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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Algerien?

Prof. Dr.-Ing. Jan Akkermann, Professur für Infrastructure Engineering - Hochschule Karlsruhe, Geschäftsführender Gesellschafter - Krebs und Kiefer, Beratende Ingenieure für das Bauwesen GmbH

Prof. Dr.-Ing. Jan Akkermann, Professur für Infrastructure Engineering - Hochschule Karlsruhe, Geschäftsführender Gesellschafter - Krebs und Kiefer, Beratende Ingenieure für das Bauwesen GmbH (Foto: Krebs und Kiefer)

Fünf Fragen an Prof. Dr.-Ing. Jan Akkermann (Geschäftsführender Gesellschafter, Krebs und Kiefer, Beratende Ingenieure für das Bauwesen GmbH) über seine Tätigkeit in Algerien.

 

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Ihr Büro hat den Sprung nach Algerien von einem bereits etablierten Büro in Tunesien aus geschafft – war das ein Vorteil und wie gelang die Gründung überhaupt?

Akkermann

Sicher ist es ein Vorteil, wenn man sich im arabischen Kulturraum bereits auskennt, der sich einerseits durch Offenheit und Leidenschaft im Dialog, andererseits durch Jahrhunderte alte Traditionen auszeichnet. Im frankophonen Algerien ist Kommunikation sehr wichtig. Französisch ist dort die Sprache der Technik; die Verwaltung ist nach wie vor sehr an der ehemaligen Kolonialmacht orientiert. Der Aufbau der eigenen Niederlassung gelang uns daher auch nur durch die Einstellung überwiegend algerischen Personals – bis hin zum dortigen Geschäftsführer. Ferner war es uns noch möglich, ein komplettes Tochterunternehmen zu gründen. Mittlerweile müssen algerische Firmen mehrheitlich in algerischer Hand sein.

 

Krankenhaus Blida

Krankenhaus Blida (Foto: Krebs und Kiefer)

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Welche Bedeutung kommt dem Bauingenieurwesen allgemein und dem deutschen im Besonderen in Algerien zu?

Akkermann

Als Schwellenland mit einem aus Erdöl- und Erdgasvorräten finanzierten Staatshaushalt prosperiert Algerien in allen Bereichen der Infrastruktur wie z.B. Verkehr, Wohnungsbau und medizinischer Versorgung. Das Bauwesen hat daher eine sehr starke gesellschaftliche Bedeutung. Der Bauingenieur genießt hohes Ansehen und ist dem Architekten gleichgestellt. Deutsche Ingenieure werden wegen ihres technischen Knowhows, aber auch ihrer stringenten Projektabwicklung geschätzt; vor allem, weil sich Projektprozesse und -entscheidungen in Algerien mitunter langwierig gestalten.

 

Große Moschee von Algerien

Große Moschee von Algerien (Foto: KSP Jürgen Engel Architekten, Krebs und Kiefer)

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Thema Erdbebensicherheit in einem stark gefährdeten Land – wie geht man damit um?

Akkermann

Die hohe Gefährdung im dicht besiedelten Norden greift tief in den Entwurfsprozess von Bauwerksstrukturen ein. Die Erdbebensicherheit hat einen höheren Stellenwert als die architektonische Gestaltung, welche sie stark beeinflusst. Hierbei ist die jeweilige Leistungsfähigkeit der vielen internationalen Baufirmen in einem Schwellenland zu beachten. Bautechnische Lösungen aus Industrienationen sind nur bedingt anwendbar. Es lässt sich jedoch in den letzten Jahren ein starker Wille zur Weiterentwicklung feststellen, der sich z. B. bei aktuellen Großprojekten in der Verwendung der neuen Eurocodes und ausgefeilten Erdbebensicherungssystemen, wie z.B. Basisisolatoren, widerspiegelt.

 

Wissenswertes zum algerischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere: 
Für die Einreise wird prinzipiell ein Visum benötigt, welches die algerischen Botschaften ausstellen. Für längere Aufenthalte und Anstellung vor Ort ist ferner eine Arbeitserlaubnis und Aufenthaltsgenehmigung erforderlich. Für den Visumantrag sind u.a. eine Auslands-Krankenversicherung und ein mindestens 6 Monate gültiger Reisepass nachzuweisen.
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: 
Vor Abreise empfiehlt sich eine angepasste Impfung mit Dauerschutz. Die Einreise erfolgt zumeist über Algier per Flugzeug. Neben langwierigen Visakontrollen sind Sicherheitskontrollen – insbesondere bei der Ausreise – auffällig. Überhaupt sind die vielen Sicherheitskontrollen im Alltag (Straßenkontrollen, Hotels, Behörden usw.) der allgemeinen Sicherheitslage geschuldet. Dafür fühlt man sich im Großraum Algier sicher. Wenn man nicht in einem der – knappen und daher relativ teuren – Hotels für Ausländer unterkommt, kann man sich auch auf dem Wohnungsmarkt – in den für Ausländer relativ sicheren aber ebenfalls auch teuren Stadtvierteln – ein Apartment suchen. Alle Hotels sind i.d.R. mit gängiger Telekommunikation (WiFi, Internet) ausgestattet. Handy- und Datenroaming ist sehr teuer; es empfiehlt sich die Organisation einer lokalen Handykarte. Die Verpflegungskosten liegen – abgesehen von den Businessrestaurants – weit unter dem deutschen Niveau. Wesentliche Transportmittel vor Ort sind Taxi, angestellte Fahrer oder das gemietete Auto.
  • offene Stellen in welchen Bereichen: 
Prinzipiell werden von deutschen oder internationalen Unternehmen immer Mitarbeiter gesucht, die bereit sind, vor Ort Bauprojekte über einen längeren Zeitraum zu betreuen. Auch sind auf die Situation vor Ort spezialisierte Berater (z.B. Baugrund, Baumaterialen, Baumanagement) sehr gefragt.
  • Gehälter: 
Das Gehaltsniveau in Algerien selbst liegt weit unter dem deutschen. Allerdings kommt für deutsche Arbeitnehmer i.d.R. nur eine Anstellung bei einem internationalen Unternehmen infrage. Hier wird der Auslandseinsatz oft durch Zulagen besser vergütet als die Tätigkeit im Mutterland.
  • Steuern
: Als Planer ist neben der Ertragssteuer IBS auch die Umsatzsteuer TVA zu entrichten. Sofern man nicht in Algerien ansässig ist, kann alternativ eine Quellensteuer einbehalten werden.

