar, insbesondere wenn man deren Sprache mächtig ist. Mein Eindruck war, dass die Belgier die Art der Deutschen schätzen und man jederzeit willkommen ist. Möglicherweise bestehen bei den älteren Generationen auf Grund der Historie noch immer gewisse Vorbehalte, die zunächst für eine gewisse Zurückhaltung sorgen. Manchmal hat man vielleicht auch ein bisschen Angst vor dem politisch übermächtig wirkenden Deutschland.

 

Antwerpen Grote Markt

Antwerpen Grote Markt (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

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Würden Sie wieder nach Belgien gehen?

Boxheimer

Wenn es sich familiär einrichten lassen würde, ja. Der Lebensstandard in Belgien ist ähnlich hoch wie in Deutschland, dies betrifft neben der Versorgung mit Lebensmitteln auch den Standard z.B. bei der Krankenversorgung, Wohn- und Einrichtungsgegenständen, Kleidung aber auch der Kinderversorgung. Konsumgüter sind auf Grund der höheren Steuerabgaben etwas teurer als in Deutschland.

Kulinarisch, kulturell und sportlich ist Belgien äußerst vielfältig und daher sehr zu empfehlen; auch die Nähe zur Nordseeküste eröffnet zusätzliche Freizeitmöglichkeiten. Auf Grund der ähnlich gelagerten Mentalität der Flamen ist auch hier die „geistige“ Entfernung nach Deutschland nicht sehr groß und ein erfolgreiches Einleben erzeugt kaum Schwierigkeiten.

 

Antwerpen Stadhuis

Antwerpen Stadhuis (Foto: Wayss & Freytag Ingenieurbau AG)

Auf ein Wort:

Das Leben und Arbeiten in Belgien ist ausgesprochen angenehm. Kontakt zu Belgiern entsteht leicht, besonders wenn man ihre Sprachen spricht. Kulturell und kulinarisch ist Belgien nicht nur wegen der „Vlaamse frietjes“ absolut zu empfehlen, dies gleicht so manchen trüben Tag im Frühjahr und Herbst aus.
Belgier sind den offenen Umgang mit vielen anderen Nationalitäten und Kulturen schon auf Grund des EU-Parlaments in Brüssel gewohnt. Zurückhaltung zu Beginn, aufmerksames Zuhören und das Aufnehmen der landestypischen „Spielregeln“ ist meiner Ansicht nach eine wichtige Eigenschaft für ein erfolgreiches Arbeiten in Belgien.

 

 

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Datum 6. Oktober 2012
Autor Burkhard Talebitari
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