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Wie war’s eigentlich in Dänemark?

Dipl.-Ing. Friedrich Hilgenstock Prokurist bei WTM Engineers International GmbH

Dipl.-Ing. Friedrich Hilgenstock Prokurist bei WTM Engineers International GmbH (Foto: WTM)

Fünf Fragen an Dipl.-Ing. Friedrich Hilgenstock, Prokurist bei WTM Engineers International GmbH.

 

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Sie arbeiten für Ihr Büro an der Planung des bilateralen Projektes der Fehmarnbeltquerung zwischen Fehmarn und Lolland. Wie kam es dazu?

Hilgenstock

WTM Engineers wurde im Jahre 2009 von dem Joint Venture RAMBØLL ARUP TEC (RAT) angesprochen, sich schon an der Bewerbung für die Planung der Festen Fehmarnbeltquerung zu beteiligen.

Innenansicht Tunnel Feste Fehmarnbeltquerung

Innenansicht Tunnel Feste Fehmarnbeltquerung (Foto: Femern A/S, København)

Zum damaligen Zeitpunkt stellte eine Brückenverbindung noch die bevorzugte Lösung, der Absenktunnel die Alternative dar. Klar war aber damals schon, dass, unabhängig von der gewählten Verbindung, für die deutsche Seite ein deutsches Genehmigungsverfahren notwendig ist. Die technische Kompetenz von RAT aus dänischen, englischen und holländischen Experten sollte mit der Erfahrung von WTM im Bereich der Genehmigung großer Infrastrukturprojekte ergänzt werden.

Da noch unklar war, ob der Tunnel oder die Brücke die bessere Lösung darstellte, beauftragte Femern A/S, als die vom dänischen Staat mit der Projektabwicklung beauftragte Gesellschaft, zwei konkurrierende Planungsteams zur Erarbeitung eines Brücken- und eines Tunnelentwurfes. Den Zuschlag für die Planung des Tunnelentwurfes bekam RAT mit WTM Engineers.

Absenkelement Feste Fehmarnbeltquerung

Absenkelement Feste Fehmarnbeltquerung (Foto: Femern A/S, København)

Unter Berücksichtigung technischer, finanzieller, umweltrechtlicher, genehmigungs- und seeverkehrssicherheitsrelevanter Risiken entschied sich im Februar 2011 das dänische Parlament, das Folketing, auf Empfehlung von Femern A/S für die Tunnellösung. Aus der Alternative die bevorzugte Lösung zu entwickeln, war ein großer Erfolg für RAT. Seitdem ist WTM Engineers im Team mit RAT dabei einen Tunnelentwurf und darauf basierend einen Genehmigungsantrag zu erarbeiten.

 

Wettbewerb Odin Brücke in Odense mit Arkitektfirmaet C F Møller Århus

Wettbewerb Odin Brücke in Odense mit Arkitektfirmaet C F Møller Århus (Animation: C F Møller)

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Welche Erfahrungen sammeln sie bei den Genehmigungs­prozessen in Dänemark im Vergleich zu Deutschland?

Hilgenstock

Obwohl der Genehmigungsprozess gerade erst startet, zeigen die vorgesehenen Genehmigungsverfahren und vorgenommenen Abstimmungen eine deutlich andere Herangehensweise.

Das deutsche Planfeststellungsverfahren basiert auf einem adminis­trativen Genehmigungsprozess, der die Einhaltung aller relevanten Vorschriften und den Ausgleich der Interessen aller Betroffenen vorsieht. Dazu ist eine Planungstiefe erforderlich, die erkennen lässt, welche Auswirkungen das Projekt hat. Die Abwägekriterien sind transparent. Der Prozess ist vorgegeben und bei gleichen Randbedingungen repro­duzierbar.

Auch in Dänemark ist ein vergleichbares Genehmigungsverfahren durchzuführen. Dabei handelt es sich am Ende allerdings um einen politischen Prozess. Das Parlament informiert sich umfänglich über das Projekt, beteiligt die Bürger und entscheidet am Ende souverän über die Genehmigung durch Verabschiedung eines Baugesetzes. Der Entscheidungsprozess kann subjektiver, mit anderer Gewichtung der Interessen und bei einer geringeren Planungstiefe erfolgen als der deutsche.

 

Wettbewerb Odin Brücke in Odense mit Arkitektfirmaet C F Møller Århus

Wettbewerb Odin Brücke in Odense mit Arkitektfirmaet C F Møller Århus (Foto: Animation: C F Møller))

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In Dänemark duzt man sich am Arbeitsplatz. Ist das eine reine Formfrage oder lässt das Rückschlüsse auf das Klima am Arbeitsplatz zu?

