momentum magazin für Bauingenieure präsentiert von Ernst & Sohn
Bauwerksgeburtstag

100 Jahre Möhnetalsperre

Nach fünfjähriger Bauzeit wurde am 12. Juli 1913 die damals in Europa größte Talsperre eingeweiht. Seitdem dient die Möhnetalsperre als Wasserkraftwerk und der Stausee als Freizeitangebot für die Umgebung, aber in erster Linie wird damit die Wasserversorgung entlang der Ruhr sichergestellt.

Möhnetalsperre

Möhnetalsperre (Foto: Rainer Lippert)

Im Jahre 1904 wurde vorhergesagt, dass sich der Wasserverbrauch des stetig wachsenden Ruhrgebiets in den kommenden Jahren mehr als verdreifachen würde. Zu der Zeit boten die Stauseen der Ruhr und ihrer Zuflüsse bereits 32,4 Millionen Kubikmeter Stauvolumen, aber die Schätzungen lagen mittelfristig bei 100 Millionen Kubikmeter Wasser und sogar bei dem Doppelten davon für das Jahr 1925. Der 1899 gegründete Ruhrtalsperrenverein hatte bis dahin keine eigenen Talsperren gebaut, änderte aber am 28. November 1904 die Satzuung, um dies in Zukunft zu ermöglichen. Bereits am 22. Mai 1905 wurden erste Pläne für eine große Staumauer an der Möhne diskutiert. Der technische Entwurf der Staumauer stammte aus der Hand des Regierungsbaumeisters und Wasserbauingenieurs Ernst Link (1873-1952), der später auch die Ausführung leitete. Sein Entwurf beruht auf dem nach seinem Lehrer, Otto Intze (1843-1904), benannten Prinzip für den Talsperrenbau, und ist damit eine gebogene Gewichtsstaumauer aus Bruchsteinmauerwerk mit einem quasi dreieckigem Querschnitt und einem “Intzekeil” aus Lehm auf der Wasserseite. Zur Verschönerung der Talsperre, die weithin sichtbar sein würde, wurde 1907 zusätzlich ein Architektenwettbewerb mit einem Preisgeld von 2000 Reichsmark ausgelobt, den der Kölner Architekt Franz Brantzky (1871-1945) gewann.

Möhnetalsperre nach dem britischen Bomberangriff

Möhnetalsperre nach dem britischen Bomberangriff (Foto: Flying Officer Jerry Fray/RAF)

Während im nur ein Jahr nach der Einweihung ausgebrochenen Ersten Weltkrieg schon Bombardements aus der Luft stattfanden, erreichten diese erst im Zweiten Weltkrieg eine derartiges Ausmaß, dass auch Staudämme aus der Luft gezielt angegriffen wurden, um die desaströsen Folgen der Flutwelle auszunutzen. Zur Verteidigung der Möhnetalsperre wurden daraufhin Netze im Stausee gespannt, die Torpedos weit vor der Mauer abfangen sollten. Auch sogenannte Sperrballons flogen über der Talsperre, um Flugzeuge von einem zu tiefen Überflug abzuhalten.

Die britische Air Force entwickelte jedoch Anfang 1943 sogenannte “bouncing bombs” – zylindrische Bomben, die nach dem Abwurf durch Eigenrotation auf der Wasseroberfläche wie Steine hüpfen, die Torpedonetze dadurch überspringen und nach Verlust der Eigengeschwindigkeit versinken und schließlich explodieren. In der Nacht vom 16. auf den 17. Mai 1943 wurden in der Operation Chastise diese Bomben bei Angriffen auf die Talsperren der Möhne, Eder, Sorpe, Liste und Ennepe eingesetzt. Als erstes wurde die Möhnetalsperre angegriffen, die von drei Bomben getroffen wurde. Das Mauerwerk wurde dabei so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass durch Risse austretendes Wasser einen 77 Meter breiten und 23 Meter hohen Keil aus der Mauer brach. Die Flutwelle ergoss sich die Möhne entlang ins Ruhrtal. Die Zahl der Todesopfer wird zwischen 1200 und 1500 geschätzt. Auch die als zweites angegriffene Eder-Talsperre wurde ähnlich stark geschädigt. Die Sorpe- und Ennepetalsperren wurden zwar getroffen, hielten aber stand und die Listertalsperre blieb den Bomberpiloten wegen Nebels gänzlich verborgen.

Überlauf der Möhnetalsperre

Überlauf der Möhnetalsperre (Foto: Kai Kientopf (CC-BY-SA 3.0))

Der Wiederaufbau der Möhnetalsperre begann umgehend und bereits am 3. Oktober 1943 wurde die Fahrbahndecke auf der Dammkrone wiederhergestellt. Es erfolgten keine weiteren Angriffe. Die Kraftwerke waren beim Angriff auch zerstört worden, konnten aber erst nach dem Krieg wieder hergestellt werden. Noch heute, 100 Jahre nach ihrer Fertigstellung, ist die Möhnetalsperre ein wichtiger Baustein bei der Steuerung der Wasserführung der Ruhr und stellt über 25 Prozent des gesamten Stauraumes zur Verfügung. Sie steht inzwischen unter Denkmalschutz.

Weiterführende Links

Bildergalerie

Leserkommentare

  1. Karl-Heinz Does, Schriftführer des Heimatvereins Möhnesee | 12. Juni 2014

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    vielleicht ist eine kleine Korrektur zu Ihrem Artikel erlaubt: beim Angriff auf die Staumauer 1943 wurde das Hauptkraftwerk zerstört, das alte Nebenkraftwerk aber blieb stehen und wurde in der zweiten Hälfte der 1950er Jahre gesprengt, da es nicht mehr benötigt wurde.
    An der Südseite des Ausgleichsweihers wurde zu Beginn der 1950er Jahre ein neues Hauptkraftwerk und zur Westseite des Ausgleichsweihers ein neues Nebenkraftwerk errichtet.
    Mit freundlichen Grüßen
    Karl-Heinz Does

Schreibe einen Kommentar…

Im Netz teilen

Datum 12. Juli 2013
Autor Nicolas Janberg
Schlagwörter , ,
Teilen facebook | twitter | Google+

...