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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Kanada?

Dipl.-Ing. Kilian Karius, P.Eng. MIEAust CPEng

Dipl.-Ing. Kilian Karius, P.Eng. MIEAust CPEng (Foto: Leonhardt, Andrä und Partner)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Kilian Karius (Projektleiter bei Leonhardt, Andrä und Partner) über seine Tätigkeit in Kanada.


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Wie würden Sie Ihre Aufgabe und Rolle als Prüfingenieur am Projekt Golden Ears Bridge im Unterschied zu vergleichbarer hiesiger Tätigkeit beschreiben?

Karius

Der hiesige, durch ein besonderes Anerkennungsverfahren qualifizierte, freiberufliche Prüfingenieur ist eine deutsche Besonderheit, die in dieser Form weltweit kaum praktiziert wird. In Kanada findet eine Prüfung der Planung meist nur hausintern statt, ergänzt durch ein auf das Entwurfskonzept begrenztes‚ ,Peer Review‘. Der beruflichen Qualifikation des verantwortlich unterzeichnenden‚ ,Professional Engineers‘, der nicht nur durch den Hochschulabschluss, sondern durch eine besondere Prüfung nach entsprechender Berufserfahrung verliehen wird, kommt dabei eine größere Bedeutung zu. Bei größeren PPP Projekten (zunehmend auch bei kleineren Projekten) hat sich indes international der ‚Independent Checking Engineer‘ etabliert. Dieser kann auch ein Ingenieurbüro sein und wird entweder direkt vom Bauherrn oder auf Wunsch des Bauherrn vom ausführenden Baukonsortium bestellt. Er prüft unabhängig in dem Sinne, dass nur Zeichnungen, Normen, Spezifikationen herangezogen werden, nicht aber die Berechnungen des Aufstellers. Am Projekt Golden Ears Bridge war Leonhardt, Andrä und Partner von einem Joint Venture aus Bilfinger Berger (Canada) Inc. und CH2M Hill mit dieser Aufgabe betraut, und ich selbst war der alleinige Vertreter meiner Firma vor Ort. Ich habe Vergleichsberechnungen durchgeführt, aber zu einem größeren Anteil die Ergebnisse unseres Stuttgarter Büros präsentiert und die Prüfung insgesamt koordiniert. So war ich direkter in das Geschehen eingebunden, als es mir bei einer Prüfung in Deutschland möglich gewesen wäre.


Golden Ears Bridge

Golden Ears Bridge (Foto: J. Borelli/Bilfinger Berger (Canada) Inc.)

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Arbeit ist das eine, Freizeit das andere. Wie stellte sich das Verhältnis zwischen beidem in Britisch Columbia dar?

Karius

Der Freizeitwert British Columbias ist natürlich unerreicht, Hartgesottene fahren morgens Ski und tauchen nachmittags im Pazifik. Wenn nur die Arbeit nicht wäre, denn große Infrastrukturmaßnahmen wie das Projekt Golden Ears Bridge sind zeitlich straff durchorganisiert und erlauben den verantwortlich Beteiligten keine Ausschweifungen. Hinzu kommt die Zeitverschiebung über zwei Kontinente hinweg: irgendjemand ist immer wach oder hat keinen Feiertag. Dennoch verbleibt eine Neugier an diesem ungewohnten Ort, die zur guten Nutzung der Freizeit beflügelt – und der Skilift in Cypress schließt ja erst um 22 Uhr!


Pylonherstellung

Pylonherstellung (Foto: Golden Crossing Constructors Joint Venture)

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Welche Bedeutung kommt dem Bauingenieurwesen allgemein und dem deutschen im Besonderen in Kanada zu?

Karius

Ingenieure/Ingenieurinnen haben einen gefühlt sehr hohen Stellenwert in der Gesellschaft. Dazu tragen auch die mächtigen und gut vernetzten Engineering Associations bei, die den Beruf regulieren, aber auch nach außen hin aktiv repräsentieren und bewerben. Zudem schaffen die Unis einen Mythos: ‚The Calling of an Engineer‘ – eine Zeremonie, bei der den Absolventen ein eiserner Ring verliehen wird (der Sage nach ist dieser geformt aus dem Stahl der 1907 eingestürzten Quebec Bridge, der eine besondere Bedeutung in der Geschichte des kanadischen Ingenieurbaus zukommt). Dieser Ring soll den werdenden Ingenieur an die Pflichten seines Berufsstandes erinnern, wirkt nach außen hin aber durchaus auch respekteinflößend. Wortschöpfungen wie ‚The Engineer‘ / ‚The Engineer of Record’ erzielen eine ähnliche Wirkung.

In Deutschland ausgebildete Bauingenieure und -ingenieurinnen genießen einen Vertrauensvorschuss insofern, als ihre technische Qualifikation ohne jeden Zweifel vorausgesetzt wird. Doch wird ein deutscher Hochschulabschluss nicht automatisch anerkannt und berechtigt auch nicht zum Führen des Titels ‚Engineer‘. Im Selbstbild empfand ich uns Europäer als erfrischend und etwas hemdsärmlig, weniger belastet von Gedanken an Regulierung und Schadensersatzklagen.

