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Kolumne Reinhard Hübsch

ziemlich beste freunde?

zu einer dringend notwendigen neuordnung der ingenieur- und architektenkammern

Reinhard Hübsch

Reinhard Hübsch (Foto: privat)

„rational nicht begründbar“, „absurd“, „treppenwitz“ – wer sich mit einfachen mitgliedern oder auch mit vorsitzenden von deutschen ingenieurkammern über die verfasstheit ihres berufsstandes unterhält, kann über einen mangel an invektiven über die ungereimtheiten und widersprüchlichkeiten nicht klagen, im gegenteil: je tiefer man in die materie einsteigt, desto aberwitziger will einem das kammersystem der bauzunft erscheinen und: um so reformbedürftiger.

die ungereimtheiten beginnen damit, dass architekten und bauingenieure in zwei verschiedenen kammern organisiert sind. beide berufsgruppen sind mit hoch- und tiefbau, mit der planung und erstellung von wohnungen und industriebauten, mit bahnhöfen und museen befasst, mit stadtplanung und landschaftsarchitektur. in keiner anderen berufsgruppe werden kolleginnen und kollegen, die eigentlich ziemlich beste freunde sein müssten, derart auseinanderdividiert wie am bau. ob neurologen oder gynäkologen, chirurgen oder radiologen – sie alle sind zwar in unterschiedlicher weise mit wohl und wehe des menschen befasst, aber ob sie sich nun um kinder oder alte, um hirn oder herz bemühen – sie alle sind in einer ärztekammer mit 357.000 mitgliedern organisiert. das gleiche gilt für rechtsanwalte – strafrechtler sind ebensowenig in einer eigenen kammer organisiert wie die familienrechtler, wer sich mit öffentlichem recht befasst, der ist in der gleichen kammer mitglied wie der zivilrechtler, und auch die apotheker (welche schwerpunkte sie auch haben mögen) finden sich in einer kammer wieder. nur die architekten und ingenieure gruppieren sich in jeweils eigenen organisationen.

dazu kommt, dass ein praktizierender architekt mitglied einer kammer sein muss, einem ingenieur aber ist es freigestellt, ob er sich seiner kammer anschließt – warum? wer nach einer logischen, stichhaltigen begründung sucht, wird nicht fündig.

dass die bau-ingenieure sich bislang in einer kammer organisiert haben, die ganz unterschiedliche berufsgruppen vereint, kann ebenfalls nur mit kopfschütteln quittiert werden, denn was haben elektroingenieure mit den den tunnelbauern gemeinsam? luft- und raumfahrtingenieure mögen noch berührungspunkte mit elektroingenieuren aufweisen können – aber begegnen sich tunnelbauer im berufsalltag mit jenen, die in der automobilindustrie tätig sind? ingenieure haben sich früher noch über ein gemeinsames berufsverständnis definiert – die technischen entwicklungen der letzten jahrzehnte haben mittlerweile zu gänzlich verschiedenen aufgabenfeldern geführt, die es sinnvoll erscheinen lassen, die bauingenieure mit den architekten in einer kammer zusammenzuführen.

aber nicht nur inhaltlich erscheint eine reform des kammerwesens dringend notwendig. ökonomische und soziale verwerfungen haben in der vergangenheit zu geradezu dramatischen ungleichheiten geführt. im kammerbezirk stuttgart der architektenkammer baden-württemberg sind allein 11.000 architekten gemeldet, die architektenkammer mecklenburg-vorpommern zählt gerade einmal 900 mitglieder. wenn meck-pomm den maßstab bildet – sollen dann aus dem kammerbezirk stuttgart zwölf landesarchitektenkammern gebildet werden?!

ähnliche regionale unterschiede lassen sich auch bei den ingenieuren beobachten: während im saarland gerade einmal etwas mehr als 300 ingenieure gezählt werden können, sind es in bayern knapp 6.300 – und jede kammer finanziert, unabhängig von ihrer größe, einen präsidenten, eine geschäftstelle, bietet altersvorsorge und versicherungsschutz, rekrutiert referenten für fortbildungen und so weiter. mitgliederstarke kammern haben da ganz andere (verhandlungs)möglichkeiten als kleinere.

dazu kommt, dass es in den bundesländern unterschiedliche kammern gibt. in schleswig-holstein etwa haben architekten und bauingenieure bereits in einer kammer zusammengefunden, in berlin wiederum haben die bau-ingenieure sich abseits aller anderen ingenieurskollegen in der baukammer organisiert. In baden-württemberg gab es bemühungen, sich mit den architekten zusammen zu tun – beide seiten haben dabei kräftige blessuren davon getragen. stattdessen sucht man seit jahren (und erfolgreich) die kooperation mit den ingenieurkammern in rheinland-pfalz und hessen, und diese südschiene erweist sich, allen mängeln zum trotz, als erfolgreich.

mancherorts kommt es zur punktuellen zusammenarbeit zwischen den kammern, etwa beim tag der architektur, zu dem sich  die architekten und ingenieure in nordrhein-westfalen in diesem jahr zusammentaten (auf regionaler ebene kooperieren übrigens die architektenkammern von mainz und saarbrücken seit jahren, indem sie eine gemeinsame broschüre vorlegen).

wer auf all diese ungereimtheiten und flickwerk-lösungen hinweist, erntet nicht nur beifälliges nicken, sondern gelegentlich auch empörung: das förderale system, zu dem man sich nach dem 2. Weltkrieg in deutschland entschlossen habe, bilde – so kritiker des gegenwärtigen kammersystems – mittlerweile ein echtes „handicap“ für reformen, es sei anachronistisch geworden.

