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Bauwerksgeburtstag

150 Jahre London Underground

Bau der Metropolitan Railway bei Kings Cross Station (P. Justyne, The Illustrated London News (2.2.1861))

Heutzutage gehören U-Bahnen zu jeder größeren Stadt. Ohne unterirdische Bahnnetze würden Metropolen am Individualverkehr sehr wahrscheinlich ersticken. Aber erst seit 150 Jahren ist dies überhaupt denkbar, denn am 10. Januar 1863 wurde in London nach nur dreijähriger Bauzeit die erste unterirdische, innerstädtische Bahnlinie eröffnet. Ob den Erbauern damals schon klar war, wie sie das städtische Leben in der ganzen Welt verändern würden, lässt sich heute nur noch schwer nachvollziehen, aber wer könnte sich die Stadt London heutzutage ohne ihre “Tube” vorstellen?

Dabei war die erste Linie gar nicht so typisch für die heutige “Tube”: Die damalige Metropolitan Railway verband Paddington Station mit King’s Cross Station mit Weiterfahrt nach Farringdon Street und war dampfbetrieben. Die 6,5 km lange Strecke ist inzwischen ein Teil der heutigen Circle Line geworden. Einfach war der Bau damals auch nicht. Schon 1846 hatte Charles Pearson sich als Jurist für die City of London Corporation für den Bau einer unterirdischen Eisenbahn stark gemacht und unermüdlich Lobbyarbeit betrieben. Erst 10 Jahre später wurde der Bau vom Parlament beschlossen, jedoch verzögerte sich die Ausführung aus finanziellen Gründen. Ein Teil der Finanzierung (£ 175.000) kam von der Great Western Railway, die mit Isambard Kingdom Brunel als Ingenieur 1838 eine der ersten Bahnstrecken überhaupt erbaut hatte, da sie von der Verbindung der Bahnhöfe zu profitieren hoffte. Zur Ausführung kam die Strecke nur nachdem Charles Pearson die City of London Corporation 1858 überzeugt hatte, sich an der Finanzierung zu beteiligen, indem die Bahngesellschaft Land von der Stadt kaufte, diese sich wiederum ein Aktienpaket von £ 200.000 sicherte. Eine Änderung der Streckenführung wurde noch 1859 vom Parlament genehmigt.

Das 1908 eingeführte und 1919 von Edward Johnston modifizierte Logo

Somit begann Anfang 1860 schließlich der Bau der Metropolitan Railway unter Chefingenieur John Fowler. Die Strecke wurde fast vollständig offen hergestellt und noch dazu per Hand. Die Einschnitte waren auf der Strecke 10.2 Meter breit mit Erweiterungen an den Bahnhöfen. Stützwände aus Mauerwerk wurden hergestellt, die ein elliptisches Gewölbe trugen, das aus Mauerwerk oder Eisenträgern bestand und 8.7 Meter überspannte. Da die Great National Railway und die Great Western Railway unterschiedliche Spurweiten nutzten, wurden jeweils drei Gleisstränge pro Fahrtrichtung verlegt. Natürlich verlief der Bau nicht problemlos. Im Mai 1860 stürzte ein Zug der Great National Railway am Bahnhof King’s Cross in die Baustelle. Später im Jahr hatte eine Kesselexplosion tödliche Folgen. Im Juni 1862 barst nach einem heftigen Regensturm ein Teil der Kanalisation und flutete die Baustelle. Letzeres verzögerte die Fertigstellung um einige Monate.

Schon im November 1861 hatten erste Testfahrten während des Baus stattgefunden, aber die erste Fahrt über die komplette Strecke fand erst im Mai 1862 statt. Am Ende des Jahres war der Bau schließlich mit Kosten von insgesamt 1,3 Millionen Pfund abgeschlossen. Nach einer offiziellen Inspektion und kleinen Nacharbeiten an der Signalanlage konnte die Metropolitan Railway die Strecke dann am 9. Januar 1863 offiziell eröffnen. Leider konnte ihr größter Verfechter, Charles Pearson, die Fertigstellung nicht mehr erleben, da er bereits im September 1862 verstorben war.

Die Metropolitan Railway war ein fulminanter Erfolg. Gleich am ersten Tag wurden 38.000 Passagiere befördert, sodass die Great National Railway noch zusätzliche Züge zur Verfügung stellen musste. Innerhalb der ersten 12 Monate wurden 9,5 Millionen Fahrgäste befördert. Im Folgejahr waren es schon 12 Millionen. Der Dampfbetrieb war gesundheitlich jedoch nicht unproblematisch, denn der Tunnel war nicht ausreichend belüftet, da man diesen für rauchfreie Lokomotiven ausgelegt hatte. Bevor genehmigte bauliche Veränderungen tatsächlich ausgeführt werden konnten, um dem Abhilfe zu schaffen, wurde die Strecke elektrifiziert.

Tunnelröhren als Grund für den Spitznamen "the Tube" (Wikipedia)

Den Spitznamen “Tube” erhielt die Londoner U-Bahn jedoch nicht aufgrund dieser ersten Strecke, sondern nach der weltweit ersten im Schildvortrieb erbauten Strecke der City and South London Railway, die heute ein Teil der Northern Line ist. Die Besonderheit dieser und anderer Strecken der London Underground sind die sehr engen und namensgebenden Tunnelröhren (“tubes”) und die an die kreisrunde Form angepassten Züge.

Die komplette Geschichte der London Underground kann an dieser Stelle natürlich nicht beschrieben werden. Sie ist nicht nur die erste U-Bahn überhaupt, sondern war lange Zeit auch die mit dem längsten Streckennetz (derzeit 402 km, davon 45% unterirdisch) und wurde erst vor einigen Jahren von Beijing und Shanghai überholt. Sie bedient 270 Stationen – die man bei derzeitigem Rekord innerhalb von 16 Stunden 29 Minuten und 13 Sekunden alle besuchen kann – und transportiert über 3 Millionen Fahrgäste täglich bzw. fast 1,2 Milliarden pro Jahr. Nur die Metros von Paris und Moskau werden öfter genutzt.

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Datum 9. Januar 2013
Autor Nicolas Janberg
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