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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Singapur?

 Nach Eröffnung – Blickwinkel von der Orchard Road mit MRT-Eingang im Vordergrund

Blickwinkel von der Orchard Road mit MRT-Eingang im Vordergrund (Foto: MERO Construction Systems)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Reinhard Leicht (Director MERO Construction Systems) über seine Tätigkeit in Singapur.


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Die Ion Orchard Shopping Mall, die heute in jedem Singapur-Reiseführer zu finden ist, entstand unter Ihrer Projektleitung zwischen 2007 und 2009. Was war für Sie der spannendste Aspekt an diesem Projekt?

Leicht

Für mich persönlich handelte es sich um mein erstes Projekt im Ausland. Glücklicherweise kann ich mich mit der asiatischen Mentalität von jeher sehr gut identifizieren, was mir bei der Zusammenarbeit vor Ort sehr hilfreich war.
Gleichzeitig handelte es sich bei diesem Projekt eines Einkaufszentrums um ein atemberaubendes Gebäude mit einer diffizilen Fassade und einem Freiform-Vordach mit Baumstützen. Der technische Anspruch war somit auch Ansporn.
Wie sich während der Bauzeit herausstellte, waren die Augen von ganz Singapur auf dieses Projekt gerichtet, das hinsichtlich Größe und Technik einen Meilenstein unter den zahlreichen Shoppingmalls an der Orchard Road darstellt. Nach Fertigstellung gewann das ION Orchard mehrere Awards, unter anderem als innovativste Mall Asiens.


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Opfergabe auf dem Dach – Gebet zum Schutz der Monteure während der Arbeiten

Opfergabe auf dem Dach – Gebet zum Schutz der Monteure während der Arbeiten (Foto: MERO Construction Systems)

Ihr Büro ist seit 25 Jahren in Singapur. Welche Kompetenzen – technisch wie menschlich – halten Sie auf diesem Markt für unabdingbar?

Leicht

Was MERO Asia Pacific von anderen Unternehmen unterscheidet ist zweifelsfrei die Bindung zwischen Mitarbeitern und Unternehmen. Die übliche Mentalität, in einem Unternehmen nur für die Dauer eines Projektes zu arbeiten,
wird dort nicht praktiziert. Viele Mitarbeiter arbeiten für MERO schon seit sehr langer Zeit. Dies ist ein großer Vorteil bei der Projektarbeit.
Alle technische Erfahrung wurde dort seit 25 Jahren stetig vorangebracht und Neuerungen sowie Entwicklungen zwischen Tochterunternehmen und Hauptsitz in beide Richtungen ausgetauscht.

 

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Welche Rolle spielt die Bürokratie in einem Staat wie Singapur – und: gibt es da zuweilen auch politische Unwägbarkeiten?

Leicht

Man mag es ja kaum glauben, aber die bürokratischen Hürden sind teilweise sehr grotesk und überbieten selbst unsere in Deutschland. Leider hat man den Eindruck, dass es hauptsächlich darum geht, penibel genau Vorschriften umzusetzen und dass man deren Entstehung in keiner Weise versteht. Aber MERO ist, als weltweit tätiges Unternehmen, daran gewöhnt, mit lokalen Gegebenheiten umzugehen.

 

Wissenswertes zum singapurischen Bau-Arbeitsmarkt/

Interessante Links zu erforderlichen Papieren, praktischen Hinweisen für Einreise und Alltag, offene Stellen, Gehälter etc.:


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Ansicht von der Paterson Road während der Verglasungsarbeiten

Ansicht von der Paterson Road während der Verglasungsarbeiten (Foto: MERO Construction Systems)

Deutsche Ingenieure in Singapur – ist das hohe Ansehen, das sie genießen, in der täglichen Arbeit immer nur von Vorteil?

Leicht

Für mich persönlich war es ein Vorteil, als deutscher Ingenieur in Singapur zu arbeiten. Von einem deutschen Ingenieur wird deutlich mehr erwartet als von lokalen Ingenieuren. Das zeigt sich etwa während Meetings, bei denen man dann doch sehr schnell die Führung über­nehmen muss – und auch sollte. Die eigenen Aussagen werden ganz anderes gewertet, als die von lokalen Kollegen. Aussagen von mir wurden nicht mehr hinterfragt. Einerseits um sich keine Blöße bezüglich des eigenen Fachwissens zu geben, andererseits wegen des Respekts vor deutscher Ingenieurkunst. Mithin übernimmt man natürlich auch deutlich mehr Verantwortung. Durch das enorme Ansehen ist es aber auch einfacher, die Interessen der eigenen Firma durchzusetzen, was doch oft sehr vorteilhaft ist.


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Wenn Sie die Qualitätsstandards bei Arbeit und Bauausführung hierzulande und dort vergleichen – gibt es da große Unterschiede?

Leicht

Die Qualitätsunterschiede zwischen Europa und Asien sind definitiv vorhanden. Wobei für MERO von Seiten der Bauherrschaft an sich ein anderer Maßstab angelegt wurde. Von uns als Premiumhersteller wurde erwartet, dass wir deutsche Wertarbeit liefern.
Die Unterschiede in Ausführung und Qualität haben jedoch auch klimatische Ursachen. In Singapur gibt es keine Jahreszeiten. Die Ansprüche an Wärmedämmung, wie in Europa, sind demzufolge nicht so hoch.

 

Singapur

Singapur (Foto: MERO Construction Systems)

Als ich die Auftragsunterlagen damals für das Projekt ION Orchard als Projektleiter übergeben bekommen habe, dachte ich mir insgeheim: „Glück gehabt“. Asien hat mich schon immer sowohl kulturell als auch geschichtlich interessiert. Aus meiner Schulzeit hatte ich den Begriff „Tigerstaaten“ im Hinterkopf – aufstrebende Staaten in Süd-Osten Asiens. Da auch von Beginn an klar war, dass ich bald zu den ersten Meetings nach Singapur reisen werde, kaufte ich mir gleich einen Reiseführer, um wieder auf aktuellen Stand zu kommen. Beim Lesen stellte ich dann erstaunt fest, dass sich Singapur, seit meiner Schulzeit noch positiver entwickelt hat, als damals erwartet und dass es jetzt einen sehr hohen Standard in allen Bereichen hat.
Natürlich hört man immer Geschichten, dass die Gesetze dort sehr streng sind und Verstöße gegen sie gleich mit hohen Geldstrafen geahndet werden. Aber mal ehrlich – Kaugummis auf dem Gehweg ausspucken und Müll wegwerfen – muss doch auch wirklich nicht sein, oder? Also hatte ich damit auch keinerlei Problem.
Interessant war freilich die Aussage der Boardcrew kurz vor der Landung, dass Drogenbesitz mit „harten“ Strafen belegt werde – eine seltsame Untertreibung für uns, die Todesstrafe als nur „harte Strafe“ zu betrachten …
Meine hohen Erwartungen wurden dann nach der Ankunft durchgehend bestätigt. Die Freundlichkeit der Kollegen vor Ort und aller am Bau Beteiligten war für mich mehr als nur sehr angenehm. Aus Kollegen sind im Laufe der Arbeit Freunde geworden. Und was mir stets in angenehmer Erinnerung bleibt, ist tatsächlich die Sauberkeit in Singapur … weshalb ich alles in allem sagen kann, dass Singapur für mich ein zweites Zuhause geworden ist.

 

 

 

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Datum 21. März 2013
Autor Burkhard Talebitari
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