 

Große Moschee von Algerien, Minarett

Große Moschee von Algerien, Minarett (Foto: KSP Jürgen Engel Architekten, Krebs und Kiefer)

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Eine Moschee baut man nicht alle Tage – was ist für Sie das ganz Besondere an dem Projekt?

Akkermann

Die Planung und Überwachung der sich derzeit im Bau befindenden, weltweit drittgrößten Moschee für 32.000 Gläubige mit dem dann höchsten Minarett der Welt – quasi ein Hochhaus – ist nicht nur in Algerien eine Herausforderung. Hier galt es neben der gestalterischen Auseinandersetzung mit dem Islam im maghrebinischen Kontext, auch die Erdbebensicherheit mit den lokalen bautechnischen Mitteln in Einklang zu bringen. Das Bauwerk wird nun mit deutscher Planung und Bauüberwachung, unter algerischer Bauherrenregie, mit kanadischer Projektsteuerung von einem chinesischen Generalunternehmer gebaut. Internationaler geht es kaum.

 

Al Salam Bank, Algier

Al Salam Bank, Algier (Foto: Krebs und Kiefer)

momentum

Was nehmen Sie für Ihre Arbeit aus den Projekten in Algerien mit?

Akkermann

Wenn man sich auf deutsche Gepflogenheiten und Planungsrandbedingungen versteift, kommt man in Algerien – wie auch in vielen anderen Teilen der Welt – nicht weiter. Nur mit Offenheit für die Landeskultur, viel (französischer) Kommunikation und Gelassenheit nach dem Motto „Inschallah“ erreicht man langsam aber stetig einen Fortschritt. Der Vorsprung im technischen Wissen, den man vielleicht aus der eigenen Projekterfahrung mitbringt, darf nicht zur Subjektivität oder gar zur Überheblichkeit führen. Man kennt eben doch nicht immer alle Planungsrandbedingungen vor Ort so gut wie zuhause.

 

Forensisches Institut Algier

Forensisches Institut Algier (Foto: Heinle, Wischer und Partner, Krebs und Kiefer)

Auf ein Wort:

Algerien ist uns Europäern eigentlich ganz nah aber doch wieder fern. Die Spannung aus wirtschaftlicher Aufbaustimmung in einer immer noch durch die französische Kolonialzeit europäisch geprägten Gesellschaft und die Exotik des schon „anderen Kontinents“, verbunden mit der Herausforderung, unter den vorhandenen technischen und wirtschaftlichen Gegebenheiten die Infrastruktur mit weiterzuentwickeln, übt auf einen Bauingenieur einen großen Reiz aus. Hierbei wird der Einsatz auch persönlich wertgeschätzt: Die Anerkennung, die man in Algerien als Bauingenieur erfährt, geht im Selbstverständnis unserer zivilisationsverwöhnten, mitteleuropäischen Gesellschaft oft unter. Algerien ist aber auch kein Urlaubsland (nicht von ungefähr gibt es bis dato trotz bester Mittelmeerlage nahezu keinen Tourismus). Der Alltag im Großraum Algier ist oftmals chaotisch und für einen Fremden schwer zu überschauen. Obgleich die Sicherheitslage nicht mit Krisenländern vergleichbar ist, gilt es Regeln einzuhalten, die subjektiv die Bewegungsfreiheit eingrenzen. Für die soziale Vernetzung sind algerische Kontakte nahezu unerlässlich.


Interessante Links:

Algerische Botschaft: 
http://www.algerische-botschaft.de

Außenhandelskammer: 
http://algerien.ahk.de/

Deutsche Botschaft in Algier:
 http://www.algier.diplo.de

Agence Nationale de Développement de l’Investissement: 
http://www.andi.dz

Centre National d’Etudes et de Recherches Intégrées du Bâtiment
: http://www.cnerib.edu.dz/

Centre National de Recherche Appliquée en Génie Parasismique
: http://www.cgs-dz.org/

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Datum 7. August 2013
Autor Burkhard Talebitari
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