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Neubau und Sanierung

100 Jahre Bauhaus: Aufbruch in die Moderne

100 Jahre Bauhaus: Aufbruch in die Moderne

 

Bild 1. Die zwischen 1929 bis 1931 auf einer Fläche von 14 ha erbaute Berliner Großsiedlung „Schillerpromenade“, besser bekannt als „Die Weiße Stadt“, wurde 2008 vom UNESCO-Welterbe als „Siedlungen der Berliner Moderne“ eingestuft

Bild 1. Die zwischen 1929 bis 1931 auf einer Fläche von 14 ha erbaute Berliner Großsiedlung „Schillerpromenade“, besser bekannt als „Die Weiße Stadt“, wurde 2008 vom UNESCO-Welterbe als „Siedlungen der Berliner Moderne“ eingestuft

 

Das Bauhaus wird in diesem Jahr 100 Jahre alt. Und mit ihm die charakteristische Flachdacharchitektur, die seinerzeit noch als gestalterische Revolution erlebt wurde. Um die Dachflächen sicher abzudichten, kamen bauzeitlich zumeist Teerdachpappe oder teerfreie Dachbahnen auf Bitumenbasis zum Einsatz. Bei späteren Sanierungen seit den 1970er-Jahren konnte dieser Aufbau nach und nach durch moderne Polymerbitumenbahnen ergänzt bzw. ersetzt werden. Die deutlich verbesserte Qualität im Vergleich zu den Vorgängerprodukten ermöglicht dabei eine optimierte Kälteflexibilität, Wärmestandfestigkeit und Alterungsbeständigkeit der Abdichtung.

Wer an das Bauhaus denkt, der hat sofort seine geome­trisch-klare und offen-moderne Architektursprache mit ihren typischen Flachdachkonstruktionen, ihren puristischen Materialkontrasten und ihren schlanken horizontalen Fensterbändern vor Augen. In diesem Jahr feiert die Bewegung, die auf das 1919 durch den Architekten Walter Gropius in Weimar gegründete Staatliche Bauhaus zurückgeht, ihr 100-jähriges Bestehen. Und dabei zeigt sich: In den knapp 14 Jahren ihres Bestehens hat die später in Dessau und Berlin ansässige und 1933 durch die Nazis geschlossene Kunstschule unsere Vorstellung von Architektur und Design so nachhaltig geprägt, dass ihre Ideen bis in die Gegenwart hinein weltweit fortwirken.

Grundlegend neue Ästhetik

Ausgangspunkt für die Gründung des Bauhauses war seinerzeit die bereits durch den Deutschen Werkbund vertretene Idee einer interdisziplinären und bewusst international ausgerichteten Zusammenführung von Kunst, Industrie und Handwerk in einer funktional-minimalistischen und universal gültigen Formensprache. Im strengen Gegensatz zum vorherrschenden Historismus und den „Neo-Stilen“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit ihren zahlreichen Ornamenten und Verzierungen entwickelten und propagierten Architekten und Designer wie Walter Gropius, Mies van der Rohe und Hannes Meyer eine grundlegend neue Ästhetik, die nicht nur unser Alltagsdesign, sondern auch Architektur und Städtebau revolutionieren sollte. Die Grenzen zu zeitgleich verlaufenden Strömungen der modernen Architektur wie dem Neuen Bauen, dem Expressionismus, dem Funktionalismus oder dem International Style waren dabei fließend.

