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Bauwerksgeburtstag

100 Jahre Grand Central Terminal, New York City

Wenn in amerikanischen Filmen oder Fernsehserien einer der Charaktere in New York City mit dem Zug ankommt, dann wird die Szene mit aller Wahrscheinlichkeit im Grand Central Terminal gedreht, denn kein anderer Bahnhof in New York ist so bekannt wie dieser. Das hat womöglich seinen Grund darin, dass das am 2. Februar 1913 eröffnete Gebäude der größte Bahnhof weltweit ist nach Anzahl der Bahnsteige: 44 mit insgesamt 67 Gleisen, alle unterirdisch auf zwei Ebenen verteilt.

Grand Central Depot, 1880 (Foto: Wikipedia)

Bevor das Grand Central Terminal erbaut wurde, standen an der gleichen Stelle bereits zwei weitere Bahnhöfe. 1871 hatte das von John B. Snook (1815-1901) entworfene Grand Central Depot eröffnet, in dem zum ersten Mal die Züge drei verschiedener Eisenbahnunternehmen eine gemeinsame Infrastruktur nutzen konnten. Gleichzeitig wurden für US-amerikanische Verhältnisse ein paar Neuerungen eingeführt: Die Bahnsteige waren so hoch gebaut wie die Böden der Eisenbahnwagen, die Bahnsteighalle bot ein eine Überdachung über alle Gleise mit einer Spannweite und nur Passagieren mit gültigen Fahrkarten wurde der Zugang zu den Zügen erlaubt.

Grand Central Terminal von Park Avenue / 42nd Street aus gesehen (Foto: Francisco Velasco)

Von 1899 bis 1900 wurde das Empfangsgebäude vollständig abgerissen und durch ein von Bradford Gilbert (1853-1911) entworfenes ersetzt. Die Bahnsteighalle verblieb und das neue Gebäude erhielt den Namen “Grand Central Station”, der auch für den heutigen Bahnhof noch gerne verwendet wird. Aber schon drei Jahre danach begannen die Bauarbeiten für das heutige Terminal. Der Vorgängerbau wurde Stück für Stück abgebrochen und mit dem neuen Entwurf der Architekturbüros Reed and Stem und Warren and Wetmore ersetzt. Gleichzeitig wurden die betroffenen Bahnstrecken elektrifiziert und unter die Erde verlegt. Dadurch konnten die “air rights” über den Bahnsteigen und Gleisen verkauft werden. Es entstand in den darauffolgenden Jahrzehnten der gefragteste Gewerbe- und Bürobezirk Manhattans rund um den Bahnhof und Park Avenue wurde komplett verwandelt. Die Idee dafür und die Planung der Gleisanlagen stammt vom Ingenieur William J. Wilgus (1865–1949), der bei der New York Central and Hudson River Railroad Chefingenieur zu Baubeginn war.

Obere Gleisanlagen (Foto: Wikipedia)

Die folgenden Jahrzehnte stieg der Zugverkehr zu Grand Central stetig an. 1947 nutzten 65 Millionen Fahrgäste den Bahnhof. Dies entsprach zu der Zeit etwa 40% der Bevölkerung der gesamten USA. Danach begann jedoch der Niedergang der großen Eisenbahngesellschaften der USA, da immer mehr Fahrgäste auf das Auto oder Flugzeuge umstiegen. Aufgrund dieser Entwicklung wurde auch der zweite große Bahnhof in New York City, Pennsylvania Station, 1964 abgerissen, unter die Erde verlegt, um mit Immobilien darüber (u.a. Madison Square Garden) die Verluste im Eisenbahngeschäft auszugleichen. 1968 gab es ähnliche Bestrebung für Grand Central Terminal. Ein vom Architekt Marcel Breuer (1902-1981) entworfener Wolkenkratzer sollte den Bahnhof ersetzen. Nur sechs Monate zuvor war der Bahnhof allerdings bereits von der Stadt unter Denkmalschutz gestellt worden. Die Eisenbahngesellschaft sah darin eine Enteignung, konnte aber selbst vor dem Supreme Court, dem höchsten amerikanischen Gerichtshof, nicht bestehen. Der Oberste Gerichtshof entschied sich für die Erhaltung des Grand Central Terminal und stärkte damit denkmalpflegerische Regularien in den USA im Allgemeinen. 1976 erhielt der Bahnhof sogar den Status eines nationalen historischen Denkmals.

Unter der Park Avenue-Zufahrt (Foto: Francisco Velasco)

Verschiedene Aspekte beim Entwurf von Grand Central Terminal waren richtungsweisend für spätere Bahnhofsbauten und auch Flughäfen. So wurden Rampen anstatt Treppen benutzt, um die Niveauunterschiede zu bewältigen. Auch wurde Park Avenue als Hochstrasse um den Bahnhof herumgeführt. Gerade letzteres wird seitdem oft auch bei Flughäfen angewendet.

Deckengemälde von Paul César Helleu (Wikipedia/Arnoldius (CC-BY-SA))

Der Bahnhof ist aber auch für seine Architektur, Bildhauerei und andere künstlerische Elemente bekannt. Die voluminöse Haupthalle mit 84 Metern Länge, 37 Metern Breite und 38 Metern Höhe hinterlässt bei jedem Reisenden einen bleibenden Eindruck. Die Decke ist mit einem Sternenhimmel von Paul César Helleu (1859-1927) bemalt, der versehentlich oder absichtlich – das lässt sich nicht mehr genau feststellen – verkehrt herum dargestellt ist, denn man schaut nicht zu den Sternen hinauf, sondern wie die Götter auf die Sterne herab. Bei einer Restaurierung, die 1998 fertiggestellt wurde, hatte man angenommen, dass die Schwärzung der Decke auf von Ruß von Diesel- und Dampflokomotiven zurückzuführen sei, aber eigentlich von Teer und Nikotin aus Tabakrauch herrührte. In der Nähe der Oyster Bar befindet sich ein Gewölbe aus Gustavino-Kacheln, die einen ganz besonderen akustischen Effekt erzeugen. Wer in einer der vier Ecken gegen die Wand spricht oder auch nur flüstert, kann problemlos in der gegenüberliegenden Ecke gehört werden. Besonders beeindruckend sind auch die Uhr und Skulpturen von Jules-Felix Coutan (1848-1939) in der Hauptfassade: Merkur mit Minerva und Herkules insgesamt knapp 15 Meter hoch und damals vermutlich die höchste derartige Skulptur weltweit.

Grand Central Terminal - Haupthalle (Foto: Francisco Velasco)

Alle 58 Sekunden kommt heute ein Zug am Grand Central Terminal an. Millionen von Menschen nutzen den Bahnhof jedes Jahr. Auch wegen der Architektur dient er daher häufig als Filmkulisse für ankommende oder abreisende Charaktere. Dabei werden die Reiseziele nicht immer realitätsnah dargestellt. Wer von New York mit dem Zug in die Ferne fahren will, der kommt mit den Lokal- und Regionalbahnen dort nicht weit. Fernzüge von Amtrak halten dort seit 1991 nicht mehr. Wer nach Boston, Washington oder weiter will, muss vom weniger telegenen Bahnhof Pennsylvania Station abfahren.

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Datum 2. Februar 2013
Autor Nicolas Janberg
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