Hilgenstock

Es lässt definitiv Rückschlüsse zu. Nach unserer Erfahrung wird generell ein sehr kollegiales Verhältnis – auch über die ohnehin flachen Hierarchie­ebenen – gepflegt. Das Verhältnis Vorgesetzter – Mitarbeiter ist häufig nicht zu erkennen.

Auch wird sehr viel Rücksicht auf den Einzelnen und sein Privatleben genommen, was wiederum mit einer hohen Einsatzbereitschaft und Loyalität gedankt wird. Wer um 15 Uhr seine Kinder aus der Betreuung abholen muss, verschickt um 22 Uhr noch Protokolle. Dies ermöglicht die Vereinbarung von Arbeit und Familie.

 

Wissenswertes zum dänischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere f. EU-Bürger: Arbeitserlaubnis unproblematisch
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: die Einreise über Fehmarn ist etwas langwierig, da eine Tunnelverbindung fehlt
  • Währung: Dänische Kronen, kein Euro
  • Steuer : 25% MwSt; < 59% Einkommenssteuer (incl. Sozialabgaben)

 

Fußgängerbrücken Christianshavns Kanal, Kopenhagen mit Feichtiger Architects, Paris

Fußgängerbrücken Christianshavns Kanal, Kopenhagen mit Feichtiger Architects, Paris (Animation: Feichtiger)

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Gibt es trotz oder gerade wegen einer gewissen verwandten Mentalität zwischen Nachbarländern auch Quellen für Missverständnisse?

Hilgenstock

Trotz im Allgemeinen ähnlicher Mentalität werden mit der Zeit doch Unterschiede erkennbar. Die Kommunikation in Dänemark scheint weniger formal und fokussiert. Eine Zusammenfassung der Ergebnisse und Aufgabenverteilung erfolgt nicht so klar wie sie in Deutschland üblicherweise praktiziert wird. Während die dänischen Kollegen sich in einer Besprechung ihre Aufgaben suchen und anschließend abarbeiten, versuchen die deutschen Kollegen die Aufgaben deutlicher zu beschreiben und klarer zu trennen. Unsere Arbeitsweise half uns frühzeitig Lücken oder Doppelungen zu erkennen.

Der freundliche Umgangston lässt Kritik schwerer erkennen. Wir mussten des Öfteren darum bitten, dass unsere direktere Art nicht unhöflich aufgefasst werden solle bzw. dass die dänischen Kollegen Kritik oder Hinweise deutlich aussprechen, damit sie von uns sicher wahrgenommen werden.

 

momentum

Ergeben sich für Sie, wenn Sie die Projektplanung in Dänemark und Deutschland vergleichen, interessante Unterschiede?

Hilgenstock

Die Unterschiede liegen im Detail und in der Ausgestaltung der Planungsphasen. Unserer Erfahrung nach scheint es in Dänemark in frühen Planungsphasen eine höhere Risikobereitschaft bzw. eine höhere Akzeptanz von Unsicherheit zu geben, während in Deutschland stark auf Planungssicherheit geachtet wird.

Ein „das klären wir später im Planungsablauf“ der Dänen steht dann einem „auch für diese Untervariante benötigen wir eine detaillierte Kosten-Nutzen-Analyse“ der Deutschen gegenüber. Beides hat Vor- und Nachteile.

Nachdem wir diese Unterschiede verinnerlicht hatten, konnten wir gezielt eingreifen und z.B. dort Konkretisierungen vornehmen, wo sie etwa für die deutsche Genehmigungsplanung notwendig waren.

 

Dänemark

Dänemark (Foto: WTM)

Auf ein Wort:

Wir haben in Dänemark eine sehr offene Gesellschaft kennen gelernt, die mit ihren 5,5 Mio. Einwohnern viel weniger anonym wirkt als die deutsche. Vertrauen in die Volksvertreter ist vorhanden und die Überzeugung, dass diese im Interesse der Allgemeinheit handeln. Umgekehrt werden Planungen veröffentlicht in der Erwartung konstruktiver Kritik durch die Bürger. Diese Offenheit zeigt sich auch im Umgang mit den Behörden.

Vor unseren ersten Gesprächen mit den deutschen Behördenvertretern zierten sich die dänischen Kollegen konkrete Planungen vorzulegen, da in Dänemark die ersten Treffen informell gehalten sind und keine konkreten Planungen vorgelegt werden. In Deutschland wiederum wurde bemängelt, dass ohne eine vollständige Planung die Auswirkungen nicht erschöpfend erkennbar seien.

Es sind daher nicht allein bautechnische und genehmigungsrelevante Herausforderungen, die das Arbeiten im Ausland spannend machen, sondern auch die kommunikativen, und dort besonders jene, welche nicht durch ein Wörterbuch zu klären sind, sondern nur durch Erfahrung.


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Datum 14. November 2013
Autor Burkhardt Talebitari
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