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BIM - Building Information Modeling, Vermischtes

BIM Bauen ohne Streit ? Überlegungen zum vernetzten Planen

BIM-Grafik

BIM-Grafik (Grafik: BP_Archikomm)

Das Akronym BIM taucht immer häufiger in Zeitungen, Fachzeitschriften und Internetforen auf. Sensibilisiert gerade auch durch in die Presse geratenen Großprojekte und deren Kostenexplosionen scheinen neue, vernetzte Planungsstrategien erforderlich, um der Komplexität heutiger Bauaufgaben Rechnung tragen zu können.

Was in der Industrie unter 4.0, die vernetzte Fertigung in Fabriken, angestrebt wird, ist in der Baubranche das BIM. Die Rede ist von Building Information Modeling kurz BIM. Gemeint ist hier nicht ein Grafikprogramm welches dreidimensionale Modelle von Gebäuden oder Industriegütern erstellt, sondern eine Methode, ein virtuelles, dynamisches Modell zu erzeugen, welches dem Ideal nach mit allen relevanten Informationen zu seiner realen Umsetzung und Bewirtschaftung behaftet ist. Das ‘modelling’ ist in der Handhabung daher auch eher ein ‘managing’.

In diesem Ideal arbeiten alle am Produktionsprozess beteiligten Akteure ihr fachspezifisches 3D-Modell, zum Beispiel Konzeptmodell, Marketingmodell, Entwurfsmodell, Mengenmodell, Produktionsmodell, Bestandsmodell in das Gesamtmodell ein, welches interaktiv auf alle Teilmodelle zurückwirkt.
Damit das Teilmodell mit dem Gesamtmodell kommunizieren kann, bedarf es eines Schlüssels der die Kompatibilität unterschiedlicher Rechenprogramme ermöglicht. Dieser „Schlüssel“ heißt zur Zeit Industry Foundation Classes (IFC). Er beschreibt einen Gebäudemodellstandart der den soaftwareübergreifenden Austausch von Bau-und Facility-Management Daten unterschiedlicher Anwendungen ermöglicht. Unter der Begrifflichkeit „Open BIM“ versucht der 1995 von führenden Software-Anbietern mit ins Leben gerufene und gegründete Verein, heute ‘building smart’, einen offenen Standard zu schaffen, mit dem erklärten Ziel: „ … die Projektabwicklung mittels effizienter Methoden integrierter Informationsverarbeitung durchgängiger und effektiver zu gestalten und damit qualitäts-, termin- und kostensicherer zu machen.“

Soweit die Theorie – und der Anspruch? Der Sache nach, also in seiner polit-ökonomischen Bedeutung, handelt es sich hier um ein gigantisches Rationalisierungsprogramm der Baubranche. Es sei daher „höchste Zeit, vernetztes digitales Planen in Deutschland voranzubringen“, so Bauindustrie-Präsident Thomas Bauer.


Warum Effizienz und Kostensenkung nicht dasselbe sind

Für die Globalplayer unter den Planern ist die Projektabwicklung mit Hilfe von BIM schon zu einer Notwendigkeit geworden. Zunehmende Spezialisierung und Fragmentierung machen das Bauen komplexer, erzeugen zusätzliche Abhängigkeiten, steigern Kosten und Termindruck und erhöhen damit die Risiken. Konkurrenten in den USA, England und Skandinavien arbeiten bereits mit dem BIM Standard. Bevor der rationalisierte Prozess zu einem gesellschaftliche Standard wird und damit der Kostenvorteil – der jetzt noch durch einen Extraprovit möglich ist – nivelliert wird, haben Baukonzerne ihre inhouse-Abteilungen bereits den Maßstäben der Effizienzsteigerung unterworfen: Mengenmodelle, Bauablaufmodell, Risikomodell, Kollisonsprüfungen…
Baukonzerne sprechen von Einsparpotenzialen von bis zu zwölf Prozent! Wobei diese zwölf Prozent Kostenersparnis in erster Linie nicht bei ihnen selbst sondern an den Schnittstellen generiert werden (z.B. Bauherr/Öffentliche Hand, kleinere und mittlere Unternehmen, KMU). In der Wertschöpfungskette stellen diese Schnittstellenakteure neben der Öffentlichen Hand das größte Kostenrisiko für Baukonzerne dar. Das Bim Modell wäre ein effektives Instrument der Kontrolle und für ein Nachtragsmanagement als Folge von sogenannten Bauablaufstörungen.

