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Bauwerksgeburtstag

100 Jahre Woolworth Building

Woolworth Building, New York (Foto: Nicolas Janberg/Structurae)

Wenn man über die Brooklyn Bridge nach Manhattan hinein fährt sieht man schon von weitem einen der am aufwändigsten gestalteten Wolkenkratzer der Stadt, das Woolworth Building. Aufgrund seiner Lage am City Hall Park ist es auch einer der wenigen in dieser dicht bebauten Gegend, den man wirklich von oben bis unten auch von weitem bewundern kann. Bei der Eröffnung des Gebäudes am 24. April 1913 soll Reverend S. Parkes Cadman (1864-1936) das Gebäude als “Cathedral of Commerce” bezeichnet haben, sowohl in Bezug auf die Höhe des Gebäudes als auch die im neugotischen Stil gestaltete Fassade.

Erbauen lies Frank W. Woolworth (1852-1919) das Gebäude aufgrund eines lang ersehnten Wunsches. Woolworth hatte bereits 1878 einen ersten, nur mit Waren zum Preis von 5 Cent gefüllten Laden in Utica, New York, eröffnet, mit dem er jedoch Pleite ging. Bereits im nächsten Jahr eröffnete einen ähnlichen Laden in Lancaster, Pennsylvania, der so erfolgreich lief, dass er gleich zwei weitere eröffnete. Diese musste er allerdings doch bald wieder schließen. Erst ein weiterer Laden in Scranton, Pennsylvania, lief wieder erfolgreich. 1882 verdiente Woolworth mit seinen beiden Läden bereits $24.125. Bis 1886 hatte er insgesamt sieben Läden, die $100.000 einbrachten. Schon 1895 überstiegen die Verkäufe in 25 Läden die Millionenmarke. Die Läden wurden in den USA sehr gut angenommen, sodass er 1909 seine Kette nach Großbritannien erweiterte. Der deutsche Ableger entstand jedoch erst 1926.

Der Baufortschritt am 2. Februar 1912 (Foto: Irving Underhill (1872–1960))

Für seine Warenhauskette benötigte Woolworth schließlich ein repräsentatives Gebäude, das sowohl den Erfolg seiner Firma als auch seinen persönlichen Wohlstand adäquat darstellen sollte. Allerdings sah er das Gebäude in Manhattan gleichzeitig als weiteres Investment und zukünftige Einkommensquelle, denn es bot weitaus mehr Bürofläche als seine Firma benötigte. Als Architekten wählte er Cass Gilbert (1859-1934), der zu dem Zeitpunkt eher im Beaux-Arts-Stil entworfen hatte. Zusammen mit dem norwegisch-amerikanischen Ingenieur Gunvald Aus (1851-1950), der für die Stahlkonstruktion verantwortlich war, entwarf er nicht nur mit 241 Metern das damals höchste Gebäude der Welt, sondern auch einen der eindrucksvollsten Wolkenkratzer der Stadt.

Alleine die Höhe des Gebäudes stellte eine besondere Herausforderung bei Planung und Ausführung dar. Für die Fundamente wurden Stahlrohre mit über fünf Metern Durchmesser im Schnitt 33,5 Meter tief im Boden versenkt, Grundwasser wurde mittels Druckluft herausgepresst und die Rohre dann mit Beton verfüllt, um die über 200.000 Tonnen Gesamtgewicht des Gebäudes bis auf tragenden Fels zu leiten. Die Gebäudekonstruktion selbst besteht aus einem Stahlskelett. Die anzuliefernden Stahlträger waren jedoch so schwer, dass die für den Transport benutzten Straßen auf ihre Tragfähigkeit getestet werden mussten.

Baufortschritt am 1. Juli 1912 (Foto: Irving Underhill (1872–1960) )

In dem  Gebäude wurden mehr Aufzüge als damals üblich installiert, was zum wirtschaftlichen Erfolg der Immobilie beigetragen haben soll. Das Woolworth Building wurde auch als erstes Gebäude mit einem eigenen Kraftwerk ausgestattet. Vier Maschinen erzeugten genug Strom für eine Stadt mit 50.000 Einwohnern und versorgten das Bauwerk mit Licht, Heizung, Lüftung, etc.

Die Terrakotta-Fassade wurde sehr aufwändig dekoriert, genauso wie die Innenräume. Für die Angestellten, die im Gebäude arbeiteten, wurde in einem der Untergeschosse ein Schwimmbad eingebaut. Ihnen standen auch Restaurants,  Geschäfte und Praxen zur Verfügung. Frank Woolworth selbst war anscheinend sehr zufrieden mit seinem Gebäude, dessen Baukosten von $13,5 Millionen er in bar beglich, verstarb aber bereits sechs Jahre nach dessen Fertigstellung. Sein Büro wurde nach seinem Tod von den Vorständen der Firma genutzt. Die Eingangshalle ist besonders prunkvoll ausgestattet, aber auch mit Witz: In den Ecken des Gewölbes befinden sich Karikaturen der wichtigsten Beteiligten an dem Bauwerk.

Woolworth Building bei Fertigstellung 1913 (Foto: The Pictorial News Co., N.Y.)

Bis 1998 blieb das Woolworth Building im Besitz der Firma Woolworth, musste aber nach der Pleite der Billigladenkette verkauft werden. Für $155 Millionen ging das Gebäude an die Witkoff Group. Im August 2012 berichtete die New York Times über Pläne, die oberen 30 Stockwerke bis 2015 in 40 Luxuswohnungen umzuwandeln. Das Penthouse in der Spitze soll dabei alleine fünf Stockwerke umfassen. Die unteren 28 Stockwerke werden jedoch weiterhin als Büros genutzt. Auch der über 16 Meter lange Pool soll in dem Zuge nach vielen Jahren ohne Nutzung wieder für seinen eigentlich Zweck hergerichtet werden. Der Preis für eine Wohnung mit 232 m² könnte bei $7,5 Millionen liegen.

Den Höhenweltrekord behielt das Woolworth Building bis 1930, wurde in dem Jahr aber gleich zweimal übertrumpft: Vom 40 Wall Street (Trump Building) mit 283 Metern im April und vom Chrysler Building mit 319 Metern Ende Mai. Im Folgejahr wurde das Empire State Building fertiggestellt, das mit 381 Metern derzeit noch das höchste Gebäude Manhattans ist. Auch durch den inzwischen als “Commercial Gothic” bezeichneten Stil, in dem viele nachfolgende Wolkenkratzer entworfen wurden, hat das Woolworth Building einen großen Einfluss auf den Hochhausbau gehabt. Mit dem Lincoln American Tower in Memphis, Tennessee, gibt es sogar eine verkleinerte Nachbildung (88 Meter).

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Datum 24. April 2013
Autor Nicolas Janberg
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