denn die ingenieure (wie auch die architekten) sind dem baurecht verpflichtet; die bauordnungen aber sind ländersache. jedes land erlässt seine eigene bauordnung, dieser landesspezifischen regelung sind die kammern verpflichtet. wer also etwa der niedersächsischen bauordnung unterliegt, kann nicht der berliner ordnung unterworfen sein; die konsequenzen sind irrwitzig: wer in berlin als prüfingenieur zugelassen ist, darf in hannover nicht praktizieren – geben solche unterschiedlichen bauordnungen einen sinn?

hier zeigt sich, ähnlich wie in der kultur- oder der bildungspolitik, die absurdität des förderalismus, der im schulwesen alltäglich und augenfällig sein elend demonstriert: zwar gilt in hamburg ebenso wie in münchen, dass 1 + 1 = 2 ist, und in düsseldorf sollte man ebenso wie in dresden wissen, dass goethe den „faust“ verfasst und beethoven den „fidelio“ komponiert hat – gleichwohl praktiziert jedes bundesland eine eigene schulpolitik, unter der schüler, lehrer und eltern gleichermaßen leiden.

auch die länderspezifischen bauordnungen geben keinen sinn, denn sicherheitsstandards etwa gelten gleichermaßen in ostfriesland wie in sachsen – regionale, will heißen: kulturell bedingte eigenheiten kann ernsthaft niemand gelten machen; und wer sich vor augen führt, dass große büros und unternehmen nicht regional, sondern national und europaweit agieren, kann auf kleinteilig orientierte bauordnungen bestenfalls lächelnd reagieren.

doch alle versuche, hier änderungen herbeizuführen, sind – so beobachter der szenerie – an länderegoismen gescheitert. dabei könnte alles so viel effizienter und übersichtlicher sein:

die ingenieurkammern von bremen, hamburg und niedersachsen könnten sich mit den planern und entwerfern um kiel zusammentun, die 546 plus 514 hanseatischen mit den 6.000 zwischen ostfriesland und harz – das wären dann zwar immer noch weniger als in den beiden kammern in nordrhein-westfalen, die zusammen 10.400 ingenieurinnen und ingenieure vertreten, aber drei geschäftsstellen würden zu einer verschmelzen, kosten würden minimiert. und wenn man sich dann aufmacht, um mit den architekten und landschaftsplanern, innenarchitekten und stadtplanern des nordens gemeinsame sache zu machen, ergebe sich ein landesverband, der ganz andere (auch politische) einflussmöglichkeiten hat als die 546 solisten in bremen.

die baukammer berlin könnte sich mit der architektenkammer an der spree zusammentun und die kollegen in brandenburg (zu ingesamt 5.000) und die 1.428 in mecklenburg-vorpommern ermuntern, gemeinsame sache zu machen; mit sachsen, sachsen-anhalt und thüringen könnte ein berufsverband mit 5.400 mitgliedern und durchschlagskraft entstehen; und wenn architekten und ingenieure dann noch seit‘ an seit‘ stehen, dann – so wollen wir hoffen – würden die einen nicht mehr als pure ästheten und baukünstler von wolkenkuckucksheimen verachtet, würden die anderen nicht mehr als rechenknechte und pragmatiker missverstanden werden.

bleibt nur der zweifel, ob landespolitiker auf der einen und funktionäre in den verbänden auf der anderen auf absehbare zeit ihre egoismen überwinden werden. aber sollte es ihnen gelingen, dann wäre der weg irgendwann vielleicht auch frei für die seit jahrzehnten überfällige föderalismus-reform III. wenn die gelingt, dann könnten die architekten und ingenieure mit recht behaupten, dass sie die intitiative ergriffen haben, um der bundesrepublik eine neue architektur, eine neue statik zu geben und damit – eine neue, bessere verfassung.

Leserkommentare

  1. Ralph Rösler | 11. November 2014

    Hier nicht erwähnt und doch von enormer Bedeutung ist die Macht der Kammern, wenn es bsp. um die Ernennung von Berechtigungen, wie z.B. der Bauvorlageberechtigung geht. In der Satzung der Architekten- und Ingenieurkammer Schleswig-Holstein ist dies eigentlich strikt geregelt – wer die Voraussetzungen erfüllt: Ingenieur/Architekt zu sein, Berufserfahrung zu haben und die Vorlageberechtigung zu wollen, ist zu beurkunden. Wenn da nicht die Ermessensfrage eines Ausschußes wäre, der nach Gutsherrenmanier entscheidet. In meinem Fall wurde der Ausschuss durch Architekten dominiert, die sich mit meinem Antrag inhaltlich nicht befassen wollten, da ich meine beruflichen Erfahrungen außerhalb von Schleswig-Holstein gemacht habe. Jede logische Argumentation blieb fruchtlos, Kompetenzbeurkundungen durch Fachkollegen wurden negiert. Und nach Nicht-Zulassung und entsprechender Klage gibt das Verwaltungsgericht diesem Verfahren auch noch recht… Es ist unfassbar, was sich Berufskammern in diesem Land erlauben können. Hier geht es eben nicht nur um schicke Verwaltunggebäude – wie in Kiel mit Fördeblick – sondern um elementare berufliche Hürden, die im Zweifel nicht überwunden werden können und am Ende mit einem Berufsverbot enden können – nur weil eine Kammer nicht will, und dass mit Rückendeckung deutscher Gerichtsbarkeit.

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Datum 5. November 2014
Autor Reinhard Hübsch
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