 

Bild 2. Großflächige Sanierungsarbeiten auf den Dächern der „Weißen Stadt“

Bild 2. Großflächige Sanierungsarbeiten auf den Dächern der „Weißen Stadt“

 

Bild 3. Zuverlässig dicht: Die ca. 25.000 m2 große Dachfläche der „Weißen Stadt“ wurde 2008 umfangreich mit Elastomerbitumenbahnen saniert (Fotos 1–3: icopal GmbH)

Bild 3. Zuverlässig dicht: Die ca. 25.000 m2 große Dachfläche der „Weißen Stadt“ wurde 2008 umfangreich mit Elastomerbitumenbahnen saniert (Fotos 1–3: icopal GmbH)

 

Über gestalterische Fragestellungen hinaus stand für die Architekten des Bauhauses und des Neuen Bauens vor allem die Schaffung von dringend benötigtem kostengünstigen Wohnraum für die wachsende Stadtbevölkerung im Zentrum ihrer Überlegungen. Gute Beispiele für diesen sozialen Anspruch waren u. a. die von Gropius geplante Wohnsiedlung Dessau-Törten (1926–1928), die von Bruno Taut entwickelte Hufeisensiedlung Britz in Berlin-Neukölln (1925–1933) und das Siedlungsprogramm „Neues Frankfurt“ (1925–1930). Parallel dazu prägten Prestigeprojekte wie das Bauhausgebäude mit den angrenzenden Meisterhäusern in Dessau (Walter Gropius, 1925–1926) und die 1927 vom Deutschen Werkbund als Modellprojekt vorgestellte Weißenhofsiedlung in Stuttgart das Bild des Neuen Bauens.

Sämtlichen Projekten gemeinsam ist, dass sie im Kontrast zu den engen und dunklen Mietskasernen der Großstadt die Vision von „Licht, Luft und Raum“ verfolgten und sich dazu einer radikal-neuen Ästhetik bedienten, die sich ohne schmückendes Beiwerk in erster Linie aus der Funktion ergab. Die offen zur Schau gestellte Reduktion folgte dabei nicht nur ästhetischen Zielen, sondern sollte vor allem auch den Einsatz von industriell vorgefertigten und auf der Baustelle zusammengesetzten Bauteilen ermöglichen, um so einen schnellen und rationellen Baufortschritt sicherzustellen.

Architektur-Ikonen des Neuen Bauens in Dessau, Stuttgart und Berlin

Eine einheitliche architektonische Stilistik hatten die Architekten des Bauhauses zunächst nicht beabsichtigt. Vorherrschend war dennoch die heute so bekannte Gestaltung mit ihren scharfen Geometrien, ihren strahlend weiß verputzten Fassaden, den klaren Materialkontrasten von Stahl, Glas und Beton sowie dem charakteristischen, seinerzeit als gestalterische Revolution erlebten Flachdach. Prototypisch waren in dieser Hinsicht vor allem die von Walter Gropius gestalteten Meisterhäuser in Dessau. Das in unmittelbarer Nähe zum dortigen Bauhausgebäude gelegene und zeitgleich mit diesem 1926 fertiggestellte Ensemble umfasst drei Doppelwohnhäuser und ein Einzelwohnhaus für die Bauhauslehrer und zählt bis heute zu den wichtigsten Zeugnissen der Bauhaus-Architektur.

Nach der Schließung des Bauhauses im Frühjahr 1933 und nach ihrer teilweisen Zerstörung während des Krieges waren die Bauten nach 1945 nur wenig beachtet und teilweise als Poliklinik genutzt worden. Dabei verwahrlosten sie immer mehr, zudem wurden wichtige Funktionszusammenhänge durch bauliche Eingriffe verändert. Erst seit den 1990er-Jahren wurde damit begonnen, die Häuser sukzessive in ihren ursprünglichen Zustand zurückzuversetzen. Zwischen 1998 und 2001 erfolgte die Sanierung des Meisterhauses von Georg Muche und Oskar Schlemmer. Bei der Neuabdichtung der vorhandenen Flachdachfläche musste dabei zunächst der vorhandene Aufbau komplett abgetragen werden. Oberhalb der bauzeitlichen Ziegel-Füllkörperdecke und einer Gefälledämmung mit Polystyrolhartschaumplatten sorgt seitdem eine zweilagige Abdichtung mit modernen kaltselbstklebenden Polymerbitumenbahnen für einen sicheren Schutz gegen Feuchtigkeit.

