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Vermischtes

150 Jahre DYWIDAG

Das Planetarium in Jena

Das Planetarium in Jena (Foto: DSI Holding GmbH)

Im Jahr 2015 feiert DYWIDAG sein 150-Jahres-Jubiläum. Aus diesem Anlass soll der Blick zurück auf die Anfänge des modernen Industriebaus gerichtet werden. Weit spannt sich der Bogen – das war der Titel der Jubiläumsbroschüre der Dyckerhoff & Widmann AG zum 100-jährigen Jubiläum im Jahre 1965. Wie viele technologische Entwicklungen es seit dem Zeitalter der Industrialisierung in Europa gegeben hat, wird offensichtlich, wenn man heute die Bauweise aus dem 19. Jahrhundert mit dem modernen Industriebau vergleicht. Heute, im 21. Jahrhundert, sind immer kühnere architektonische Entwürfe möglich, und wir wissen, dass diese Gestaltungskraft ohne die Entwicklung der Betonbauweise vom Stahlbeton bis hin zur Spannbetonbauweise nicht denkbar gewesen wäre.

Es lässt sich heute kaum ermessen, wie viel Wagemut und fundiertes technisches Wissen dazu gehörten, um unbewehrten Beton, der durch Druckstöße beim Stampfen verdichtet wurde (Stampfbeton), für Bauten einzusetzen, für die absolute Sicherheit das oberste Gesetz sein musste. Eine der ersten Betonbrücken in Deutschland baute DYWIDAG im Jahre 1880. Es war eine Ausstellungsbrücke von 12 m Spannweite auf der Düsseldorfer Gewerbe- und Kunstausstellung, die einen Pavillon trug (siehe dazu auch [1]). Der Abbruch der Brücke gestaltete sich später auf Grund der hohen Festigkeit des Betons außerordentlich aufwendig.

Eisenbahnbrücke Iller aus Stampfbeton

Eisenbahnbrücke Iller aus Stampfbeton (Foto: DSI Holding GmbH)

Die größte Stampfbetonbrücke entstand in den Jahren 1904 bis 1906 und führt über den Fluss Iller bei Kempten in Deutschland. Es ist eine Doppelbrücke mit Bögen von 64,5 Metern Stützweite. Noch heute – nach über 109 Jahren – erfüllt sie ihre Aufgabe und ist die weitest gespannte Eisenbahnbrücke der Welt aus Stampfbeton.

Heute beweist der Baustoff Beton im Schalenbau und im Spannbeton weltweit seine Überlegenheit. Beide Bauweisen sind untrennbar mit dem Namen Dyckerhoff & Widmann (DYWIDAG) verbunden. 1922 entwickelten der Bauingenieur Franz Dischinger und der Physiker Walther Bauersfeld die Zeiss-DYWIDAG-Schalenbauweise (siehe dazu auch [2]). Bei dem auch als Zeiss-DYWIDAG-Verfahren bekannten System handelte es sich um den Vorläufer des heutigen Spritzbetonverfahrens für Ingenieurbauwerke. Die neu entwickelte Schalenbauweise verhalf DYWIDAG zu einer führenden Marktstellung im Industriebau. Im Jahre 1927 gewann DYWIDAG mit dem innovativen Entwurf einer Zweigelenk-Bogenrippenkonstruktion mit Zugband die Ausschreibung zum Bau der Saalebrücke Alsleben. Zunächst wurden im Rahmen der Bauarbeiten auf einer Seite der 68 m weit gespannten Bögen Zugbänder befestigt und lose über eine Aussparung in der Mitte der Fahrbahnlängsträger geführt. Anschließend wurden die Zugbänder mittels einer neu entwickelten Ausziehvorrichtung bis zur Gebrauchslast vorgespannt und dann einbetoniert. Dieses Projekt bildete einen ersten wichtigen Schritt hin zum vorgespannten Beton.

