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Kolumne Falk Jaeger

Wunder braucht es immer wieder

„Mannheims Multihalle soll abgerissen werden“, titelte die Rhein-Neckar-Zeitung im Juni vergangenen Jahres nach einer Sitzung des Hauptausschusses des Gemeinderats und schreckte damit vor allem die Fachwelt auf. Als „Hintertürchen“ bezeichnete das Blatt die Aussage von Oberbürgermeister Peter Kurz, das Bauwerk könnte erhalten bleiben, wenn es durch privates „Crowdfunding“, Sponsoring und Zuschüsse der Denkmalpflege gelänge, mindestens acht Millionen Euro zusammenzubekommen.

Blick in den Innenbereich der Multihalle.

Blick in den Innenbereich der Multihalle. (Foto: Stadt Mannheim)

Die Multihalle, das muss man älteren Architekten und Ingenieuren nicht erklären, ist eine Inkunabel der jüngeren deutschen Baugeschichte. 1975 als temporäre Ausstellungshalle der Bundesgartenschau im Herzogenriedpark von dem damals renommiertesten Mannheimer Architekten Carlfried Mutschler und Joachim Langner erbaut, war sie doch mehr als Ingenieurleistung bekannt geworden, nämlich als eines der wenigen eigenen Bauwerke des Denkers, Lehrers, Ideengebers, Initiators und Pritzkerpreisträgers Frei Otto. Eines von Frei Ottos legendären „leichten Flächentragwerken“ also, damals die größte freitragende Holzgitterschalenkonstruktion weltweit – und das ist sie bis heute. Ein faszinierendes, blasenförmiges Gebäude, das sich amöbenhafte in die Parklandschaft einfügt und in dem eine Vielzweckhalle und ein bis heute existierendes Restaurant Platz fanden. Das Gittertragwerk aus 5×5 cm Holzlatten war am Boden montiert und anschließend in die Höhe gezogen worden. Als es seine Wölbeform eingenommen hatte, wurden die Schrauben angezogen, die Knoten fixiert und das Schalentragwerk mit immerhin 60 m maximaler Spannweite trug. Die silbern schimmernde, transluzente Dachhaut (Fenster gibt es nicht) wurde nach fünf Jahren durch eine weiße PVC-Polyester-Haut ersetzt. Die hat nun 35 statt 15 Jahre auf dem Buckel und ist entsprechend schadhaft. So schadhaft, dass viele der Hölzer durch Feuchtigkeit gelitten haben oder ganz zerstört sind. Hier und da musste das Tragwerk schon durch Hilfskonstruktionen unterstützt werden.

Nach jahrzehntelanger Vernachlässigung ist nun guter Rat teuer. Wie amtsüblich versuchte man, das Bauvorhaben durch Ausschreibung eines VOF-Verfahrens in den Griff zu bekommen. Dabei kommen so abstruse Ideen heraus wie ein zweites Tragwerk über der Halle, an das das historische angehängt werden soll. Und die Illusion verlässlicher Kostenvorhersagen: 11,6 Millionen soll es kosten. Ein hilfloses, untaugliches Vorgehen, wie sich denken lässt, das dem komplexen Sanierungsfall nicht gerecht wird. Erforderlich ist eine penible Bestands- und Schadensaufnahme Latte für Latte, die fast schon Forschungscharakter haben dürfte. Sodann sind Sanierungskonzepte zu entwickeln, bautechnische wie architektonische.

Die Stadt kann sich die Erhaltung des seit 1998 als Kulturdenkmal von besonderer Bedeutung unter Denkmalschutz stehenden Bauwerks nicht leisten, meinten die Grünen, und ein Stadtrat der ALFA „Allianz für Fortschritt und Aufbruch“ (wohlgemerkt, nicht Abbruch) sprach gar von einer „Unverschämtheit gegenüber dem Steuerzahler“.

Vielleicht muss die Multihalle erst zum Weltkulturerbe erklärt werden, damit der letzte Kulturbanause kapiert, welches Juwel da im Herzogenriedpark vor sich hinschimmelt.

Immerhin haben Stadt und Architektenkammer nun den Verein „Multihalle e.V.“ gegründet, der sich um eine Spendenkampagne, um Symposien und die Suche nach einer tragfähigen Nutzung kümmert. Auch am Institut Nachhaltigkeit, Baukonstruktion und Entwerfen IBK3 der Uni Stuttgart laufen bei Prof. Jens Ludloff über das „Wunder von Mannheim“ Seminare, Vortragsreihen und Entwürfe, die zu einem zweiten Wunder, zur Rettung der Halle beitragen sollen.

Erst kürzlich wurde die lange Jahre gesperrte Halle entrümpelt und durchgefegt; seitdem ist sie wieder einigermaßen vorzeigbar und für Inspektionen zugänglich. Der Gemeinderatsbeschluss steht zwar noch, aber die Hoffnung auf das zweite Wunder ist nicht unbegründet.

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Datum 5. April 2017
Autor Falk Jaeger
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