Eine weitere Ikone des Neuen Bauens ist die 1927 vom Deutschen Werkbund initiierte und von führenden Architekten der Zeit umgesetzte Weißenhofsiedlung in Stuttgart. Zu den bekanntesten Projekten zählt dort der viergeschossige Wohnblock von Ludwig Mies van der Rohe. Der streng reduzierte, optisch durch langgestreckte horizontale Fensterbänder untergliederte Bau setzt sich zusammen aus vier Reihenhäusern, die insgesamt 24 Mietwohnungen mit Flächen zwischen 48 und 80 m2 zur Verfügung stellen. Die Ausbildung des Hauses als moderne Stahlskelettkonstruktion ermöglichte die Umsetzung unterschiedlicher Grundrisse mit nichttragenden Trennwänden.

Im Rahmen der letzten Sanierung erfolgte auch hier eine grundlegende Modernisierung des Dachaufbaus. Um einen langfristig sicheren Schutz der Bausubstanz zu er­reichen, wurde der vorhandene, in den 1980er-Jahren aufgebrachte Aufbau vollständig zurückgebaut und neu ausgeführt. Über einer Elastomerbitumen-Dampfsperrbahn, einer PUR-Hartschaumgefälledämmung und einer partiell eingebrachten Dämmstoffschüttung kamen dabei eine Elastomerbitumen-Kaltselbstklebebahn und eine Elastomerbitumenschweißbahn zum Einsatz.

Die Umsetzung der Ideale des Neuen Bauens in noch größerem Maßstab zeigt die Berliner Großsiedlung „Schillerpromenade“, die aufgrund ihrer strahlend-weiß verputzten Häuser bis heute „Die Weiße Stadt“ genannt wird. Die in enger Zusammenarbeit der drei Architekten Bruno Ahrends, Wilhelm Büning und Otto Rudolf Salvisberg und unter Zuhilfenahme rationaler Fertigungsmethoden errichtete Anlage setzt sich zusammen aus offen gruppierten, jeweils drei- bis fünfgeschossigen Rand- und Zeilenbauten, die insgesamt ca. 1.300 Wohnungen bereitstellen.

 

Bild 4. Durch ihre programmatische Ausrichtung und die funktional-geometrische ­Architektur gilt die 1927 in Stuttgart errichtete Weißenhofsiedlung bis heute als ­Prototyp des Neuen Bauens (Foto: Tobias Kindtner, Architekturbüro Vix)

Bild 4. Durch ihre programmatische Ausrichtung und die funktional-geometrische ­Architektur gilt die 1927 in Stuttgart errichtete Weißenhofsiedlung bis heute als ­Prototyp des Neuen Bauens (Foto: Tobias Kindtner, Architekturbüro Vix)

 

Die erste Grundsanierung der Siedlung erfolgte zwischen 1949 und 1954 entsprechend dem bauzeitlichen Vorbild. Seit 1982 sorgt außerdem ein denkmalpflegerisches Erneuerungsprogramm für regelmäßige Instandsetzungen. Darauf aufbauend wurde 2008 ein umfangreiches Energie- und Holzschutzgutachten für die Siedlung in Auftrag gegeben, in dem u. a. festgestellt wurde, dass die Dachstühle der Häuser weitgehend ungedämmt und in einigen Bereichen stark beschädigt waren. Schon kurz darauf wurde deshalb mit der nachhaltigen Sanierung der Häuser begonnen. Parallel dazu wurde auch die insgesamt ca. 25.000 m2 große Dachfläche umfangreich modernisiert. Im Rahmen der Maßnahme wurden ausgehend vom bestehenden Kaltdachaufbau zunächst der aufgeständerte Dachstuhl saniert und eine neue Holzschalung sowie eine 200 mm dicke Mineralwolldämmung eingebracht. Anschließend kam ein zweilagiger Systemdachaufbau zum Einsatz. Oberhalb der neuen Rauspundschalung wurde dabei zunächst eine kaltselbstklebende Elastomerbitumenbahn verlegt, als Oberlagsbahn wurde eine Elastomerbitumen-Schweißbahn mit einer hochwertigen Kombinationsträgereinlage verwendet.

