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Mein Ausland

Wie war’s eigentlich in Großbritannien?

Volker Schmid – Prof. Dr.-Ing., Leiter des Fachgebiets für Entwerfen und Konstruieren – Verbundstrukturen am Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin und Consultant für Arup

Volker Schmid – Prof. Dr.-Ing., Leiter des Fachgebiets für Entwerfen und Konstruieren – Verbundstrukturen am Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin und Consultant für Arup (Foto: M. Hellstern)

Fünf Fragen an Prof. Dr.-Ing. Volker Schmid (Leiter des Fachgebiets für Entwerfen und Konstruieren – Verbundstrukturen am Institut für Bauingenieurwesen der TU Berlin und Consultant für Arup) über seine Tätigkeit in Großbritannien.


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Was fiele Ihnen spontan als das Schönste an Ihrer Arbeit in Großbritannien ein?

Schmid

Enorm spannend und interessant war die Teamarbeit an außergewöhnlichen internationalen Projekten zusammen mit Kolleginnen und Kollegen aus der ganzen Welt. Dabei war ich sehr von deren Geduld mit meinem Anfangs doch sehr schlechten Englisch angetan. Generell ist das Arbeiten in Großbritannien deutlich weniger durch das Hauen und Stechen der ums Überleben kämpfenden Projektpartner gekennzeichnet, als in Deutschland – das ist sehr wohltuend, ebenso die enge Kooperation von Ingenieuren und Architekten. London selbst ist natürlich sehr beeindruckend und mit seinem anregenden Miteinander unterschiedlichster Nationalitäten äußerst faszinierend und lehrreich.


Art Institute of Chicago

Art Institute of Chicago (Foto: Volker Schmid)

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Wie haben Sie sich am Arbeitsplatz aufgenommen gefühlt?

Schmid

Die Zusammenarbeit mit Ausländern ist für Londoner nichts Ungewöhnliches. Die Aufnahme unter den Kollegen war dementsprechend sehr freundlich und zuvorkommend. Umgekehrt waren die Erfahrung und die Sprachkenntnis eines Deutschen natürlich für die Projekte in den deutschsprachigen Teilen Europas von Vorteil, vor allem auch hinsichtlich der unterschiedlichen Planungskulturen auf der Insel und in „Continental Europe“. Eine typisch britische Gepflogenheit, die die Integration in den Kollegenkreis beschleunigt, ist der traditionelle Pub-Besuch am Freitagabend, direkt nach Arbeitsschluss. Dort treffen sich Junior- und Senioringenieur/innen für ein gemeinsames Bierchen und kommen ins Gespräch.


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Wie schätzen Sie die Bedeutung der deutschen Bauingenieursausbildung im Lande ein?

Schmid

Metropol Parasol Sevilla (Foto: Hufton+Crow)

Ich wurde immer wieder unaufgefordert von britischen oder auch einem australischen Direktor auf die hervorragende, fundierte deutsche Ausbildung zum Diplomingenieur angesprochen. Das wurde als ganz entscheidender Vorteil gegenüber den britischen Abgängern angesehen. Diese haben aus Kostengründen – Studieren in Großbritannien kann sehr teuer sein – oft nur einen BSc- oder 4-jährigen MEng-Abschluss. Die britischen Ingenieure müssen sich meist auf eigene Kosten weiterbilden und nach ca. fünf Jahren Praxis eine zusätzliche Prüfung bei einer der zwei Ingenieurkammern ablegen, um als chartered engineers unterschriftsberechtigt zu sein. Deutsches Engineering hat in Großbritannien einen hervorragenden Ruf; so wird beispielsweise der Slogan „Vorsprung durch Technik“ in der Werbung auf Deutsch gesprochen und geschrieben. Dass die Deutschen ihren international so hochgeschätzten Diplomingenieur zu Gunsten des anglikanischen Ausbildungssystems aufgeben, erntet ungläubiges Kopfschütteln.

 

Wissenswertes zum britischen Bau-Arbeitsmarkt im Überblick:

  • erforderliche Papiere: Großbritannien hat zwar nicht den Euro, für Europäer ist der Wechsel auf die Insel aber trotzdem problemlos. Für die Arbeitsstelle braucht man i.d.R. einen Reisepass und die Zeugnisse mit einer übersetzten Version.
  • praktische Hinweise für Einreise und Alltag: Nach der Einreise wird man als Berufsanfänger zunächst versuchen ein Zimmer in einer WG oder, als besser bezahlter Senioringenieur, eine eigene kleine Wohnung zu mieten. Das ist beides in London leider sehr, sehr teuer. Dann schnell ein Konto eröffnen, evtl. hilft die Firma mit einem Brief der bestätigt, dass man unter Vertrag steht und ein Einkommen hat. Dann muss man sich beim National Health Service (NHS) – der staatlichen Krankenversicherung – anmelden. Ebenso meldet man sich, auch wenn man noch gesund ist, bei einem General Practitioner (GP), dem praktischen Allgemeinarzt in seinem Stadtteil an, denn der behandelt nur die bei ihm eingeschriebenen Patienten.
  • offene Stellen in welchen Bereichen: Nach den problematischen Krisenjahren werden in 2013 wieder zunehmend Ingenieure eingestellt.
  • Gehälter: Die Anfangsgehälter sind deutlich niedriger als in Deutschland (britischer Bachelor oder MEng-Abschluss!), steigen dann aber relativ schnell an und sind nach ein paar Jahren für einen Senior Engineer eher höher als bei uns.
  • Steuern: Steuern und die darin enthaltenen Zahlungen zum NHS sind deutlich geringer als in Deutschland. Allerdings verlangt der Stadtbezirk, in dem man wohnt, noch zusätzlich eine Council Tax. Um seine Rentenzahlungen muss man sich selbst kümmern. Die staatliche Rente reicht sicher nicht aus.