Die vorgespannte Balkenbrücke Bendorf

Die vorgespannte Balkenbrücke Bendorf (Foto: DSI Holding GmbH)

Eine neue Epoche leitete dann der von DYWIDAG entwickelte Spannbetonbau ein. Durch diese Bauweise triumphierte der Beton sozusagen erstmals über das Gesetz der Schwerkraft und kam in Gebieten zum Einsatz, in denen man ihm vorher niemals eine Chance gegeben hatte. Nun konnten auch Großbrücken in Spannbeton- anstatt Stahlbauweise realisiert werden. Als überzeugendes Beispiel für diese Entwicklung führt nördlich von Koblenz die Bendorfer Brücke über den Rhein, die mit einer Spannweite von 208 m bei ihrer Eröffnung im Jahre 1965 die am weitesten gespannte Betonbalkenbrücke der Welt war. Eine Brücke, die auch heute, im Jahre 2015, noch voll in Betrieb ist.


DYWIDAG-Know-how für internationale Projekte

In den 1950er-Jahren begann DYWIDAG zusätzlich zum traditionellen Baugeschäft weltweit Lizenz- und Beratungsverträge für die Anwendung der verschiedenen hochentwickelten DYWIDAG-Bauweisen abzuschließen. Dabei kamen DYWIDAG die Erfolge im Spannbeton besonders zugute. Das galt vor allem für folgende Bereiche:

  • Brücken mit DYWIDAG-Spannverfahren
  • Großbrückenbau nach dem patentierten DYWIDAG-Freivorbau-Verfahren
  • DYWIDAG-Spannbetonschwellen

In Europa wurde das DYWIDAG-Spannverfahren oft in Verbindung mit dem Freivorbau-Verfahren und der Anwendung von Betonfertigteilen eingesetzt. Erste Projekte waren die Hafenbrücke Freudenau und die Brücke Au-Lustenau in Österreich. In Schweden wurde eine Vielzahl an Brücken im freien Vorbau sowie im Fertigteilbau gebaut. Dazu gehörte im Jahre 1957 die Brücke über den Källösund bei Skagerrak mit einer Hauptspannweite von 94 m. Weitere Lizenzverträge wurden anschließend in Dänemark, Finnland, Norwegen und in den Niederlanden abgeschlossen.


Strategische Partnerschaft mit Sumitomo, Japan

In Japan kam das DYWIDAG-Spannverfahren seit den 1950er-Jahren zur Anwendung. Das Problem der weiten Entfernung wurde durch die Verbindung mit der Firma „Sumitomo Electric Industries“ gelöst, die in ihrem Werk in Itami einen Spannstahl entwickelte und eine Lizenz für das DYWIDAG-Spannverfahren in Japan und weiteren asiatischen Ländern erwarb. Sumitomo vergab ihrerseits wieder Unterlizenzen an große japanische Bauunternehmen. So wurden in den Jahren 1959 bis 1965 in Japan bereits 18 Brücken mit Einzelspannweiten von 100 m und Brückenlängen von bis zu 800 m im Freivorbau-Verfahren gebaut.


Internationale Infrastrukturbauten

DYWIDAG konzentrierte sich aber nicht nur auf den Brückenbau, sondern war damals an vielen unterschiedlichen Projekten maßgeblich beteiligt. Als besondere Herausforderung sei hier der Bau des Hardap-Damms bei Mariental in Namibia genannt. Im Rahmen einer internationalen Ausschreibung entschied sich der Auftraggeber im Jahre 1959 für einen Entwurf, an dessen Ausführung auch DYWIDAG beteiligt war. Das Projekt sah eine Kies-Geröllschüttung vor, die Wasserseite wurde mit einer bituminösen Dichtungsschicht abgedichtet. Der Damm ist von einem Wehrbauwerk unterbrochen, für das 90.0000 m³ Beton verbaut wurden. Der Staudamm wurde im Jahre 1963 fertig gestellt. In den Folgejahren wurde die Internationalität kontinuierlich ausgebaut.

1982-1986 erfolgt beispielweise der Bau des Randenigala-Staudamms in Sri Lanka.


Die Anfänge der DYWIDAG-Systems International (DSI)

Das Lizenz- und Beratungsgeschäft war für eine klassische Baufirma eine völlig neue Geschäftsidee.