Langlebige Flachdachabdichtung

Mit der zunehmenden Verbreitung von Flachdächern seit den 1920er-Jahren erlebte auch die Abdichtung mit Teerdachpappe und zunehmend auch teerfreien Dachpappen einen historischen Boom. Schnell wurden dabei auch technische Probleme sichtbar. Als große Herausforderung erwiesen sich insbesondere temperaturbedingte Spannungen und Verformungen, die in Einzelfällen auch zu Rissbildungen der Abdichtung und damit zum Eintritt von Feuchtigkeit in die Bausubstanz führten.

 

Bild 5. Die Hufeisensiedlung Britz in Berlin-Neukölln weist viele der am Bauhaus ­vertretenen Gestaltungsprinzipien auf und steht mittlerweile unter Denkmalschutz (Foto: www.tautes-heim.de/Ben Buschfeld)

Bild 5. Die Hufeisensiedlung Britz in Berlin-Neukölln weist viele der am Bauhaus ­vertretenen Gestaltungsprinzipien auf und steht mittlerweile unter Denkmalschutz (Foto: www.tautes-heim.de/Ben Buschfeld)

 

Beim vdd (damals Verband deutscher Dachpappen­fabrikanten) hat man diese Kinderkrankheiten frühzeitig erkannt und schon in den 1920er-Jahren mit vielfältiger Normungsarbeit begonnen. 1928 konnten daraufhin die ersten DIN-Normen für Bitumendachpappen vorgestellt werden. Nach und nach gelang es so, die Qualitätsstandards der eingesetzten Bitumenbahnen immer weiter zu verbessern, neue Verarbeitungsmöglichkeiten zu entwickeln und neue Materialien für die Herstellung nutzbar zu machen. Ein wichtiger Meilenstein aus heutiger Sicht war die Entwicklung von polymermodifizierten Bitumenmassen seit Mitte der 1970er-Jahre. Die Zugabe von Polymeren (Plastomeren und Elastomeren) ermöglicht nicht nur eine deutliche Verbesserung der Kälteflexibilität und Wärmestandfestigkeit, sondern optimiert auch die elastische Verformbarkeit und das Alterungsverhalten von Bitumenbahnen.

Nicht zuletzt aufgrund dieser vielfältigen Fortschritte bei der Qualität der Abdichtung hat sich das Flachdach heute als gängige Dachform durchgesetzt. Bitumenbahnen kommen dabei auf zwei Dritteln aller Flachdächer in Deutschland zum Einsatz und haben sich damit als wichtigstes Abdichtungsmaterial etabliert. Kein Wunder, denn moderne High-Tech-Bitumenbahnen verbinden eine hohe Material- und Verarbeitungsvielfalt mit einer optimierten Temperaturbeständigkeit und mechanischen Belastbarkeit und lassen sich gleichzeitig sicher in einem zweilagigen Aufbau verarbeiten und einfach sanieren. Und von diesen vielfältigen Vorteilen profitieren nicht nur Neubauten, sondern auch die vielfach denkmalgeschützte Architektur aus der Ära des Bauhauses und des Neuen Bauens.

Weitere Informationen:

vdd Industrieverband Bitumen-Dach- und Dichtungsbahnen e.V.
die bitumenbahn GmbH
Mainzer Landstraße 55, 60329 Frankfurt/M.
Tel. (069) 25 56-13 14/13 15, Fax (069) 25 56-16 02
info@derdichtebau.de, www.derdichtebau.de

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Datum 4. Dezember 2019
Autor nwerner
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