 


Wissenswertes zum kanadischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere: 
Deutsche Staatsangehörige benötigen für touristische oder geschäftliche Aufenthalte bis zu sechs Monaten kein Visum. Die visumfreie Einreise als Besucher gestattet allerdings nicht das Arbeiten und das Studieren in Kanada, hierfür ist ein Visum bzw. eine Arbeitserlaubnis erforderlich. Auskünfte erteilen Immigration Canada und die kanadische Botschaft. Leichter tut sich, wer auf die Unterstützung seines zukünftigen kanadischen Arbeitgebers bauen kann.
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag
: Es gelten strenge Einfuhrvorschriften für Lebensmittel, an die man sich unbedingt halten sollte. Weitestgehend untersagt ist auch der Genuss von Alkohol in der Öffentlichkeit.
 Das Angebot an Wohnraum im ‚Lower Mainland‘ ist insgesamt gut, neben WG’s und Wohnungen (möbliert oder unmöbliert) bieten sich auch Bed & Breakfast oder das Verweilen bei einer Gastfamilie an.
In Supermärkten oft deutliche Rabatte mit Kundenkarte. Preisangaben verstehen sich zzgl. MwSt.
  • offene Stellen in welchen Bereichen
: Der Markt hat sich in den letzten Jahren verschlechtert: ohne Arbeitserlaubnis und ohne Zulassung ist die Suche tendenziell schwierig.
  • Gehälter
: Die Ingenieurvereinigung APEG BC stellt auf deren Webseite unter der Überschrift ‚Compensation Survey‘ eine Auflistung durchschnittlicher Grundgehälter bereit. Zusatzleistungen in Form von Versicherungen und Prämien können dieses relativieren.
  • Steuern: 
In der Einkommensteuerbelastung bewegen sich Deutschland und Kanada auf ähnlichem Niveau. Es besteht ein Doppelbesteuerungsabkommen.

 

Golden Ears Bridge, Freivorbau

Golden Ears Bridge, Freivorbau (Foto: Kilian Karius)

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Wie sieht das Verhältnis zwischen Planung und dem Baustellengeschehen aus?

Karius

Das nordamerikanischen Planungsbüros anhaftende Stigma, nicht ausreichend an das Baustellengeschehen angebunden zu sein, habe ich nicht bestätigt gefunden. Zugegeben mag ein Design-Build Projekt wie die Golden Ears Bridge systembedingt ein besonders leuchtendes Beispiel sein, aber auch bei konventionell vergebenen Projekten scheinen Alteingesessene dazugelernt oder Junge die Lücken erobert zu haben.


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Was nehmen Sie aus Ihrer Arbeit in Kanada für Tätigkeiten in anderen Ländern mit?

Karius

Die Auslandserfahrung vereinfacht und ermöglicht nicht nur die Bearbeitung von Nachfolgeprojekten, sondern dient darüber hinaus als Schlüssel zu anderen internationalen Projekten. Ich habe beruflich und persönlich sehr von meinem Aufenthalt in Kanada profitiert und nutze diese Erfahrungen tagtäglich, derzeit vor allem in Schottland und Australien. Wer sich einmal auf eine etwas andere ingenieurtechnische Sicht der Dinge eingelassen hat, wird Gewohntes eher hinterfragen, aber manches Mal auch seine Wertschätzung des heimatlichen Bauingenieurwesens neu entdecken.

 

Skyline von Vancouver

Skyline von Vancouver (Foto: Tourism Board Vancouver)

Auf ein Wort:

Partnering Session, damit begann mein fast zweijähriger Aufenthalt gleich am Tag nach der Ankunft. Was da auf mich zukam, wusste ich nicht, nur dass Schlips vorgeschrieben sei. So fragte ich unsere Sekretärin Jeanette, was es denn damit auf sich habe und sie erwiderte ‚You will hold hands and dance and hug and sing…‘. Nun ja, so klug wie zuvor machte ich mich rechtzeitig und mit Schlips auf den Weg, und setzte mich an einen der hintersten Tische neben einen Herrn, der von der Sinnhaftigkeit dieser Veranstaltung auch nicht restlos überzeugt schien – wir tauschten uns entsprechend aus. Das absehbare Ziel war natürlich, uns als Projektteam zusammenzuschweißen, und als Zeichen unserer neuen Verbundenheit durften wir sogleich unsere Schlipse ablegen! Anschließend fand man sich in Gruppen zusammen und dachte sich frei erfundene Probleme aus, die dann in einem Rollenspiel freundschaftlich, respektvoll gelöst wurden. Obwohl ich nicht alles verstehen konnte (manche Zungenschläge bereiteten mir zu Beginn Probleme), zweifelte ich doch stark an meiner Entscheidung, für einen längeren Zeitraum hier in Kanada zu arbeiten.
Aber ich war doch am rechten Ort – Folgeveranstaltungen wurden kurzerhand abgesagt und zahlreiche BBQ’s erledigten das ihre. Den Herrn vom hintersten Tisch traf ich bei der Feier zum Spatenstich wieder, und wieder standen wir in der letzten Reihe. Plötzlich schritt er nach vorne an das Rednerpult und hielt die Festrede – er war der Project Director!
Es sei gesagt, dass der in Nordamerika häufig praktizierte ‚Partnering Approach‘ durchaus seine Berechtigung hat und die Zusammenarbeit zwischen Projektbeteiligten erleichtern kann. Manchmal bewegen ein Burger und ein Bier aus der Region aber eben mehr als der beste Showmaster!

 

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Datum 11. Oktober 2012
Autor Burkhard Talebitari
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