Nachdem DYWIDAG bereits in den 1950er-Jahren dazu übergegangen war, sukzessive Lizenz- und Beratungsverträge für die Anwendung der DYWIDAG-Bauverfahren in vielen Ländern abzuschließen, bildete der kontinuierliche Ausbau des Lizenzgeschäfts einen sehr erfolgreichen Bestandteil des DYWIDAG-Auslandsgeschäfts. Erst Anfang der 1960er-Jahre wurde eine darauf spezialisierte Lizenzabteilung bei DYWIDAG in München einge­richtet. Aufgabe dieser Fachabteilung war die Bearbeitung aller mit dem Lizenzgeschäft verbundenen Fragen und die Unterstützung der Lizenznehmer mit Know-How. Die Lizenzabteilung bildete damit gewissermaßen die Ur-DSI.

Der Bau der Brenner-Autobahn und weiterer Autobahnen Mitte der 1960er-Jahre eröffnete für das Lizenzgeschäft auch den Baumarkt in Italien. Das rasche Wachstum dieses Marktes führte 1970 zur Gründung der Beteiligungsgesellschaft DYWIT mit Sitz in Mailand. Sie entwickelte sich in den Folgejahren zu einer der erfolgreichsten Vertretungen des Lizenzgeschäfts im Ausland.

Die im Lizenzgeschäft erzielten Erfolge führten dazu, auch den Sprung über den Ozean nach USA und Kanada zu wagen. So wurde 1969 in USA die DYWIDAG Inc. gegründet und damit verbunden auch ein Zweigbüro in Kanada eröffnet.

Nach dem erfolgreichen Aufbau von Vertretungen in Europa, Amerika und Asien befasste sich DYWIDAG mit der Erweiterung und Erneuerung der Produktpalette. So zeigte sich bereits Anfang der 70er Jahre, dass die einseitige Festlegung des Lizenzgeschäfts auf Spannbeton und die Verwendung von Spannstäben den Anforderungen der Märkte nicht mehr genügte. Hierauf reagierte man mit der Entwicklung eines verbesserten Stabspannsystems mit Zubehör der Güte St 110/125. Mitte der 1970er-Jahre entschloss sich DYWIDAG, als weiteren Schritt ein Litzen-Spannsystem zu entwickeln. Zusätzlich zu dieser revolutionären Erweiterung der Spanntechnik wurde auch die Geotechnik immer wichtiger. Sie entwickelte sich neben der Spanntechnik sehr schnell zum zweiten Standbein. Insbesondere der DYWIDAG-Gewindestab war für geotechnische Anwendungen prädestiniert und die Forschungs- und Entwicklungsabteilung arbeitete mit Hochdruck an der Entwicklung weiterer hochwertiger geotechnischer Systeme. Ein wichtiges Schlüsselprodukt war der neue DYWIDAG-Bodenanker mit doppeltem Korrosionsschutz.

In den Folgejahren wurde die Produktpalette an geotechnischen Produkten immer weiter ausgebaut und parallel dazu auch das Portfolio an Litzenspannsystemen und Stabspannsystemen entsprechend der dynamischen Marktentwicklung kontinuierlich erweitert. Der Vertrieb erfolgte sowohl über das internationale Netzwerk an Lizenznehmern als auch über eigene Beteiligungsgesellschaften. Diese Maßnahmen eröffneten der Lizenzabteilung des Auslandsgeschäfts völlig neue Wettbewerbschancen und damit die Gelegenheit zu weiterem starkem Wachstum. Die Leitung der DYWIDAG erkannte, dass das Wachstum nicht mehr mit einer an DYWIDAG angegliederten Lizenzabteilung zu bewältigen war und dass hierfür die Gründung einer darauf spezialisierten Tochterfirma notwendig wurde.


1979 – Gründung der DYWIDAG-Systems International

Die Schrägseilbrücke Kap Shui Mun in Hong Kong

Die Schrägseilbrücke Kap Shui Mun in Hong Kong (Foto: DSI Holding GmbH)

So kam es 1979, dass aus der DYWIDAG-Lizenzabteilung die eigenständige Firma DYWIDAG-Systems International (DSI) wurde. Die neue DSI veränderte sich sehr schnell und trat immer stärker als global agierendes Unternehmen auf. Anfang 1979 hatte die DSI bereits über 450 Mitarbeiter. Die DSI stärkte kontinuierlich ihr internationales Geschäft, und Produkte und Systeme wurden noch stärker auf die Anforderungen und Bedürfnisse einzelner lokaler Märkte ausgerichtet und optimiert. Das zwei-Säulen-Modell, bestehend aus DYWIDAG-Geotechnischen Systemen und DYWIDAG-Spannsystemen wurde über die Jahre stetig weiterentwickelt, und aus dem Know-How der Spanntechnik entwickelte man auch Systeme für Schrägseilbrücken mit unterschiedlichen Verankerungstypen. Ein besonderes Beispiel für dieses spezielle Know-How war 1995 der Bau der Kap Shui Mun Brücke in Hongkong, China. Ende der 1990er-Jahre wurden strategische Überlegungen durchgeführt, um der DSI-Gruppe zusätzliche Wachstumschancen zu eröffnen. Die Entscheidung fiel dann im Jahre 2000.