Mehr Effizienz durch BIM ist nicht zu verwechseln mit mehr Vernunft in der Zusammenarbeit. Hier geht es in erster Line darum, Zeit zu sparen und Risiken zu minimieren, mit dem Ziel, mehr Profit zu generieren. Von daher ist es nicht verwunderlich, dass die Ex-pertenliste der Reformkommission Bau bei Großprojekten gerade mal ein Architekturbüro aufführt, welches – mit über 230 Mitarbeitern – zwar Strukturen im gehobenen Managerbereich nötig hat und abbildet, aber bestimmt keinen Repräsentanten für den durchschnittlichen Planer mit einer Mitarbeitergröße von 3 bis 10 Personen darstellt.

Eine Kostensteigerung wie beispielsweise für die Elphilharmonie in Hamburg wäre durch den Einsatz von BIM auch nicht vermeidbar gewesen. Ein Brotbackautomat kann nur das Brot backen, für das eine Backmischung hineingegeben wurde. Aus Weizenmehl wird kein Roggenmischbrot. Und ein Finanzierungsmodell wie beim Flughafen Berlin Brandenburg, welches in seiner Struktur hoch spekulativ ist, wir durch BIM auch nicht weniger riskant.
Im Idealfall ist die Rede von einem Echtzeitmodell, einem „livestream“ der am Bau beteiligten Partner. Wie weit dieses Idealbild derzeit noch von der Realität entfernt ist, wird am Vergleich mit Straßennavigationssystemen deutlich. Die reine Fahrzeit um von A nach B zu gelangen, lässt sich unter Berücksichtigung eines zu einem Zeitpunkt „x“ erhobenen Straßensystems errechnen. Ich er-halte eine Prognose meiner Ankunftszeit. Straßenveränderungen, kurzfristige Einbahnstraßen, Staus, Sperrungen, Unfälle, um nur einige Parameter zu nennen, die dem Straßenverkehr immanent sind, werden nur teilweise und zufällig als Störung abgebildet. Wie sollen hier „Störungen“ autarker Bauprozessbeteiligter gehändelt werden? Wer trägt in diesem optimierten Prozess die Risiken, die heute zwar ärgerliche, aber akzeptierte Normalität darstellen? Haftet der Architekt mit seiner gesamtschuldnerischen Haftbarkeit §421 BGB? Welche Toleranzen zwischen Idealmodell und Realbild sind zulässig oder einklagbar? Wie wird eine strategische bedeutende Datensicherheit gewährleistet? Wie wird mit Urheberechten, Insolvenzen im Bauprozess, etc. verfahren?

Der Bundesverkehrsminister möchte Pannen bei Großbauprojekten zukünftig mit einem „Frühwarnsystem“ begegnen. Eine genaue Projektsteuerung mit einer Kontrolle von Kosten und Terminen soll die Risiken sichtbar werden lassen. Risiken bleiben also unterstellt. Das „Genauere“ verspricht man sich durch den digitalen Planungsprozess. BIM als rechtsverwertbare Dokumentationsquelle?

Eine Vernetzung der Beteiligten soll demnach Teil des Risikomanagements werden. Als Pilotprojekte hat man sich Ingenieurbauten – Brücken und Tunnel gewählt. Wie weit diese Vorhaben von der Bauwirklichkeit eines Architekten entfernt sind, kann man dem Statement des Bahn-Infrastrukturvorstand Volker Kefer entnehmen: „Mit einem digitalen Abbild sieht man bereits im Modell und nicht erst auf der Baustelle, wenn an einer Stelle kein Lüftungsschacht gebaut werden kann, weil dort ein Pfeiler steht.“ Es wird also wieder das alte Bild der 3D-Computersimulation gewählt, mit der ein vermeidbarer Planungsfehler aufgedeckt werden soll. Mit dieser Vorstellung ist man von der digitalen Vernetztheit aller Akteure in einem Managementsystem aber noch weit entfernt.
Was BIM als zukünftigen Standard nicht ausschließt. Architekten und Planer tun deshalb gut daran, sich frühzeitig über ihre Rolle als Subunternehmer im BIM Management Gedanken zu machen, denn es werden nur wenige große Büros sein, die den Baukonzernen die Rolle des BIM Managers streitig machen können.


Dieser Beitrag wurde in XIA 04-06-2015 Intelligente Architektur erstveröffentlicht.

 

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Datum 5. August 2015
Autor Reinhold Johrendt und Bernd Pastuschka HCU Hamburg, Bauökonomie
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