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Wohnhaus statt Luftschloss: Der Traumberuf Architekt im Realitätstest

Auditorium Maximum der Leibniz Universität Hannover

Auditorium Maximum der Leibniz Universität Hannover (Foto: Raimund Kammler )

Ein ausgefallenes Haus nach dem nächsten planen: Architekt ist für viele Schüler ein Traumberuf, die Zahl der Studenten steigt seit einigen Jahren. Doch zwischen Studium und Berufsalltag gibt es oft große Unterschiede.

Wenn Julius Krüger sein eigener Bauherr sein will, zieht er sich in den Schrebergarten zurück. Erst wollte er die morsche Laube abreißen, jetzt hat er neuen Fußboden verlegt und einen Ofen eingebaut. Durch die größeren Fenster fällt Licht hinein. Früher versperrte Müll den Raum. «Das ist meine Spielwiese», sagt der Architekt, der nach seinem Diplomabschluss vor drei Jahren eine halbe Stelle an der Universität Hannover antrat und nebenbei in Architekturbüros arbeitet.

Die Zahl der Architekturstudenten steigt laut der deutschen Hochschulstatistik seit einigen Jahren. Zuletzt waren 40 000 eingeschrieben. Auch Krüger wollte schon immer Architekt werden. Er weiß aber, dass er in der Baubranche nicht annähernd so kreativ sein kann wie in der Freizeit beim Umbau seiner Laube. «Architekt ist noch immer mein Traumberuf», sagt der 30-Jährige, «aber es lohnt, den Traum mit der Realität abzustimmen.»

Ulrich Königs, Präsidiumsmitglied der Deutschen Dekanekonferenz (DARL) gibt zu, dass die Praxis des Architekten stark vom Inhalt des Studiums abweicht. «Auf die eigentliche Bürorealität wird man in keinem Hochschulstudium vorbereitet», sagt er. Diese Lücke werde aber durch Praktika und die obligatorische zweijährige Berufspraxis nach dem Studium sinnvoll geschlossen, ergänzt der Universitäts-Professor. Von der Praxiserfahrung hängt der Eintrag in die Architektenkammer ab, der dem Absolventen den Berufstitel verleiht und aus Absolventen eingetragene Architekten macht.

Trotzdem bietet der Sprung vom Seminarraum, in dem die Studenten mit teils nicht realisierbaren Entwürfen ihrer Fantasie freien Raum lassen dürfen, auf die Baustellen und in die Büros reichlich Potenzial für Bauchlandungen. «Im Studium soll man konzeptuell denken und sich von Zwängen freimachen, in der Praxis spielen diese Zwänge aber eine wichtige Rolle», sagt Krüger. «Die Wünsche des Bauherrn, der Kostendruck, die Handwerker.»

Dem Diplom-Architekten, der heute selbst Grundlagenseminare an der Uni leitet, half es, schon in der zehnten Klasse als Praktikant in den Alltag eines Architektenbüros hineinzuschnuppern. Er rät allen Interessierten, spätestens nach dem Schulabschluss drei Monate oder länger ein solches Praktikum zu absolvieren, «um nicht zu blauäugig ins Studium zu gehen». Ist es dann so weit, empfiehlt es sich, nebenbei in vorlesungsfreien Zeiten zu arbeiten. Viele Studenten haben Teilzeitjobs, in denen sie die Branche kennenlernen.

Krüger war sieben Jahre an der Uni eingeschrieben, zwei davon studierte er nicht, sondern widmete sich ganz der Praxis. Er hat die Sanierung der Fassade des Bundesbank-Gebäudes mitgeplant und war für ein anderes Architektenbüro an einem Projekt in Italien beteiligt. Ziel war es, ein durch ein Erdbeben weitgehend zerstörtes Dorf wiederaufzubauen. Auf Italienisch koordinierte Krüger die Baustellen und bereitete den Umbau eines etwas weniger beschädigten Kindergartens zu einem Gemeindezentrum vor.

Die mögliche Enttäuschung nach dem Studium hängt auch mit dem Image des Architekten zusammen. Noch immer gilt er als kreativer Kopf mit Bleistift hinterm Ohr, der sich ständig auf neue Entwürfe stürzt. «Man sollte nicht denken, dass Entwürfe eins zu eins umgesetzt werden», betont dagegen Krüger. Teamarbeit beherrscht die Büros, die Umsetzung hängt vom Geld ab, aber auch von der Meinung aller anderen Beteiligten. Was zählt, sind unter anderem Energieeffizienz und ob ein Entwurf zweckmäßig ist.

Davon abgesehen arbeiten viele Absolventen später gar nicht in Architektenbüros, sondern zum Beispiel in der Verwaltung oder eben in der Hochschule. DARL-Präsidiumsmitglied Königs geht davon aus, dass weniger als zehn Prozent der Absolventen überhaupt Entwürfe erstellen.

Auch seine Architektenkollegin Barbara Ettinger-Brinckmann, die zugleich Präsidentin der Bundesarchitektenkammer ist, weiß, was wirklich im Fokus des Berufs steht. «Wir Architekten sitzen in unseren Büros ja nicht nur an schönen Entwürfen», sagt sie, «sondern sprechen mit Bauherren, verhandeln mit Behörden, schreiben Bauleistungen aus, kommunizieren mit ausführenden Firmen, sind auf den Baustellen unterwegs, machen Kostenkalkulationen, Preisvergleiche und Terminpläne».

Die Perspektive, nach dem Studium einen Job zu finden, ist in den vergangenen Jahren immer besser geworden – so wie sich auch der Bedarf an neuen Wohnungen erhöht hat. Besonders begehrt sind Fachleute, die sich mit nachhaltigem Bauen, Denkmalpflege, Baumanagement und der Immobilienwirtschaft auskennen. Die Nachfrage nach Architekten und Bauingenieuren liegt nach Auskunft der Bundesagentur für Arbeit auf dem höchsten Niveau der vergangenen Jahre.

Nicht immer steigen die Absolventen fest in eine Firma ein. Von den zuletzt 128 000 bei der Bundeskammer registrierten Architekten und Stadtplanern sind knapp die Hälfte Freiberufler. Die Arbeitslosenquote von Architekten liegt deutlich unter drei Prozent, die Einstiegsgehälter allerdings unter denen anderer Ingenieurberufe, wie etwa von Bauingenieuren und Maschinenbauern. Architekt sei für ihn «kein Beruf, um richtig Kohle zu machen», sagt Krüger. Trotzdem will er neben seinem Uni-Job bald wieder in einem Architektenbüro arbeiten. «Mich fasziniert immer noch der Prozess vom Material zum fertigen Gebäude», sagt er.

Leserkommentare

  1. Raimund Schreckenberger | 6. September 2016

    Ein guter Artikel, der die Realität sehr gut wiedergibt. Erst mit einem Büropraktikum während des Studiums habe ich verstanden um was es im Architekturbüro wirklich geht. Allerdings hat sich in den Architekturbüros in den letzten Jahren der Trend durchgesetzt den jungen Kollegen fast nichts für ihre Arbeit zu bezahlen und sie nach dem Praktikum durch einen „Frischen“ zu ersetzen. Eine denkbar schlechte Motivation um in den schönsten Beruf der Welt einzusteigen!

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Datum 5. September 2016
Autor dpa
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