2000 – Markteinstieg Bergbau

Im September 2000 übernahm die DSI die ehemalige ANI Arnall in Australien. Das Unternehmen war und ist auch heute noch auf die Produktion von Stützmitteln für den Untertage-Bergbau spezialisiert. Nach der erfolgreichen Akquisition erfolgte der Marktauftritt als DYWIDAG-Systems International Pty. Ltd.

Ausgehend von den Bergbau-Aktivitäten in Australien wurden im Jahre 2002 weitere Werke in Südafrika und in Nordamerika aufgebaut. Die neuen Produktionsstandorte befinden sich jeweils in Bergwerkszentren, wodurch logistische und infrastrukturelle Vorteile zur optimalen Belieferung der lokalen Kunden genutzt wurden. Durch diese Diversifikation erreichte DSI eine höhere Unabhängigkeit von den Konjunkturzyklen der Bauindustrie.


2005 – Ende der Dyckerhoff & Widmann AG

Im Jahr 2001 wurde die Dyckerhoff & Widmann AG mit der Walter Bau AG zur „Walter Bau AG vereinigt mit DYWIDAG“ verschmolzen. Am 1. Februar 2005 musste das Unternehmen Insolvenz anmelden ein schwerer Schlag für viele Tausend Mitarbeiter in Deutschland und weltweit. Die DSI arbeitete aber bereits seit vielen Jahren erfolgreich und weitgehend unabhängig. 2004 beschäftigte sie bereits über 1.100 Mitarbeiter weltweit. Nach der Insolvenz der Muttergesellschaft wurde die DSI durch den Finanzinvestor Industri Kapital übernommen.

Auf Grund der guten Zusammenarbeit zwischen Management und Investor standen die Zeichen weiterhin auf Wachstum und zwar kombiniert aus einem starken organischen Wachstum und einem Wachstum durch Akquisitionen.

In der Folge schuf DSI im Jahre 2005 eine weitere globale Einheit im Bereich Tunnelbau durch die Akquisition zweier marktführender Unternehmen in Österreich und in den USA. 2006 trat DSI in den Bereich „Concrete Accessories“ ein und übernahm in Frankreich drei führende Produzenten und Anbieter sowie ein Unternehmen in Deutschland. Im zweiten Halbjahr 2007 wurde DSI von Industri Kapital an einen weiteren Finanzinvestor, CVC Capital Partners, verkauft. Das DSI Netzwerk war im Jahre 2007 in 90 Ländern der Welt mit eigenen Gesellschaften, Beteiligungen, Lizenznehmern und Agenten aktiv. Auf Grund der Finanzkrise 2008/2009 erfolgte eine Phase der Konsolidierung und Neuausrichtung des DSI-Konzerns. 2010 wurde DSI von der BAML (Bank of America Merrill Lynch) und von Barclays Capital übernommen und am 1. April 2011 an Triton Private Equity verkauft.

DSI ist heute im Bereich Bauindustrie in den Marktsegmenten Spanntechnik, Geotechnik und Concrete Accessories erfolgreich, im Bereich Untertagebau in den Marktsegmenten Bergbau und Tunnelbau aktiv. Für den DSI-Konzern arbeiten heute weltweit ca. 2.300 Mitarbeiter.

 

[1] Stegmann, Knut: Zu den deutschen Anfängen des Bauens mit Beton. Beton- und Stahlbetonbau 106 (2011), Heft 6, S. 415-424.

[2] May, Roland: Schalenkrieg. Ein Bauingenieur-Drama in neun Akten. Beton- und Stahlbetonbau 107 (2012), Heft 10, S. 700-710.

 

 

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Datum 27. Oktober 2015
Autor DYWIDAG
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