 

Zentrum Paul Klee Bern

Zentrum Paul Klee Bern (Foto: Volker Schmid)

momentum

Stichwort Mentalität – Welche Unterschiede sehen Sie da zu einer – ja immerhin – Nachbarnation?

Schmid

Am Arbeitsplatz erlebt man die Briten in aller Regel gentlemanlike, d.h. freundlich und auch in spannungsvollen Meetings zurückhaltend. Wer laut wird, hat schon verloren und deutsche Direktheit und Insistieren wird eher als nassforsch empfunden. Umgekehrt erstaunten mich die Kollegen beim Feiern durch eine für deutsche Verhältnisse ungewöhnliche Ausgelassenheit. Mir fiel nicht nur bzgl. der britischen Fußballnationalmannschaft, sondern auch bei der Vertragsgestaltung ein gewisser Optimismus auf: Statt alle Unwägbarkeiten schon im Vorfeld auszuformulieren und damit Misstrauen gegenüber dem Vertragspartner zu signalisieren, wurde darauf vertraut, dass man sich im Fall der Fälle schon vernünftig wird einigen können.


Mumuth Graz

Mumuth Graz (Foto: C. Richters)

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Was haben Sie für Ihre Arbeit aus der Zeit in Großbritannien mitgenommen?

Schmid

Keep it simple. Z.B. wie vorteilhaft eine prägnante, ansprechende Präsentation von Konzepten und Vorschlägen in kurzen Stichworten, aber mit vielen klaren Skizzen und Bildern für die Gespräche mit Bauherrn, Architekten und Bauunternehmern ist. Andererseits den Mut und die Freude an neuen ungewöhnlichen Herausforderungen, auch wenn damit ein finanzielles Risiko verbunden ist.

 

Auf ein Wort:

Arbeitsaufenthalte im Ausland ermöglichen nicht nur den intimen Einblick in das tägliche Leben und Arbeiten, die Kultur und Lebensphilosophie anderer Länder, sondern man lernt dabei auch sein eigenes Heimatland mit neuen Augen zu sehen. Die selbstverständliche Eigenverantwortlichkeit der Briten, z.B. bei der Arbeitsplatzsuche, der Bildung, der Alterssicherung, Krankheit etc. und das weitmaschigere staatliche soziale Netz werden durch ein ausgeprägtes gesellschaftliches Engagement ergänzt. Beispielsweise beim Fundraising oder beim Einsatz für die Schule, die Universität oder soziale Zwecke, die in Deutschland (noch?) über höhere Steuerzahlungen an den Staat delegiert werden.

UK

UK (Foto: Ernst und Sohn)

Auch wenn damit liebgewonnene Klischees bedient werden, ist es doch gewöhnungsbedürftig, dass im Herbst ein senkrecht fallender Regen, im Vergleich zum horizontal daher fegenden Regenschauer schon als Schönwetter bezeichnet wird. Andererseits, wie oft liegt man schon federweich auf dem Boden seines Zeltes, weil die Wiese des Campingplatzes Golfrasenqualität hat. Dass Europa in zwei Teile getrennt ist, nämlich in Großbritannien und Continental Europe, leuchtet vor dem historischen Hintergrund ein, insbesondere wenn man bedenkt, dass sowieso ein Flugzeug notwendig ist, um dort hinzukommen. Dann fliegt man doch lieber gleich noch ein Stückchen weiter nach Südafrika, Australien, Hongkong oder Indien. Dort wird sowieso Englisch gesprochen, dort lebt vielleicht Verwandtschaft und dort kennt wenigstens jeder die Kricketregeln. Durch diese internationale Vernetzung fällt den Briten der berufliche Einsatz im Ausland leichter und ist auch selbstverständlicher. Und wenn der deutsche Prüfingenieur den ganzen Plansatz ungeprüft zurück nach London schickt, mit der Begründung, die Pläne seien nicht DIN-gerecht gefaltet, dann findet sich sicher im Büro jemand, dem es dank internationaler Kontakte gelingt, die entsprechende detaillierte Faltanweisung aufzutreiben. Und noch Jahre später wird jedem Neuankömmling aus Deutschland begeistert diese unglaubliche Geschichte vom typical german engineering erzählt.


Interessante Links:

IStructE (Institution of Structural Engineers): http://www.istructe.org/

ICE (Institution of Civil Engineers): http://www.ice.org.uk/

RIBA (Royal Institute of British Architects): http://www.architecture.com/

Ernst & Sohn Dictionary: http://www.ernst-und-sohn.de/es-dictionary

Building Magazine: http://www.building.co.uk/

New Civil Engineer: http://www.nce.co.uk/contact-us/

Time Out: http://www.timeout.com/london/

National Trust: http://www.nationaltrust.org.uk/

 

 

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Datum 31. Oktober 2013
Autor Burkhard Talebitari
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